Hilfe die Türken kommen

Aber eigentlich geht´s gar nicht um die.

Es muss so ungefähr sechzig Jahre her sein, da zog ein junges Pärchen in eine kleine schöne Wohnung im Erdgeschoss eines adretten Hauses, einer beschauliche Straße. Das Haus in das sie zogen, wurde in den beiden oberen Etagen von freundlichen Hausbesitzern bewohnt. Ein Ehepaar, dessen Kinder als bald aus dem Hause ziehen sollten. Es war eine lange gute Hausgemeinschaft in dem nach dem Kriege gebauten Häuschen. Nach einigen Jahren verstarb der Vermieter. Die Kinder waren längst aus dem Hause und die Vermieterin war immer schlechter auf den Beinen. Da fing die junge Mieterin von unten an ihr zu helfen. Ein wenig hier, ein wenig da. Kümmerte sich mit der Zeit immer mehr um die betagte Frau. Kochte für sie mit. Half ihr im Haushalt, kaufte ein. Das hat sie einfach gerne gemacht. Die Kinder lebten in einer anderen Stadt und so wäre die alte Dame sonst in eine Senioreneinrichtung gekommen. Das kam aber für die Mieterin nicht in Frage. Dank ihrer Pflege konnte sie in ihrem Haus bleiben. Bis sie eines Tages verstarb.

Es dauerte nicht lange und die fern lebenden Kinder verkauften das Haus. Das Haus in dem die Frau nun alleine lebte, denn ihr Mann verstarb ebenfalls irgendwann bevor die alte Dame ging. Nun saß die liebe Frau, die mittlerweile um siebzig war, in ihrer Wohnung und hatte Angst.

Angst vor dem was kommen mag. Angst vor den neuen Hausbesitzern die kommen würden. Angst davor, dass sie vielleicht ihr Heim verlassen muss. Noch viel schlimmer wurden ihre Befürchtungen und Ängste, als sich herausstellte, dass eine türkische Familie ihr Haus kaufte. Ein Gruschel, ein Getuschel aus den Häusern rechts und links neben ihr. Wilde Szenarien wurden von ihren Nachbarn verfasst. Man sah schon die lebendige Lammschlachtung im Garten, Hottentotten überall. Jetzt ist alles zu spät. Die ersten Türken in der Straße bedeuten eine baldige Türkeninvasion und das unbescholtene  Leben unter seinesgleichen hat also auch hier ein Ende. Hier in der kleinen beschaulichen Straße mit gepflegten Reihenhäusern, akkuraten Hecken und Mittagsruhe von 12-15.oo Uhr. Wie es sich gehört. Pardon. Gehörte. Denn jetzt kommen die Türken. Und wo einer kommen, werden viele folgen. Wurde gesprochen und festgehalten.

Die Türken kamen auch. Eine ganze Familie. Mutter, Vater und zwei Söhne. Eines Tages klingelt sie bei ihr und stellten sich vor. Teilten ihr freundlich mit, dass sie selbstverständlich in ihrer Wohnung bleiben kann, solange sie möchte. Leicht verschüchtert dankte sie und hieß die Familie willkommen.

Die Nachbarn rechts und links beäugten misstrauisch diese fremden schwarz köpfigen Menschen, aber die Frau nahm sich vor erst einmal abzuwarten  was kommen wird. Schließlich wirkten die neuen Hausbesitzer nicht unsympathisch.

Ich lernte all diese Personen kennen, da lebten sie schon weit über zehn Jahre zusammen. Wir wurden Nachbarn.

Im Laufe deren Zusammenlebens, übernahm die türkische Vermieterin immer mehr Aufgaben ihrer Mieterin, die diese selber nicht mehr erledigen konnte. Sie kochte für sie täglich mit. Kam runter und half ihr beim Saubermachen. Ihr Mann fuhr die alte Dame mit ihren Freundinnen an die Ostsee. Zugfahren traute sie sich schon lange nicht mehr zu. Braucht sie einen neuen Fernseher, fuhr er mit ihr los und half ihr beim Aussuchen. Musste sie zum Friseur, wurde sie auch dahin gebracht.So ist es bis heute geblieben. Weit über neunzig ist sie mittlerweile. Und noch immer sitzt sie täglich auf ihrem Stuhl. auf ihrem kleinen Balkon in der Sonne, in ihrer kleinen Wohnung.

 

Diese Geschichte ist eine wahre Geschichte. Mir ist es ein Anliegen sie weiterzugeben. Denn eben so kann es auch sein.

 Ein generationenübergreifendes Leben kann gut funktionieren. Sehr gut sogar.

In diesem Fall nicht nur generationenübergreifend. Hier wurde eine ältere deutsche Dame von einer türkischen Familie quasi Adoptiert. Und dieser Fall ist nicht der Einzige den ich kenne. Es gibt da noch einen weitern. Und da ist die deutsch-türkische Familie noch um einiges größer und diese Familie hat vor wenigen Jahren auch ein Haus gekauft. Samt Omi…..

Eigentlich geht es in dieser Geschichte darum, das es viel wichtiger ist für einander da zu sein. Hände zu reichen. Annehmen. Akzeptieren.

Fernab von Haarfarbe. Glaube. Sprache.

 

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