Ein Tag voller Scheibenwelten

Kurzfrequenzen … ein wenig Kopf sortieren.

Einen Menschen getroffen, der sich so sehr vernachlässigt hat, dass ich den Anblick und das gezwungener Maßen nahe Beisammensein kaum ertragen konnte. Was muss passieren, dass man sich so sehr vergisst.

Kochen. Zwei Stunden. Eine Art reine  Meditation. Zwei Stunden zu zweit geschnibbelt. Fleisch eingelegt. Ich an Gewürzpackungen gerochen. Bewundernd meiner tamilischen Freundin beim Kochen geholfen. Zwei komplette Knoblauch verbraucht. Acht Zwiebeln. Senfsaat. Kokosmilch. Kurkuma. Frischer Pfeffer. Verschiedenes Gemüse. Noch einige andere nicht näher hier erwähnte Zutaten. In einer Zeit mit ständig viel zu wenig Zeit, war das lange vorherige Einkaufen, das Schnibbeln und vor allem das „neue“ Kochen was ganz besonderes. Dazu so viel interessante Geschichten aus Sri Lanka. So viel Kultur. Tradition. Essgewohnheiten. „Gesundheitsvorsorge“. Essen hat einfach eine ganz andere Qualität, wenn man lange mit den Vorbereitungen beschäftigt ist. Erinnert mich ein wenig an die Vorbereitungen für Kalligraphie. In der japanischen Kalligraphie bist du auch mal gut zwei Stunden mit der Herstellung der Tusche beschäftigt. Das öffnet den Geist. Eigentlich wird sie in allen kreativen Spaten benötigt. Die Vorbereitungszeit. „Das Einlassen auf die Materie“….

Die Dritte die mit uns kochen wollte hatte es nicht geschafft, so brachten wir ihr das Essen ins Camp. Ein Flüchtlingscamp. In einem ehemaligen Betriebsgelände von Brinkmann. Dort wohnt sie. Seit mittlerweile über acht Monaten. Acht Monate zu zweit mit ihrem Bruder in einem Raum, ca 15 qm. Die einzelnen „Zimmer“ sind durch eine Art Baukastenwände aufgestellt. Raumhöhe ca 4 Meter. Stellwand ca 3 m hoch. Das heißt, nach oben hin alles offen. Der Nachbar rechts hört lauten Rap. Auf Spanisch. Klingt ziemlich cool. Weiter entfernt höre ich arabisch gesungene Klänge. Meine Freundin aus dem Camp grinst und erzählt mir wer dahin singt. Ich nickte und grinse mit. Sie hat mir zwei von den Jungs schon vorgestellt. Zwei extrem sympathische Anfang zwanzigjährige. Sie spielen Gitarre. Den Dritten kenn ich noch nicht. Noch nicht. Seine Stimme werd ich noch mal hören müssen. Vor einer Woche waren die Jungs bei mir im Atelier. Mein Atelier welches jetzt quasi Fusioniert ist und seit einer Woche nun offiziell in Bremens schönstem Fleck zu finden ist. Wer also Lust auf Netzwerken hat, mal nach Bremen kommen möchte, der spricht mich einfach gern an.  Auf das Camp und die näheren Umstände, oder sagen wir eher Zustände dort möchte ich nicht näher eingehen. Zumindest nicht heute. Was ich aber einfach noch kurz erzählen möchte, weil es mich doch echt mitnimmt, die einzelnen Zimmer dürfen nicht abgeschlossen werden. Aus Flucht und Sicherheitsgründen. Kann sich das jemand vorstellen? Da bist du in einem Camp mit mehreren hundert Menschen und kannst und darfst deine Tür nicht abschließen. Ich möchte nicht wissen wie oft sich nachts zu alleine befindlichen Frauen, die Türen öffnen…

Aber wer ein wenig Zeit erübrigen kann…. die Kids werden es danken. Und die Großen auch.

 

 

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6 Kommentare

  1. Danke für Deine Schilderungen.
    Sicher könnenen wir uns von den Flüchtlingen die Freude an einfachen Dingen abschauen. Das ging bei vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft verloren. Vielleicht kann das für unsere Gesellschaft noch sehr wichtig werden. Denn immer mehr Deutsche fühlen sich nicht mehr als Teil einer Wohlstandsgesellschaft.

    Und ja. Bei Sachen mit denen wir uns intensiv beschäftigen bekommen wir einen besseren Eindruck von deren Wertigkeit. Die Zubereitung von einem frischen Menü gehört dazu. Fastfood regt dagegen nur zu gedankenlosen Konsum an.

    Wer darüber nachdenkt, findet sicher viele ähnliche Beispiele.

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  2. Große Leistung und ein großes Herz deinerseits. Bitte aufpassen, dass es nicht zu sehr unter deinem Einsatz leidet!

    ‚Zustände‘ beschreibt die Situation in den meisten Flüchtlingsunterkünften präzise. Furchtbar präzise.

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  3. ich kann (schon wieder) ein wenig mitfühlen, nachfühlen. was du da tust sollte eigentlich selbstverständlich sein und doch ist es so groß! meine hochachtung.
    und ja, es braucht nicht viel, nur ein wenig zeit und ein lächeln, um sehr viel gutes zu tun und zu erfahren.
    ich bin dienstlich oft in den unterkünften. ich verzweifle manchmal daran, dass ich diese liebenswerten menschen nicht alle mit nach hause nehmen kann.
    vermutlich gehts dir genauso.

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    1. Ja, ähnlich geht es mir auch. Aber an manchen Tagen, weißt du, da haben wir so viel Spaß in all dem doch so oft traurig verhangenen Tagen. Man ist oft so nah dran, an den Videospielen, die mein Sohn so selbstverständlich spielt. Nur eben ist es die Realität. Und das sollte einfach auch jedem Bewusst sein.
      Und jedes Lächeln was raus geht, kommt ganz oft zurück und wird weiter getragen.
      Ich denke oft, dass nur mit guten Erfahrungen ein gutes Fundament gebaut werden kann. Was wir alle so nötig brauchen. Nicht wahr? Ich weiß das du weißt was ich meine… dein Job zeigt es dir sicher oft, wenn dieser Vorsatz misslungen ist. Und keine Chance hatte, Früchte zu tragen….

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      1. ja, da hast du so recht. mit einem lächeln kann man sehr viel erreichen. vor allem die kinder sind so dankbar und machen es allen leicht, sie zu mögen.
        aber mein job zeigt mir jeden tag eben auch die andere seite. oft ist es schwer dabei noch objektiv zu bleiben.
        gut dass es menschen wie dich gibt. 🙂

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