Spätschicht – FSK 18

Die Straßen sind leer gefegt. Nachts um zwei ist kaum ein Mensch auf der Straße. Die alten gusseisernen Straßenlaternen leuchten gedämpft und werfen flache reglose Schatten in die kleine Straße mit den Häusern, die schon den letzten Krieg überstanden haben. Vielleicht sogar schon den vorletzten.
Nur das Klappern ihrer Absätze, begleitet von seinem Hall, auf dem harten Steinboden ist zu hören. Ein leicht ausklingendes Echo begleitet das Geräusch.
Am Ende der Straße kommt sie auf den Deich. Ein Deich der nach rechts und links von edlen Stadtvillen gesäumt ist. Zielsicher biegt sie rechts ab. Bleibt allerdings kurz hinter der Biegung stehen, kramt in ihrer Jackentasche und findet ihr Päckchen Zigaretten. Kramt weiter in ihrer Jacke, sucht nach Feuer. Nichts. Einige Momente später holt sie das Feuerzeug aus ihrer rechten Jeanshosen Tasche. Mit dem Hausschlüssel zusammen. Mehr hat sie nicht dabei. Ein Windhauch lässt nicht zu, das der Tabak Feuer fängt. Nochmal. Leise fluchend gleitet ihr Daumen immer wieder über das harte Metalrädchen. Das leichte Zittern ihrer Hände machen es ihr nicht einfacher. Irgendwann fängt die Gauloises einen Funken der kleinen Flamme und sie zieht den Rauch tief in ihre Lungenflügel und pustet die verbrauchte Luft geräuschvoll in die Nacht.
Was für eine Schicht. Leise lächelt sie in sich hinein. Hebt die rechte Hand vor ihre Nase, schließt die Augen und atmet den Duft noch einmal tief ein. In der kühlen klaren Nacht ist der Duft noch ganz nah und intensiv. Es kribbelt leicht zwischen ihren Beinen und ein Schauer läuft ihr wohlig über den Rücken. Der Geruch bringt die Bilder der letzten Stunden ganz real vor ihre inneren Augen.
Zurück zu Station 7, wo sie seit Jahren als Krankenschwester in der Unfallchirurgie arbeitet. Sie mochte ihren Arbeitsplatz sehr. Ganz besonders an Tagen wie diesen. Mit Patienten wie diesem. Ein regungsloser Körper. Ein schöner männlicher Körper, abgesehen von den Rippenbrüchen, der Kopfverletzung und der Schulterprellung, liegt leise atmend vor ihr. Seine Wirbelsäule wird wieder ganz in Ordnung hat ihr der Arzt schon vorher während der Übergabe erzählt und morgen schon würde der Patient aus dem künstlichen Koma geholt.
Sie zieht wieder tief an der Zigarette, lehnt sich an einen der Vorgartenzäune, leckt sich genüsslich über ihre Lippen, und kostet noch ein wenig von den Resten des leckeren Saftes, den sie mit ihren Lippen und Händen dem Patienten entlockte, Nahm sie doch stets ihren Job als Krankenschwester sehr ernst und kümmerte sich rührend das Wohlbefinden der männlichen Patienten.
Tom lag währenddessen auf der Liege, stumme Tränen rannen über seine Wangen….
Advertisements

62 Kommentare

  1. Eine Frau, die sich auf solche Weise befriedigen muss- ein bedauernswertes Geschöpf…
    Mal ganz abgesehen von der Art und Weise, wie sie es vornehmen müsste, mit einem Katheter?
    Denn…Muskeln und Samenstränge sind entspannt im Koma.
    Ziemlich nüchterne Vorstellung.
    Interessant die ethischen Fragen.
    Ich las schon Geschichten über Nekrophilie & Co…in vielen Geschichten geschieht den Prots Schlimmeres, als gegen ihren Willen um ihren Saft gebracht zu werden…
    Also worum geht es hier eigentlich?
    Konstruktive Kritik?
    Der Text hat Biss und das Thema wandelt am schmalen Gaffergrat der Vergewaltigungsszenarien entlang und die Würde des hilflosen Opfers bleibt nicht nur im letzten Satz gewahrt.
    Die Dame selbst…wie gesagt…
    Mir tut sie Leid. Mit ihrem Katheter…😊

    Gefällt mir

    1. Liebe Fee, hab dank für deine ausführlichen Zeilen und dein so positives Feedback. Gerade bei solchen Texten finde ich es besonders gut, wenn sich der eine oder andere „erbarmt“ und sich damit auseinandersetzt und dazu was schreibt. Danke dir ! with best whishes 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Das Thema ist nicht einfach. Ich habe heute auch versucht herauszufinden, inwieweit künstlich in ein Koma versetzte Menschen noch auf Stimulanzen von außen reagieren. Es ist ein spannendes medizinisches Thema. Denn das künstliche Koma ist anders als ein organisches, weil es medikamentös herbeigerufen wird, meistens um eine Gehirnschwellung nach einem Schädel-Hirn-Trauma zu unterdrücken oder den Körper kühl und ruhig zu halten.
        Na ja…ich würde vielleicht vorher fragen, wie das ist. Ich habe für Geschichten schon Ärzte befragt, habe mal eine über Tourette-Syndrom geschrieben und vorher recherchiert und Leute befragt, damit es authentisch ist…
        Doch grundsätzlich herrscht literarische Meinungsfreiheit und in der Welt mag es genau das geben, wie Du es beschreibst.
        Dass das Thema viele bewegt, sieht man daran, dass es diskutiert wird und zum Nachdenken animiert.
        Das ist doch genau richtig, oder…?
        Ich fand die Geschichte mutig und gut geschrieben.
        Da brauchte ich mich gar kein bisschen erbarmen…😊

        Viele liebe Grüße…✨

        Gefällt mir

  2. Unglaublich, liebe Mia, wie viel „Kritik“ du hier bekommen hast, und das für einen mich beeindruckenden Eintrag…
    ich werde deinen Post nicht kritisieren, weder wegen des Inhalts, noch wegen deines Stils…
    ich sehe aus meiner Sicht keinen Grund 🙂
    liebe Abendgrüße
    vom Lu

    Gefällt mir

    1. Ach lieber Lu, drück dich. Aber ich freu mich über konstruktive Kritik. Nur so kann ich besser werden. Das der Inhalt vllt anecken könnte, damit hab ich gerechnet. Und wenn auch vllt erst im dritten Kommentar ist 😉
      Herzliche Grüße lieber Lu und Danke ! Mia

      Gefällt mir

    1. Ja, das hörte ich, hab aber noch nichts gesehen oder gelesen. (eigentlich eh
      Weichei )
      Ach , was ich dir noch erzählen wollte, ich war Freitag hier auf einer Vernissage, es ging um ein Deutsch – Japanisches Kunstprojekt, Ongashi 🙂 War schön 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Wenn du zart besaitet bist solltest du nie Horror Filme im japanischen Original anschauen. 😀 Die weichgespülte Hollywood Version ist meist nur zum Lachen.
        Deutsche und Japaner können gut miteinander. Ongaeshi habe ich mir eben im Netz angeschaut. Schade, dass ich immer so weit weg von solchen Ereignissen bin. Aber es wird bald besser! 🙂

        Gefällt mir

      2. Ja, ber sooo weit bist du doch gar nicht, oder`? Ja, es war sehr interessesant und ich würde sehr gern einem japanischen Maler ein wenig über die Schulter schauen…
        Und jepp, diese Filme sind definitiv sowas von raus 😀

        Gefällt mir

  3. Heikles Thema, mutig beschrieben. Weil es auch diese Form der Vergewaltigung gibt und es einfach in die Gefallengetanhabenecke gestellt wird. Man stelle sich mal gleiches Szenario mit umgedrehten Geschlechterrollen vor, eindeutig verwerflich. Sorum jedoch ein angeblicher Gefallen. Deshalb ganz wichtig der letzte Satz.
    Liebe Mia, die Schreibfinger in eine Wunde gelegt, wie gesagt: mutig. Finde ich gut. Würde die Vergewaltigerin gerne derartige Dienste leisten, hätte sie einen Tag warten und dann ein eindeutiges Angebot dem erwachten Patienten unterbreiten können. Hat sie aber nicht. Feige Vergewaltigerin…
    Herzliche grüße an Dich, Deine Käthe.

    Gefällt 1 Person

  4. Inhaltlich habe ich keine Probleme damit, es darf über alles geschrieben werden. (《-Ist für mich an sich gar nicht erwähnenswert, ich schreibe das nur wegen der Kommentare.)
    Die Umsetzung finde ich aber zu schwach, ich erkenne, wie du es machen wolltest, aber es geht noch einiges daran zu feilen. Ich bin zu oft gestolpert, Satzbau, Wiederholung und zu verwaschen in manchen Formulierungen. Gerade bei solchen Themen (finde ich), muss es „knallen“. Entweder durch gezielt scharfe Formulierungen oder durch das extreme Gegenteil, eine ganz nüchterne Erzählweise. Das war mein spontanes Feedback. Guten Morgen übrigens 🙂

    Gefällt mir

      1. Oh, das beruhigt mich, dass du es so verstanden hast, wie ich es meinte. (Ist manchmal ein so schmaler Grat, Feedback zu geben). Bin gespannt. Hab einen schönen Tag!

        Gefällt mir

      1. Die Reaktionen auf anders herum sind viel und häufig zu finden.
        Sie die Lachen haben in dem Moment den Wahrheitsgehalt, die Tragik nicht wahrgenommen. Sondern eher eine abstruse Geschichte.

        Gefällt mir

      2. Es liegt mir fern rücksichtslos zu sein. Aber vielleicht peile ich es auch gerade nicht. Wen explizit hab ich den beleidigt, um es in die von dir aufgeführte Rige zu packen ?Kontrovers trifft es eher. Und warum sollen Schattensituationen nicht auch hin und wieder betrachtet und wahr genommen werden.

        Gefällt mir

      3. da können wir gerne mal bei einem Matetee eine ausführliche Diskussion führen. Geht hier ein wenig zu weit; hat viel mit Theorien aus dem Studium zu tun.
        Bestimmt Berufskrankheit, aber ich fühle jene Männer beleidigt denen es so ging. Anschauen und ernst nehmen… ja. Es auf die leichte Schulter nehmen (was der Text tut).. eh.

        Gefällt mir

      4. Wenn du den Matetee gegen ein Bier tauschst, können wir drüber reden.
        Aber ich verstehe den anschließenden Kontext. Sicher ist das Thema in einem trivialen Text. Dennoch sehe ich keine leichte Schulter und auch ganz sicher nicht beleidigend dem Opfer gegenüber.
        Es ist eher die Darstellung, das es eben auch so herum passiert. Das auch Mann nicht selten Opfer ist.

        Gefällt 1 Person

      1. Na, na, na! Im Film ist die Sache ziemlich eindeutig für den Täter ausgegangen.
        Und Duden sagt, dass „toll“ auch „schlimm“ heißen kann. Das würde ich in etwa sinngemäß gelten lassen.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s