10 Wörter, eine Geschichte. Heute : eine traurige Geschichte, und doch so täglich…

10 Wörter Geschichte.. Einladung für weitere Interssierte hier.

52 Grad, glühende Hitze. Ahmad lehnt sich schwer atmend an die bröckelige Wand des Felsens. Stunden. Tage. Wie lange er unterwegs ist, das weiß er nicht mehr. Die karge Gegend ist auch im Spätsommer kaum erträglich, so sehr glüht die erbarmungslose Sonne vom Himmel. Seine Beine machen nicht mehr mit und langsam sinkt er zu Boden. Fernab von ihm sind seine körperlichen Kräfte, blutig seine Füsse. Wirre Gedanken schwirren wie Fliegen durch seinen Kopf. Der lange Wasserentzug macht sich bemerkbar, die schwere Wunde schwächt ihn so sehr, das seine ehemals kraftvolle Gestalt und sein klarer Verstand ein Fragment an alte Zeiten sind. Niemand würde ihn in diesem Augenblick erkennen.

Ein Wunder müsste geschehen, doch nicht einmal das vermag er noch hoffen. Es wird niemand mehr helfen. Sein Herz pumpt aufbäumend, gegen den Kampf des Verdurstens allein. Gegen die Aussichtslosigkeit mit letzten Zügen und nur in kurzen Wachmomenten fühlt Ahmad, wie seine Füsse beginnen kalt zu werden. Seine Waden, hoch zu den Oberschenkeln kriecht sie unaufhörlich weiter. Eine eisige Kälte die nichts als Betäubung und Taubheit übrig lässt. Weiter fliegen seine Gedanken. Einmal um die ganze Welt. Fetzen, Bruchstücke. Sieht sich lachend am Meer mit seiner Frau und den Kindern, der salzige Geruch des Meeres und der eines frischgezapften Bieres streift seine Nase. Der Augenblick als die Lippen seiner Frau das erste Mal die seinen berührten.

Dann der Moment als er sich entschied aufzubrechen in die Ungewissheit. Daheim in Europa. Gut behütet, sanft gebetet. Seine deutschen Freunde konnten das damals nicht verstehen, warum Ahmad sich in solch eine Gefahr begeben wollte und mitten in das Kriegsgebiet fuhr. Er versuchte es ihnen zu erklären, warum er fahren musste und warum es für ihn keine Alternative geben konnte. Für seine gestorbene Frau. Sein gestorbenes Kind. Für seinen Vater und seiner Mutter, seinen Verwandten. Es ging nicht anders.

Ein kurzer Wachmoment. Seinen halben Körper spürt er nicht mehr. Die klaffende Wunde in seinem Bauch tut auch nicht mehr weh. Gut fühlt sich das an. Endlich werden die Schmerzen weniger. Das Lachen seiner Tochter schalt durch seinen wirren Geist. Er lächelt. Sie war sein Herzblatt. Sein Ein und Alles. Sie waren eine glückliche Familie. Bis seine Frau mit dem Kind eines Tages in ihre gemeinsame Heimat fuhr. Vier Tage nach Ankunft, klopfte es damals brutal an der Tür, daheim in dem kleinen Dorf. Der Vater öffnete, mehrere Männer schlugen den alten Mann brutal zu Boden und nahmen Frau und Tochter mit. Bilder der Überreste von beiden schickten die Behörden eine Woche später per Fax nach Deutschland. Der Vater überlebte schwerverletzt. Das ist jetzt ein Jahr her. Sein Herz schlägt unregelmäßig bei diesen Erinnerungen, es gibt sich die größte Mühe Ahmads Körper zu versorgen. Ihn am Leben zu lassen.

Doch Ahmad will nicht mehr. Sein Brustkorb hebt und senkt sich. Immer langsamer. Nichts tut ihm mehr weh, Durst verspürt er auch nicht mehr. Mutter Theresa flimmert durch seinen Kopf, sie hat er immer verehrt. Der Dalai Lama lächelt ihn sanft an. Seine Frau strahlt vor seinen Augen, hält ihm die Arme offen entgegen. Seine Gesichtszüge entspannen sich, sein Herz hört auf zu schlagen, Eine leblose Hülle bleibt zurück….

35 Minuten geschrieben.

 

Eine Meldung, ein Schlag. Mitten ins Gesicht. Nicht der erste in diesen Tagen. Wochen. Monaten. Es gibt Tage, da funktioniert die Distanz. Da bist du in deinem Leben verstrickt, deinem Rhythmus und Tagesablauf. Und dann geht die Tür in deinem Büro auf und ein strahlender Kursleiter betritt dein Büro. Mitsamt einer Frau, du kennst sie nicht. Mit lächelnden glücklichen Augen stellt er sie dir vor, seine Ehefrau. Nach ganzen 48 Monaten, endlich in Deutschland. geflohen aus Syrien. Gemeinsam mit ihren Töchtern. Sie haben Geschenke mit. Etwas für dein Büro, etwas zum Essen. Direkt aus Damaskus. Bis dahin kannte ich ihn nur sehr zurück gezogen, mit verkniffenen Augen. Ich wußte nie warum.

Und an diesem Tage bleiben die Gedanken besonders außerhalb dieser Distanz. Sie sind fernab des sicheren Bereiches. Sie sind bei den Menschen denen der Bombeneinschlag das tägliche Wiegenlied singt….

 

35 Minuten geschrieben….

Darum, heut mal keine abseitige Trashgeschichte, sondern ein Thema, so aktuell wie nie zuvor…

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5 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben, es hat mich sofort abgeholt. Ich mag diese Art der Fiktion, der tatsächliche Fakten zugrundeliegen, denn es macht die Realität realer, und das Entfernte näher. Eigentlich ist diese deine Art mehr geeignet, als Dokumentation den Menschen nähergebracht zu werden, denn es erreicht sie im Herzen. Das Nachdenken folgt wie magisch. Und ich habe lange darüber nachgedacht…

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  2. Liebe Frau Ahnungslos, Dank für das Aufschreiben auch solcher Geschichten. Just heute früh saß ich mit einem Nachbarn, Jeside aus Nordsyrien vor dem Florallabor bei Limettentee. Er rang nach Worte und das nicht nur wegen seines holperigen Deutsches. Ich gab ihm dieses Gedicht von Abul Ala, welches Herr Ärmel hier uns antrug:

    http://fotografieundtext.wordpress.com/2014/08/28/vorwochenendgedanken/

    >Muslime rasen, Christen straucheln,
    Juden irren, Magier mogeln;
    wir Sterbliche sind zwei Schulen zuzuordnen:
    Scheinheilige Schurken oder fromme Narren.<

    Das traute ich mich nur, weil wir schon oft über die Irrtümer des Glaubens gesprochen haben. Heute sah er mich mit nassen Augen an. Und meinte, niemand könne Frau und Kind vor diesem Hass schützen, kein Narr und kein Weiser. Doch lieber sei er Narr, als Schurke…
    Ich fand keine Anwort. Jetzt lese ich Ihre Worte und muß wieder schlucken.

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    1. Oh ja… verstehe es so gut. Schluck ich doch auch so häufig die letzten Monate. Gefühlt sogar immer mehr. Sind immer mehr Momente an denen ein Broken auf die Füsse fällt, straucheln läßt und die Gedanken dort sein müssen. Außerhalb meines halbvollen Kühlschranks. Gestern hab ich mir dazu – dummerweise- einen Threatverlauf vom Stern durchgelesen, und auch kommentiert. Halte mich von Springer ja lieber fern. Was dort geschrieben wurde, es verschlug mir die Sprache. Am Abend überlegte ich noch, ob ich diesen Artikel nebst Kommentaren unter meinen Text setzen sollte.
      Ein Limettentee ist wunderbar , ein offenes Ohr dazu noch viel mehr. Genau das wird so dringlich gebraucht und tut dem Herzen so gut. Gesehen werden. Das ist das, was wir hier tun können. Und nicht blind vorbei gehen.

      Drück Sie und bitte einen Tee für mich mit. Herzlich, mit warmen Herzen für Sie, Ihre Frau Ahnungslos, fast mit auf dem Teppich dabei.

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      1. Adil, so heißt der Nachbar, kommt oft auf ein Schwätzchen vorbei. Er hat mittlerweile seine ganze weitläufige Familie hierher geholt. Sie führen emsig und fleißig einen Lieferdienst. Schon oft verschlug es ihm die Stimme, aber er versteht es auch, sich für gemeinsames Schweigen zu bedanken. Er nennt mich beharrlich Prinzessin, was ich nur ihm gestatte…
        Diese unsäglichen Diskussionen, ich halte mich fern. Hier kocht die Volksseele wegen der Nutzung eines leerstehenden Kurhauses für syrische Flüchtlinge… es ist ein Graus.
        Nicht aufgeben. Kopf hoch und Rücken gerade machen. Mehr bleibt uns nicht. Und die Hände reichen, und umarmen. Fest. Ihre Frau Knobloch.

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