Ostwind

Oh dieser herrliche gemeine Ostwind. Er ist so unnachgiebig. Hart. Kompromisslos. Kalt. So furchtbar kalt. Und doch….

„Cheers“ „Hoch die Tasse“. Ein frohes neues Jahr. Zum wievielten Male die Sektgläser mit zeitgenau korrekter guter Laune hochgehalten wurden, das wusste keiner mehr. Ein Jahr folgte dem nächsten. Keine nennenswerten Vorkommnisse galt es zu erwähnen. Die Gardinen adrett gefaltet wie immer. Die Kinder ohne besondere Ausfälle am erwachsen werden. Und wenn nicht die Kinder, dann der Hund. Der Rasen, 1,5 cm hoch. Größere Fiaskos höchstens im Kleidergrößenbereich. Schwankungen um sechs Pfund. Vorsätze für das neue Jahr, wenn nicht jetzt, wann dann. Drei Kilo Abnehmen und weniger rauchen. Gesoffen wurde nie. Mal was erleben, ja das wäre auch schön. Aber bitte im Rahmen. Irgendwas, was Spaß macht. Was nicht zu anstrengend ist. Nicht zu zeitaufwändig ist.  Nennenswerte Ereignisse im letzten Jahr? Ach ja, da war ja der Runde Geburtstag von, ja Moment , wie hieß er noch gleich? Ach nicht so wichtig. Der Abend war ja schön, diese Erinnerung reicht. Ach und da fällt mir ein, da war noch der neue Schrank den wir anschafften. Den für den Flur. Ja. Da freuten wir uns mächtig drüber. Ganz wirklich.

Und dann war da der Ostwind. Eines Morgens. Unverhofft war er da. Ein leichtes Erschrecken fuhr durch den Körper , als der kalte Peitschenhieb die Wange berührte. Die Jacke enger ziehen. Es gibt kein Zurück. Mütze tiefer ins Gesicht und los. Der schnelle Schritt trotzt ihm für einige Zeit ganz gut. Doch der raue Geselle ist stärker. Du fühlst wie dein Kinn anfängt zu kribbeln. Es ist kaum noch spürbar. Ähnlich verhält es sich mit den Beinen. Unvorsichtigerweise hast du ihm genug Möglichkeiten gegeben, an dir hochzuklettern. Immer weniger fühlst du deine Beine. Und was du spürst, das schmerzt. Es brennt. Böen peitschen in dein Gesicht während dein Weg durch die karge winterliche Landschaft führt. Noch ein paar Minuten. Dann bist du am Ziel. Dein Oberkörper mit deinen lebenswichtigsten Organen hast du gut geschützt. Sie sind sicher. Denen kann der schonungslose Wind nichts anhaben. Zumindest dann, wenn du früh genug ins Warme kommst. Jede weitere Minute bringt dich weiter in Gefahr… die Gefahr des Spürens.

Der Ostwind schenkt dir Erinnerung. Erinnerung an den Morgen des Fühlens. Fern ab von seichten Gewässern. Vom lauen Fluss. Der Ostwind hinterlässt Spuren. Spuren des Spürens… und du willst mehr…. viel mehr….

 

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15 Kommentare

  1. der genau passende text zu meinem erleben. ich hab versucht, es aufs bild zu bannen. deine worte malen diese bilder viel besser, deutlicher. so gut.
    liebe mia, ich wünsche dir viele tage des fühlens.
    liebgrüß von der ostsee, die scheinbar den ostwind gebiert.
    kerstin

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