Ich packe meinen Koffer mit…

Kenn das noch jemand ? Früher, zwischendurch mal eben ne Runde historisches Sudoku quasi. Jetzt gibt´s ja spielerisches Hirntraining in ausgereifter Bestform, digital, oder auch in Blockformat. Da bleibt das Kofferpackespiel auf der Strecke. Eigentlich.  In letzter Zeit, muss ich gestehen, packt es mich doch immer mal wieder. Nur das der Bikini, das Handtuch und auch das Buch dabei daheim bleiben.

Spät abends, wenn ich durch die kleinen Straßen von Vorstadt wandere, überfallen mich immer häufiger dunkle Gedanken, was mach ich , wenn auf einmal laute Sirenen losgehen. Was mach ich, wenn auf einmal das Radio im Wagen aufhört Musik zu spielen und eine ernste Stimme den Sender unterbricht, mit der Information, das kleine beschauliche Gärtchen Deutschland befindet sich im Krieg und wird bombardiert. Ich packe meinen Koffer mit….. ja wo mit nur genau.

Gehöre ich doch zu einer Generation, die höchstens die alten Erzählungen, von der langsam aussterbenden Kriegsgeneration, beim Kaffee am Gartenzaun erfährt. Die Krieg nur aus den Geschichtsbüchern, aus Filmen und Co kennt. Ich kenne kein reales Alarmsignal. Ich kenne keine Lichtblitze am Himmel, erleuchtet durch Granateneinschläge. Die Flieger die über meinen Kopf fliegen, bringen aufgeregt, freudige Menschen zu ihren Urlaubszielen. Und Panzerfahrzeuge kenne ich auch nur aus dem Fernsehen. Ich weiß nicht wie sich ein Maschinengewehr anfühlt, ich weiß nicht wie es ist, vor seinen Augen eine Bombe einschlagen zu sehen. Ich blickte noch nie in panikerfüllte Augen, erfüllt von Angst vor den Soldaten, vor Plünderern, vor dem Graus und Leid des Krieges.

Allerdings, der 11. September. Da war er für einen Moment fast kurz da. Der beinahe reale Gedanke an Krieg. Saß ich doch hochschwanger nichtsahnend in Vorstadts City und erfreute mich des Tages und den spannenden Gesprächsinhalten meines Gegenübers. Bis auf einmal wirklich laute Durchsagen durch das Geschäft gingen, „Es gibt Krieg“. Ehrlich. Diese Meldung ging in dem Moment durch das Café. In kürzester Zeit wurden Flugblätter verteilt, mit den aktuellen vermeintlichen „Bombeneinschlägen“. Da saß ich nun, hochschwanger, schockiert und überlegte, was wird das jetzt. Das erste und einzige Mal, der Panik und des Herzklopfens ausgesetzt, reale Gedanken an Krieg in Vorstadt.

Und dennoch. Auch wenn es immer wieder viele Meldungen in den Nachrichten, viele Berichte von Bekannten aus Kriegsgebieten gibt und die mir sehr nahe gehen, sehr nahe, so ist es nicht wirklich nachfühlbar. Wie auch. Wer noch nie an einer Rose duftete, dem kannst du noch so von ihr poesieren. Erst in dem Moment, wenn du sie in der Hand hast und deine Nase in ihre Blüten steckst, ist er da. Der wahre Geruch, die echte Wahrnehmung. Und so ist es auch mit dem Krieg.

Und wie gern würde ich mich weiter in Sicherheit wiegen, denken, mein kleines gemütliches Land mit all seinen Wehwehchen bleibt so gemütlich und sicher, wie es war. Bis gestern beiläufig mal einer erwähnte, er müsse unbedingt, die Pässe seiner Kinder erneuern. „Wieso?“ , frag ich. „Na damit wir immer reisebereit sind und wegfliegen können, sollte hier der StatusQuo eintreten. Klatsch. Da war er wieder, der Gedanke, ja, warum soll das auch für immer absurdes Hirngespinst bleiben, wie ich es doch viel lieber hätte.

Ich packe meinen Koffer mit:………. Doch viel lieber mit Bikini, Handtuch und einem Buch.

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18 Kommentare

  1. ein SEHR guter, liebe Mia, und durchaus auch berechtigter Eintrag…

    denn derzeit herrscht doch – global gesehen – keine besonders witzige Stimmung auf der Welt, es ist schon wieder von der Wiederbelebung des Cold War die Rede und vom dritten Weltkrieg…übel…dabei sollten wir endlich mal ALLEN zu essen geben!

    doch – lokal gesehen – läuft gerade ein wundervoller Herbst an *lächel*
    und das ist das beste, was mir, uns derzeit passieren kann…

    Herzliche Abendgrüße
    vom Lu

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  2. Also, Ben, ich fand deine Wortwahl nicht unpassend und auch nicht gegen Westendstorie gerichtet.
    Bei den Möchtegern-Kassandras kann ich nur zustimmen. Sie sitzen sicher pünktlich 20 Uhr jeden Abend mit Sturmgepäck, Gewehr bei Fuß, die Tagesschau verfolgend.

    Natürlich ist es beängstigend, wenn man -vor allem in diesen Wochen- nach Osten schaut. Hoffen wir, dass Wahnsinn rechtzeitig erkannt und gestoppt wird.

    Ich packe meinen Koffer… mit der Hoffnung, es wird immer ein Urlaubskoffer bleiben.

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  3. Gedanklich versuche ich mich ab und an auf solche Situationen vorzubereiten. Nicht aus zwanghafter Paranoia, die man nur zu gut mit den täglichen Nachrichten füttern könnte, eher um mich mal aus der letharhischen Starre der Gewohnheit zu holen. Natürlich ist man nie logistisch auf ein solches Szenario vorbereitet, zumindest ist das schlecht möglich, wenn man nicht irgendwann als schräger ‚Prepper‘ von seinem Umfeld gemieden werden will, Weltuntergangsschreier sind da noch krasser dran…aber ich finde die Unfähigkeit des sofortigen Reagierens im Ernstfall als schrecklicher, als jede gemütliche trügerische soziale Absicherung…

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  4. bähmmm! …dein text schlägt ein in mein gemütliches abendliches sofa vorm kamin….wie eine bombe. und doch – du bist schließlich nicht allein mit diesen gedanken.
    ich schiebe sie nur zu bereitwillig gern beiseite. bloß nicht drüber nachdenken….
    aber die große wiese hinterm garten könnte man zum kartoffelacker machen. da hat man dann zu essen.

    ich kontrolliere gleich morgen alle pässe der famile.

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      1. nein keine panik. aber schon ernsthaft nachgedacht. auch weil wöchentlich mittwochs drei uhr die sirene direkt vorm fenster getestet wird. für die feuerwehr. trotzdem ein geräusch, das wöchentlich erschauern läßt.
        ob man richtig steigern kann, das weiß ich auch nicht. leider 🙂

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  5. Ich weiß nicht, ob wir in ständiger Kriegsangst leben sollten und ich halte das momentan auch für ebenso nervig, wie das andauernde Kriesengerede, das seit Jahren in Deutschland herrscht. Eine wirklich schlimme Krise ist, wenn man sie mal mit denen in der Vergangenheit vergleich, wo Millionen von heute auf morgen ohne Arbeit auf der Straße standen und eine Hyperinflation den Laib Brot unerschwinglich teuer werden ließ, da sind wir ja mitten drin. Also wir in Deutschland. Natürlich besteht eine reele Kriegsgefahr, die bestand davor auch schon und ist momentan vermutlich ein wenig gestiegen. Dennoch halte ich das Gerede darüber als vollkommen überzogen. Wie viele Menschen kenne ich, die seit 2008 ständig wiederholen, dass wir jetzt bald die große Krise erleben. Die gleichen sind es womöglich, die jetzt einen Krieg erwarten.

    Offtopic:
    Der status quo bezeichnet den aktuellen Zustand. Dieser braucht nicht erst in der Zukunft einzutreten, er ist bereits eingetreten. Da darfst du deinen Bekannten gern mal drauf hinweisen.

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    1. Vielleicht hast du dir schon viel eher und viel mehr Gedanken gemacht als ich Ben. Ich weiß das lustige, schöne, rührende, böse Geschichten schöner sind, doch, noch niemals in meinem Leben, hab ich echt nur annähernd über sowas nachgedacht. Noch nie. So ein Artikel soll auch nicht darstellen, das ich mit nem Panikhut durch die Gegend renne und nichts anderes im Kopf habe. Ganz im Gegenteil.
      Nur, kam er mir eben vor ein paar Tagen just und ganz massiv. Das war sehr befremdlich.

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      1. Meine Kritik galt nicht deinem Eintrag und sollte auch nicht aussagen, dass ich nur schöne Texte lesen will. Meine Kritik bezog sich eher auf jene, die förmlich auf einen Krieg wetten. Ich weiß nicht, ob dir das schon begegnet ist, aber ich durfte das schon mehrfach hören.

        Deinen Eintrag empfand ich hingegen als sehr schön, weil er ein wahres Gefühl bezeichnet und nicht ein Gerede, damit man dann im Falle des Falles sagen kann, dass man es ja eh wusste. Da haben wir ne ganze Menge Möchtegern-Kassandras, die (und genau deswegen habe ich ein Problem damit) die wahren Kassandras übertönen.

        Entschuldige also meine Wortwahl, die war unangebracht, aber da das heute bei mir schon einmal Thema war, bin ich da wohl etwas gereizter drauf angesprungen, obgleich mir dein Eintrag ja gefiel. Und mit einem Panikhut hab ich dich eh nicht gesehen.

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      2. Ah, oke. Beruhigen mich deine Zeilen doch. Weißt du, ich halte mich echt immer fern von den von dir beschriebenen Typ Mensch. Soweit wie möglich zumindest. Manchmal kann man ihnen nicht aus dem Wege gehen aber auch dann halte ich mir lieber die Ohren zu.
        Kann sowas auch nicht hören dieses : man hat es ja eh gewußt. Aber wie du schon jetzt richtig sagtest, war das auch wirklich in keinster Weise Inhalt. Und Ben braucht also einen guten Tee, ein noch besseres Buch und ein neues Thema 😉
        Danke übrigens für die netten Worte 🙂

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      3. Tee trinke ich gerade schon einen ganz leckeren 😀 und Bücher…da liegen noch ein paar rum, vielleicht fasse ich die mal an. Hab noch immer nicht alle Märchen aus der Hesse-Sammlung gelesen, vielleicht passen die ja ganz gut, um in andere Welten zu entfliehen.

        Gefällt 2 Personen

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