Hinter Gardinen

Ein Haus ohne besondere Vorkommnisse. Sechs Parteien, Beamtenbau. Adrette Gardinen schmücken das Fenster der Wohnung, rechts, dritten Stock. Der helle Store ist immer ordentlich in Falten gelegt. Farbige Kunstblumen unterstreichen ein ordentliches äußeres Bild. Innen sieht es allerdings ein wenig anders aus.

In der spärlichen winzigen Küche, die ihre guten Tage schon lange hinter sich hat, gibt es einen kleinen Kühlschrank und einen Besenschrank. Ohne Besen. Dafür mit Vorhängeschloss versehen. Lebensmittel und Sprit wird dort gelagert. Papa hat den Schlüssel. Daneben ein alter Holzstuhl. Mehr Platz ist nicht. Auf der rechten Seite steht linksseitig der Herd an der Wand. Ein vier Kochplatten Herd. Papa kaufte ihn stolz Mama. Damals. In anderen Zeiten. Die mit Elefantenhaut bezogene Wand über dem Herd ist sauber, jedoch in einem hässlichen undefinierbaren Farbton. Erinnert ein wenig an Uringelb. Der nahe Abstand zur Wand, die hohe Hitze der Kochplatten sind dran schuld. Die zwei oberen Schränke rechts neben dem Herd über der Spüle sind leicht lose und hängen schief ein paar Zentimeter nach unten. Jahrelanger Verschleiß und wenig Pflege hinterließen ihren Tribut. Der Ort an dem Mama sich am meisten graust.

Warmes Essen gibt es erst abends. Wenn Vater nach Hause kommt. Für uns Kinder die schlimmste Zeit des Tages. Keiner weiß in welcher Stimmung er sich befindet. Mama ist schweigsam. Noch schweigsamer als sonst. Wir Kinder decken dann immer ganz leise den Tisch und drehen das Radio aus. Papa mag kein Radio. Egal in welcher Stimmung er ist.

Rechts die Gabeln, links die Messer. Mittig auf dem alten Holztisch mit der hellgelben Tischdecke, zwei Untersetzer aus dunkelbraunem Bast. 30 cm Abstand. So will er es. Mama kommt in die Stube. Dem Raum in der Wohnung, den wir nach dem Essen nicht mehr betreten dürfen. Ich schaue sie an. Ihr strähniges Haar ist halbherzig hochgesteckt. Ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie hat schöne Augen. Ich liebe die Augen meiner Mutter. Sie sind warm. Hellbraun und etwas größer als mandelförmig. Ihr Mund ist schmal. Dabei kam er mir immer voller vor. Die Mundwinkel sind nach unten gekehrt und ihre sonst großen Augen zuckten nervös. Ein tägliches Bild.

Die Tür fällt ins Schloss Er ist zu Hause. Ruft schon im Flur, lauter als sonst, nach seiner Frau. Mama eilt und zieht ihm seine Hausschuhe an. Nicht ohne vorher seine sauberen Lederstiefel sorgsam in die Ecke gestellt zu haben.

Er schiebt sie ungeachtet beiseite und geht zielstrebig in die Stube an den Tisch. Setzt sich. Nimmt weder von mir, noch von meinen Geschwistern  die geringste Notiz, sondern fordert nur harsch sein Essen. Erzählt von seinem idiotischen Chef, der nichts kann, während ich links neben ihm sitze und ganz still bin. Mutter sitzt rechts. Meine zwei anderen Geschwister verharren auf den beiden restlichen Stühlen. Mein Herz schlägt dermaßen laut, dass ich große Mühe habe und kaum ein Wort verstehe. Meine Hände zitterten so sehr, das sie keine Gabel hätten halten können.

Der erste Bissen. Der zweite Bissen. Wir schauen uns vorsichtig an und warten auf sein Erlaubnis, damit auch wir essen dürfen. Er reißt die Gabel hoch und haut sie mit voller Wucht Mama in den Arm. Sie schreit auf. Haut ihr zusätzlich seine Faust ins Gesicht. Steht wütend auf und beschimpft sie ob ihres schlechten Essens. Sie entschuldigt sich und gleich noch einmal, während die Gabel noch immer in ihrem Arm steckt und Tränen leise über ihr Gesicht rinnen. Ich schließe meine Augen und höre einfach auf zu Atmen…

 

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16 Kommentare

    1. Liebe Käthe, ein tägliches Hinterschauen, würde eine Seele nicht aushalten. Die jeweils eigene Geschichte verbraucht immer schon viel. Doch Aufmerksamkeit. Achtsamkeit. Und immer mal wieder drauf Hinweisen. Sich auseinandersetzen. Das ist glaube ich wichtig. Nichts ist eben selbstverständlich.
      Abendlich sinnierende Herzensgrüße, deine Mia

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