Neues aus Vorstadt – Frau Schmidt fährt in die Kur

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Frau Schmidt hat ja nicht nur einen Hund, sie ist auch, wie schon erwähnt, kürzlich geschieden. Hatte eine wundervolle Zeit mit einem tollen Ehemann. Nun ist ein neuer Lebensabschnitt da und Frau Schmidt braucht eine lange Zeit um sich an das Alleineleben zu gewöhnen. Die Tränensäcke werden auffällig, die Krähenfüße folgen bald. Da ist es an der Zeit, das Frau Schmidt samt Nachwuchs mal in die Kur fährt.

Sie packt als bald ihre Koffer und fährt los. Raus aus Vorstadt, in kargere Landschaften, vorbei an grasenden Pferden auf den Koppeln, schlafenden Kühen und pickenden Hühnchen am Wegesrand.

 Nicht viel später befindet  sie sich nun , in einem Sammelsurium aus 123 Frauen und deren Sprösslinge in allen Altersklassen. In einer Einrichtung, in der es um das Seelenheil, Seelenpflege, Körperpflege und hoffentlich auch um besagte Krähenfüße geht. Was sie da genau soll, ist ihr im Grunde nicht ganz klar, aber angepriesene Massagen, Ölbäder, ne Reinigungskraft und einige – hoffentlich gutaussehende – Sportdozenten sind ja schließlich auch nicht zu verachten.
 
Frau Schmidt ist schlau und sucht sich ein Kurhaus direkt am Meer am wunderschönen Meer. Ein schöner ruhiger einsamer Steg in der unendlichen Weite des feinsandigen Strandes. Genau das richtige für Schmidts wirre Gedanken und doch eigentlich viel zu vollem Kopf. Schön war die Vorstellung den Steg und die See zu geniessen. Gleich am ersten Tag wateten sie also über den Schlick, vorbei an stillen Vögeln die im Watt nach ihrem Futter suchten, bewaffnet mit Spaten und Kamera. Sie freuten sich auf ein paar tolle Schnappschüsse von den neuen schicken Gummistiefeln in der Weite des Watts.
Wenn da nicht die Muschel gewesen wäre. Diese kleine fantastisch aussehende Muschel, welche die waghalsige mutige Tochter unbedingt besitzen wollte…. Gedankenlos und übermütig ohne direkte Vorwarnung hörte die Schmidt noch ihre letzten Worte :“Oh, was für eine schöne Muschel“ und sah sie springen.  Mit beiden Füssen hüpfte die Kleine von dem Steg und weg waren sie…. die schönen lila Gummistiefel, versenkt im Schlick. Einen Einzigen konnte sie mit grösstem Kraftaufwand aus dem herbstlichen Meeressumpf ziehen. Und auch der spontane Einsatz ihres mutigen Bruders konnte den Zweiten nicht mehr retten. Ein Schuh und weg.
Einsockig und Eingummistiefelig bewegten sie sich im Endeoktoberwetter zurück. Drei Menschen mit fünf Schuhen. Frau Schmidt grinst.
 
Tag zwei brach ein…Tag zwei von drei Wochen in der Fremde. Drei Wochen in denen Frau Schmidt raus ist aus all den alltäglichen Dingen, die so selbstverständlich sind. Kein Wecker um sechs, kein Brote schmieren, kein Putzen, kein Kochen, kein Arbeiten, kein Schlichten von tendenziellen Kriegen um die letzte Scheibe Wurst zwischen zwei Kindern am Frühstückstisch. Ja, so eine Einrichtung ist schon klasse.
 

Es gibt Fitnessgeräte, eine Sauna und ein Schwimmbad. Und da diese Zeit natürlich auch sinnvoll genutzt werden soll, möchte Frau Schmidt ein wenig gegen das eine oder andere unschöne Relikt aus langen Schokoladenabenden tun.

Das Schwimmbad ist ist genau richtig dafür. Vierkommafünf Züge von der einen Seite zu der anderen Seite. Da wird sie heute Abend glatte 573 Bahnen schwimmen und daheim hochachtungsvolle, erstaunte, anerkennende Blicke, Ahas und Ohos später daheim ernten. Die Größe des Schwimmbeckens muss ja keiner wissen.

 
Die spätere Höchstleistung bestand am folgenden Tag darin, das ultraspannende Ergometer kennen zu lernen, um den Herzmuskel ein wenig zu fordern. Als würde der nicht auch so täglich gefordert. Schließlich tut sie doch immer irgendwas mit ihrem Herzen. Ständig ist es mir vielem beschäftigt und so verwunderte es nicht, als der Physiotherapeut fragt, ob regelmäßig Ausdauertraining betrieben werden würde. Irgendwie ist dieses ganze Herztreiben ja schon eine Art intensives Herzcardiotraining in Höchstleistung. Wenn ihre Gedanken bei den Liebsten sind, wenn es mitfühlt, trauert, freut, vermisst und all dieses ganze andere, was ein Herz im Betrieb so tut. Da geht es um mehr als nur um Sauerstoffversorgung im Blut. Da geht es um elementare wichtige Funktionen für die eigene Seele und um al dessen, was es berührt. Ja, so ein Herz schafft schon einiges …
 
Die Tage vergehen und endlich kommt das lang ersehnte Wannenbad, welches auf Schmidts Wochenplan für Tag 10 zu finden ist. Ein extra gebuchtes 20 Minuten langes Entspannungsbad. Morgens um 8.40 Uhr.  Eine Dame empfängt sie professionell mit einem liebreizenden Gesicht und führt Frau Schmidt in ihre Kabine. Ganz alleine für genau 20 Minuten. Dann klingelt die Eieruhr, es geht los. Genau ab Minute eins, konzentriert sie sich und genießt, ohne Zeitverschwendung, die Entspannung. Erfolgreich verdrängt sie das Ticken der Eieruhr, die weiteren freundlichen „Guten Morgens“ der Wannenbadorganisatorin hinter der halben Wand. Verdrängt artig auch das Einlassen der anderen Bäder nebenan, das Zuknallen der Türen und den Anblick des nackten Damenkörpers links, welcher durch den nicht ganz zu schließenden Vorhang sichtbar ist. Verdammt, zurück zur Entspannung, es bleiben noch genau 3 Minuten.
 
Unweit der Einrichtung befindet sich ein großes Schwimm- und Spaßbad. Hier fällt sie überhaupt nicht auf. Es gibt dicke, dünne, große kleine, salinoförmige , bohnenstangen ähnliche, birnenförmige Menschen und ab und auch auch hier und da ein „idealentsprechendes Exemplar von Frau. Aber nicht nur von ihr, auch Mann ist vertreten in allen erdenklichen Formen. Und nicht nur das.
 
Hier gibt es sie, hier gibt es sie noch. Die Männer, die noch ganze Männer sind. Zumindest stellen sie sich es sicher so vor. Hier wollen Männer noch ganz sein und tragen somit stolz ihren Pelz unter dem Arm als auch auf der Brust zur Schau. Es scheint ein Trend hier zu sein und sie erkennt die unterschiedlichsten Muster auf den Bäuchen, Rücken, Brüsten und Schultern diverser Exemplare, männlichen Geschlechts. Bis dato fiel ihr noch nie auf, dass Haare so vielfältigen  und an so unterschiedlichen Stellen wachsen können.
 
So vergehen die Tage mit einigen unliebsamen Terminen mit ernstblickender Psychotante, die ein wenig hier und da stochert. Wirklich drauf einlassen kann sich Frau Schmidt nicht, ebenso auch nicht die Psychotante. Mehrmals ist diese sich nicht sicher, warum Frau Schmidt überhaupt da ist. Die weiß es irgendwie selber nicht. Aber mal so drei Wochen raus, nicht kochen, nicht arbeiten, hier und da ein Wannenbad, Beschäftigungen mit den Kindern, Spazieren am Meer. Und viel spazieren am Meer. Das hat auch mal was. Die letzten Tage allerdings zählt sie ganz genau. Und freut sich, als die Koffer wieder gepackt werden, Kinder und Kleidung verstaut ist und der Motor des Wagens wieder angelassen wird.
 

 

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27 Kommentare

  1. Grüßense mal die Frau Schmidt, wenn Sie sie in der Vorstadt treffen, mich deucht, das ist ’ne urst Famose…
    Die Geschichte erinnert mich an die Junggöre Knobloch, die einen neuen Lackschuh im Lehm versenkte, nicht ohne vorher wütendbrüllend das halbe Dorf zusammenzutreiben. Danke, liebe Frau Ahnungslos.

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    1. Mach ich gern. Was ich aber weiß, einen Lackschuh bekam die übrigens nie. Sie wurde dafür aber wirklich in eine Lederknickerbockeroderso ähnlich reingesteckt. Das müssen se sich mal vorstellen. Dann fuhren die doch glatt mit der Dern in den Schwarzwald, wo sie sich erstma in einen schönen Haufen voll roter Ameisen setzte. Das arme Ding. Da nahm es eine Schere, und schnitt die ollen Träger ab. Die Mutter schimpfte, war es doch ein teures Stück und die kleine Schmidt, die grinste 😀
      PS, hoffe selbstverständlich, werter Lackschuh wurde vom störrischem Lehm wieder freigegeben 🙂
      Herzlichst, die sonnenverbrannte ahnungslose Ahnungslos 😀

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      1. Herrliche Trägerabschneidgeschichte! Der Lackschuh war verschwunden, die Strumpfhose ruiniert und ich durfte meine geliebten Großerbruderschlumpsklamotten weiter tragen und Junge sein, statt Lackschuhmädchen.
        Lachende Grüße retour, Ihre Frau Knobloch.

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      2. Auf dem liegen auch die rosa Zopfbänder, die ich überflüssig machte, indem ich mir das Junggörlanghaar selber abschnitt. Schon tröddelt sich wieder eine zu erzählende Knoblochepisode in’s Hirn…

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      3. Gott, diese zurück kehrenden Gedankenfetzen. Rosa ging ebenso nie. Doch eines Tages nahm meine Mutter mich an die Hand, schleppte mich zum Schneider und schnitt sie ab. Die langen Haare, nur ein wenig schlecht gekämmt. Ab dann war ich ein kleiner Junge „ach ist der süß. Wie heißt er denn?“ Hilfe. Was für schreckliche Erinnerungen. Boar war ich sauer. Bayrische Lederlatzhose und Kurzhaarschnitt. Das sagt jawohl alles. 😀

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  2. Einen Schuh kann man auch in Meran an einem künstlichen Bach verlieren. Immer wieder lustig, wenn wir uns daran erinnern.
    Ich war jetzt in einem Kurort in einem Bad. Ich hatte überlegt einen Eintrag zu schreiben, aber er wäre zu böse geworden. Das ist schon nicht mehr schön, was man sieht.

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  3. Aus sicherer Quelle würde ich Frau Schmidt lachen empfehlen 🙂
    Ja, das Herz, das leistet so viel. Bitte auch Entspannung auf Eieruhrknopfdruck.
    Über den Gummistiefel habe ich herzlich gelacht. Immer diese unschuldigen Opfer.

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    1. Slapsstick sag ich dir. Reiner Slapstick 😀 Wobei der tragische Verlust dieses linken Gummistiefels natürlich dramatisch war. Was mich an die so häufig sichbaren einzelnen Schuhe erinnert. Oder gibt es die nur in Vorstadt? Hier und da begegnest du einem Schuh. Kurios. Die scheint auch immer irgendwer zu verlieren. Und das so ganz ohne Schlick und Schlamm 😀

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