Blogger schreiben gemeinsam Geschichte. Zusammenfassung aller Geschichten aus Runde zwei.

 

Wie schon in der vergangenen Woche trage ich nochmal alle Geschichten auf einen Blick zusammen.

Meine Güte sind wieder Hammerteile zusammen gekommen. Und noch neue Tastenkünstler dazu. Was mich persönlich ungemein freut. Danke nochmal an alle. Wo das wohl noch alles hinführt ! 🙂

Heute abend geht es dann in Runde drei und dieses mal kommen die neuen zehn Wörter aus der poetischen Ecke, vom ehrenwerten Wort und Sätzeakrobaten Herrn  zolaski. 🙂

Boar… Lust mal eben kurz auf 12.700 Worte? Du meine Güte… da reicht aber eine Tasse Tee sicher nicht aus 😀

1.

Sie fuhr mit dem Zeigefinger an der Tapetenabschlusskante entlang. Es beruhigte sie. Die Gedanken konnten fließen, es war, als gäbe sie ihnen eine Richtung vor, eine Richtung, geradeaus, glatt nicht, glatt sollte es nicht sein, aber die Gedanken sollten eine Richtung bekommen und so schritt sie an der Wand entlang, mit dem linken Zeigefinger an der Wand entlang. “Robert”, flüsterte sie währenddessen, “Robert”. Roberts Gummistiefel standen noch im Flur. Sie hatte sie noch nicht rausstellen können, es ging nicht. Als ginge er noch in ihnen, gleich hinter ihr her, an der Tapete entlang, Robert in ihrem Windschatten, im selben Tempo wie sie, ging er hinter ihr und sie spürte seinen Atem, so nah, dass sie sich umdrehte, doch da war niemand, da war niemand außer ihr selbst. Sie seufzte, legte ihren Finger wieder an die Tapetenkante und ging weiter, Schritt für Schritt immer wieder an der Wand entlang, als würde sie so zu Antworten kommen, als wäre sie in die Tapete eingewoben, die Antwort auf die Frage, was mit Robert los gewesen war. Das Fenster stand offen, die Hitze des Augusts drang in das leere Zimmer, in dem sie mit Robert so oft gesessen, gegessen, gestanden, gelegen und gesprochen hatte. In dem sie sich geliebt hatten, gestritten hatten. In dem sie eins waren und zwei, in dem sie ein Wir waren. Als er noch da war. Das Fenster stand offen, Elfie sah, wie ein Eichhörnchen den dicken Ast hochrannte, immer weiter nach oben, trippelte es flink nach oben und sie lächelte, ohne zu wissen warum und dann ging sie wieder weiter, immer weiter an der Tapetenkante entlang und wie so oft hörte der Typ von nebenan die Ramones, sie mochte die Band nicht, aber Robert hatte sie gemocht, deshalb hatte sie aufhört das Fenster zu schließen, wie sie es früher gemacht hatte, weil Robert die Ramones mochte und dann immer so glücklich aussah, das wollte sie auch jetzt, sehen und hören, die Ramones und dazu das glückliche Gesicht von Robert, der jetzt nicht mehr hier war. Die Schokolade, die auf der Fensterbank lag, schmolz und ergoß sich im Zeitlupentempo über das dünne Stanniolpapier. Noisette, Roberts Lieblingsschokolade, dieses Zimmer ist wie ein Museum, dachte Elfie, wie ein Museum der Erinnerungen. Da die Musik, da die Schokolade, da ihre Erinnerung, die voller Roberts war, Robert im Bett, Robert im Supermarkt zwischen den Regalen, Robert mit dem Wäschekorb vor der Tür, Robert mit dem Geschirrtuch in der Hand. Elfie ging in die Küche. Auf dem Tisch standen noch beide Kaffeetassen. Der Kaffee war ungetrunken in den Tassen geblieben, sie hätte es sich sparen können, wie so manches man sich sparen könnte, dachte sie, wüsste man vorher, was draus wird. Aus ihnen war etwas geworden, ein Paar, kein Besonderes, ein Durchschnittspaar mit einer Durchschnittsliebe mehr nicht, aus den anfänglichen Träumen war ein Trümmerhaufen entstanden, ein Trümmerhaufen voller gemeiner Worte und schweigen, den sie gemeinsam zusammengefegt und weggeräumt hatten, Robert und sie. Und Elfie, Elfie wollte sie auch nicht mehr heißen, sie wollte alles und nichts mehr behalten, es tat zu sehr weh. Elfie, so hatte er sie immer genannt, dabei hieß sie Elvira, aber er hatte gesagt: Du bist wie eine Elfe, ich nenne dich Elfie, wenn ich darf. Und sie hatte genickt, damals, vor zwei Jahren auf dem Reggaefestival am See. Und jetzt war er weg, hatte sie allein gelassen, mit allem, mit ihren Fragen und all den Fragen der anderen, die kommen würden und sagen: Aber du kanntest ihn doch gut, du musst doch wissen warum. Aber sie wusste es nicht, sie wusste nicht, warum er es getan hatte, warum er nicht gesagt hatte Elfie, das war es jetzt, nicht angekündigt, gar nichts. Er hatte nichts gesagt, er war gegangen, war vorher noch auf dem Zebrafell im Flur herumgesprungen und hatte albern gelacht, als wäre nichts Besonderes und dann war er verschwunden. Im See hatten sie ihn gefunden, dabei war er ein guter Schwimmer, mit einem schweren Stein am Fuß. Ohne Erklärung, ohne einen Abschiedskuss, ohne Hoffnung, ohne Abschiedsworte für sie, kein Brief, nirgends. Sie hatte die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, hinterher. Alles umgekrempelt, alle Bücher aufgeblättert, zwischen den Handtüchern gesucht, bis sie irgendwann erschöpft und weinend zusammengebrochen war mit der Erkenntnis, dass er den Brief irgendwo offen hingelegt hätte, hätte er einen geschrieben für sie und nicht versteckt, als wäre es ein Osterei. Sie ging wieder in das leere Zimmer. Sie fuhr mit dem Zeigefinger an der Tapetenabschlusskante entlang. Es beruhigte sie. Und vielleicht würde sie Antworten auf die Fragen finden, ihre eigenen und die der anderen, irgendwann.

Autor mit Urheberrechten: die Wolkenbeobachterin

 

2.

Frau Ahnungslos persönlich 😀

Es war das erste Mal, das die adipöse Gertrud ins Schwabenland fuhr. Eigentlich fuhr Gertrud überhaupt das erste Mal irgendwo hin. Sie wohnte beschaulich im Herzen Münchens und ward im Grunde des Lebens froh. Zumindest solange, bis sie an die erste und einzige Begegnung mit Onkel Stanislav dachte. Genervt rollte Gertrud die Augen, bei dem Gedanken an den Onkel, an den sie nur noch vage Kindheitserinnerungen mit sich trug.

Damals. Als kleines Mädchen, ward der Onkel bei ihnen einmal Weihnachten zu Besuch. Saß stundenlang im Wohnzimmer, qualmte Zigarren, trank Wodka aus der Kaffeetasse, anders war er es nicht gewohnt. Sang völlig schief zu den Ramones, der Lieblingsband ihres Vaters und fraß Gertruds Schokolade einfach achtlos auf, die doch für sie auf ihrem Weihnachtsteller fröhlich lag. Da nun Weihnachten war, brachte Onkel Stanislav voller Stolz Geschenke mit. Ihr Vater bekam majestätisch, ein Zebrafell präsentiert, inklusive der Livestory, wie der Onkel eben jenes Zebra damals auf seiner Safaritour mit bloßen Händen selbst erlegte.

Gertrud machte große Augen. Sah ihren Onkel hoch auf dem Zebra durch die Savanne reiten und wie sich seine Arme fest um des Zebras breiten Halse legten.

Ihre Mutter bekam einen dreißiger Pack Geschirrtücher. Made in Moskau, feinst gewebt aus Eichhörnchenwolle, wie er stolz berichtet. Ein wertvolles Produkt, patentiert von einer Moskauer kleinen Weberei. Sagt Onkel Stanislav. Gertrud machte große Augen. Sieht Berge voller Eichhörnchenfelle auf den Tischen der Moskauer Weberinnen liegen.

Gertrud selber bekommt zwei Paar Gummistiefel. Einmal in pink und einmal in schwarz. Stanislav meint, die angesagtesten Farben in Moskau, alle Mädchen die was auf sich halten, tragen diese Gummistiefel. Oben mit gerippten Bündchen. Gertrud sah sich inmitten der Moskauer Schickaria mit ihren pinken Gummistiefeln.

So war das damals mit Onkel Stanislav. Tragisch war der Abgang von ihm. Grade mitten in seinem gefühlten 25. lyrischen Erguß nach ca 35 Tassen Vodka, stand er auf um pinkeln zu gehen. Das Gertrud mal kurz den Wäschekorb, samt ihrer Gummistiefel unglücklich in den Flur stellte, daran erinnerte sie sich für immer. Der Onkel also lauthals poesierend Richtung Bad, stolpert über den Wäschekorb, streift mit dem Arm die erst am Morgen des Heiligenabend fertig gestellte Tapetenabschlusskante und landet bäuchlings auf dem Flurboden. Abgefedert von der Eisengarderobe links im Flur. Der Vater springt auf Richtung Stanislav, nicht ohne vorher einen kritischen Blick auf die Tapetenabschlusskante zu werfen. Ist sie schließlich sein bestes Stück, welches er jeh geklebt hat.

Hilft dem besoffenen Onkel auf, drückt ihm eines von Muttis neuen Geschirrtüchern aus Eichhornfaden auf die blutende Stirn und begleitet ihn mit einer Entschuldigungstirade ins Bad. Anschließend darf Onkel Stanislav in Gertruds Bett schlafen, während sie die Nacht auf dem Sofa verbringen muss. Nicht ohne sehnsüchtige Gedanken, an den Supermarkt übermorgen, um ihren aufgefressenen Schokiweihnachtsteller wieder aufzufüllen.

Ja, so war das damals, mit dem Onkel Stanislav. Und nun muss sie zu ihm ins Schwabenland. Oder besser gesagt, auf seine Beerdigung. Denn zu jener Zeit, kurz nach der Abreise bei ihnen, traf er die junge Babette auf der Rückreise und verliebte sich unsterblich in sie. Und da sie eine Zwergziegengroßmolkerei, mit hauseigener Ziegenmilchschnapsbrennerei im Schwabendland besaß, fackelte er nicht lange und brach seine Zelte in Moskau ab, um für immer bei seiner holden Babette zu bleiben. Eines Tages verstarb er dann. Er wurde in der Brennerrei, umgeben von nicht mehr zählbaren Kaffeetassen auf dem Boden aufgefunden. Todesursache unbekannt.

(30 Minuten Geschrieben, ich gebs zu…)

 

3.

Es ist die Vorfreude, die Anspannung und auch der Organisationsstress, der jedes Festival unvergesslich macht. Wenn erstmal die Karten bestellt sind, dann kanns schon fast los gehen. Auch dieses Jahr ist es wieder so weit, die Vorfreude ist groß und das Festival zum Glück klein. Sie fragt sich die ganze Zeit ob sie die Gummistiefel wirklich braucht, grundsätzlich bestimmt, aber igendwie werden sie doch sowieso wieder ungetragen mit zurück nach Hause kommen. Und dann stehen sie wieder da, neben den Wäschekörbe stinkender, bierdurchdrängter und komplett matschiger Wäsche und sind traurig, dass sie noch nie ausgeführt wurden. Ok, eine Enscheidung muss her, soll sie den Gummistiefeln und sich noch eine Chance geben? Nein, die roten Gummistiefel bleiben jetzt endgültig zu Hause. Kein unnötiger Ballast. Die Vorbereitungen sind immer der schlimmste Punkt, was soll alles mit und was wird vor Ort im überteuerten Supermarkt gekauft. Letztes Jahr hatte sie tatsächlich eine Kaffetasse vergessen. In Plastikbechen Kaffee trinken ist nicht so die allerbeste Idee. Ja, das mit dem steigenden Bierkonsum die logischen Abläufe und Entscheidungen schwerer fallen ist wahrscheinlich auch keine ganz neue Lebensweißheit. Aber gut, so ist sie eben, Kaffe ist ein lebensnotweniges Getränk, eigentlich das beste Getränk. Manche bösen Zungen behaupten ja, dass sie in Notsituationen das Kaffeepulver essen würde – eine bloße Vermutung. Zum Glück beschränkt sich ihr Suchtverhalten auf Kaffee, Zigaretten und Schokolade, es wäre nicht auszumalen wie extrem das mit anderen Süchten wäre.
Also muss die Kaffeetasse als erste mit, die Gummistiefel sind ja gestrichen und das Ramones T-Shirt ist auch schon eingepackt. Es ist so ein schöner Spaß dieses T-Shirt einfach immer wieder anzuziehen. Ihre Freunde nenne sie fast alle Ramones und durch das Shirt bleibt sie bei neuen Menschen ein bisschen besser im Kopf. Lange hat sie sich geweigert ein Shirt mit IHREM Namen zu tragen, aber igendwann war es dann doch an der Zeit. Ramones mit dem Ramonesshirt. Naja, so kann sie wenigstens nicht ihren Namen vergessen.
Was auch noch mitkommt ist natürlich Besteck, ein Teller, Spüli und ein Geschirrtuch. Ramones neigt auch in betrunkenen Festivalsituationen zu einer minimalistischen aber vorhandenen Sauberkeit, auch aus dieser Rolle kann sie nicht raus. Ganz im Sinne ihrer Erziehung, und vorletztes Jahr waren die Geschirrtücher auch als Outfitverbesserung ganz gut. Der Spaß sich die karrierten Tücher an die Gürtelschlaufe zu binden, wie das die Metalposer mit ihren Zebrafellen und Tigertüchern immer tun ,war auch eine ganz nette Abwechlung. Zum Glück ist die Stimmung bei Metalfestivals immer entspannt, doch der Vorschlag, dass man anstatt des Geschirrtuchs auch frisch abgezogenes Eichhörnchenfell nehmen kann war für Ramones, so ganz Tierschützerin, schon eine Spur zu hart. Hoffentlich tut er das nicht wirklich – war nur ihr Gedanke, denn der bierbäuchige Metaller hatte sich schön mit Tapettenabschlusskantenband einen rießigen Penismotiv auf den Bauch kleben lassen und irgendwie sah er auch im Ganzen nicht so wirklich vertrauensvoll aus. Man erlebt ja die seltsamsten Dinge, trifft die interessantesten Menschen und hört die unglaublichsten Geschichten, also warum kein Eichhörnchenmord?
Vielleicht sollte sie restliche Packen auf später verschieben und es doch erstmal mit einer Packliste versuche..

Autor mir Urheberrechten: chaos

 

4.

Queens.
Endlich.
Zu Hause bei den Ramones.
Ein Traum wird wahr. Schon immer wollte ich mir die Heimat der von mir geliebten Band ansehen und erkunden,wo und wie sie zu ihrer Musik fanden.
Fleißig wie ein Eichhörnchen hatte ich dafür jeden Job der sich bot angenommen.
Gespart, gespart und nochmal gespart.
Kein Stück Schokolade ausser der Reihe gönnte ich mir.
Wohl Hunderte von Kaffeetassen trocknete ich mit dem immer gleichen Geschirrtuch ab.Auch an der Wäsche sparte ich, der Wäschekorb musste solange wie möglich leer bleiben.
Das senkte die Kosten für Wasser und Energie.
Auch die Besuche im Supermarkt wurden auf ein Mindestmaß reduziert.
Winterstiefel und Sandalen ersetzte ich durch Gummistiefel.Ein paar Schuhe für alles wurde mir zur Devise.
Geschafft.
Endlich in Queens.
Ein Gefühl von Freude und Stolz erfüllt mich und entschädigt für die Quälerei der letzten Monate.
Eins jedoch versetzt mich in Staunen und Unglauben.
Warum , zum Teufel nochmal,spannen diese verrückten Amerikaner Zebrafell über ihre Tapetenabschlußkante?

Autor mit Urheberrechten: arabella50

 

5.

Da saß sie nun in ihrem ausgeleierten Ramones Shirt mit ihrer leeren Kaffeetasse.
Draußen regnete es unaufhörlich und sie dachte an ihn. Unaufhörlich spukte er ihr durch den Kopf. Wie glücklich sie gewesen waren.
Wie intensiv ihre Liebe gewesen war, wie harmonisch die Beziehung, wie großartig der Sex.
Sie hatten sich in jeglichen Bereichen ergänzt und sie hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Trübsinnig starrte sie vor sich hin. Sie hatte keine Kraft mehr, fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Gleichzeitig brodelte in ihr eine unbändige Wut, giftiger Hass, der ihr die Kehle heraufkroch. Ihr Herz fing an zu rasen,, die aufgestauten Aggressionen gewannen an Kraft. Sie presste sich das Geschirrtuch vor den Mund und schrie. Laut. Sie schrie alles aus sich heraus, was sie innerlich aufzufressen drohte und warf im letzten befreienden Akt die grüne Kaffeetasse gegen die Wand.
Es blieben Scherben und hässliche Kaffeetropfen, die im Rinnsal die Wand herunterliefen und sich bei der aufgerollten, losgelösten Tapetenabschlusskante trafen um dort zu einem hässlichen Fleck zu verschmelzen.

Sie musste hier raus. Sie brauchte Luft, frische, kühle, reinigende Luft.
Und Schokolade.
Sie stieg in ihre Gummistiefel und stapfte zum Supermarkt um die Ecke.
Normalität sehen. Es fühlte sich seltsam an.
Die Leute musterten sie aus den Augenwinkeln, aber es war ihr egal.
Sie nahm die Schokolade, bezahlte und ging zurück in ihre Wohnung.
Dort viel ihr Blick auf dieses dämliche Zebrafell. Das und ein halbvoller Wäschekorb mit Klamotten, war alles was von ihm geblieben war.

Autor mit Urheberrechten: jasysophie

 

6.

Das ist mein allererster Versuch. Bitte seid nachsichtig mit mir 😉 das geht bestimmt noch besser. Gar nicht so einfach:
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Gedankenverloren seufzte sie tief, während sie mit dem Geschirrtuch die Kaffeetasse trocken wischte. Sie griff nach ihrer Jacke, nahm die Handtasche und verlies die Wohnung. Frische Luft, das tut bestimmt gut. Abschalten, die Gedanken vergessen. Die Parkbank ist marode und es sind nur wenige Menschen unterwegs. Macht nichts. Bei dem Wetter traut sich eh kaum einer raus. Regen. Hätte sie doch nur die Gummistiefel angezogen. Die Schuhe werden total dreckig sein. Egal. Ein Eichhörnchen hüpft an ihr vorbei und bleibt vor ihr stehen. Sie kramt in ihrer Tasche und findet nur noch das Papier eines Schokoriegels. „Ich muss noch einkaufen“ sagt sie. Das Eichhörnchen schaut sie verwirrt an und hüpft davon. Auf dem Weg zum Supermarkt fällt ihr ein, dass sie den Geldbeuels zu Hause liegen lassen hat. Also doch wieder zurück, in die Wohnung, in die Enge. Der Geldbeutel ist nicht zu finden. Sie sucht überall, in allen Ecken. Da liegt noch ein altes Ramones T-Shirt, direkt an der Tapetenabschlusskante. Sie hebt es auf und wirft es in den Wäschekorb, aber nein, dort ist es auch nicht. Frustriert will sie schon aufgeben und stolpert über den Teppich mit dem Zebrafellmuster. Wie ist es dorthin gekommen? Wie dem auch sie…die greift danach, steckt es in die Tasche und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

Autor mit Urheberrechten: queenofnerds

 

7.

Gehetzt betrat sie den Supermarkt. Sie brauchte dringend ein Geschirrhandtuch, oder besser zehn davon. Außerdem einen Wäschekorb. Auf dem Weg zur Kasse, ergatterte sie noch Gummistiefel aus dem Sonderangebot. Die fielen bestimmt nicht durch. Sie musste wirklich lernen, sich zu beherrschen. So ging es nicht weiter.Als sie mit ihrem Einkauf die Wohnung betrat, schlug ihr der metallische Geruch von Blut in die Nase und der Zerberus in ihr begann gierig zu knurren. Sie betrat das Wohnzimmer und sah die Sauerei, die ihr wahres Ich hinterlassen hatte. Das Blut stand bis zur Tapetenabschlusskante und mitten im Raum lag alles, was von ihrem Raubzug übrig war. Ein Zebrafell. Sie war also wieder nachts im Zoo gewesen, um den Zerberus in sich zu befriedigen. Nicht lange und sie musste wieder mal umziehen.Zur Musik der Ramones begann sie, die Gummistiefel an den Füßen, die Spuren des Schlachtens zu beseitigen. Immer wieder warf sie die Geschirrtücher ins Blut, wusch sie in der Badewanne aus, um wieder und wieder das Blut damit aufzunehmen. Es war schon dabei zu gerinnen, so mochte der Zerberus es nicht mehr.Als sie gegen Abend endlich fertig war, warf sie die Geschirrtücher und das Zebrafell in den Wäschekorb und wartete auf die Dunkelheit.Auf dem Fensterbrett saß ein Eichhörnchen. Sie spürte, sie musste dem Zerberus nachgeben. Blitzschnell griff sie das putzige Tierchen, riss ihm den Kopf ab und ließ das warme Blut in eine Kaffeetasse laufen. Das ganze garnierte sie mit etwas geraspelter Schokolade.”Als Belohnung, für die erledigte Arbeit”, knurrte der Zerberus in ihr, und stürzte die seltsame Mischung hinunter. Würde sie jemand beobachten, er sähe eine zarte Frau, die Abends ihren Tee trinkt.Sie wusste, das musste irgendwann ein Ende haben, wollte sie ein echter Mensch werden.Mit dem Wäschekorb, beladen mit den Geschirrtüchern und dem Zebrafell (nicht mal die Knochen waren übrig geblieben), schlich sie, immer noch die Gummistiefel tragend, in den Garten. Sie griff sich noch die Schaufel aus dem Keller und vergrub alles fein säuberlich unter der alten Buche.Nur gut, dass sie alleine auf dem großen Anwesen wohnte…

Autor mir Urheberrechten: S.Meerbothe

 

8.

Was zum Teufel…?!

Der Ventilator schrappte bei jeder Umdrehung und wälzte die schwüle Luft hin und her. Immerhin hielt er die Fliegen davon ab,auf seinem verschwitzten Nacken zu landen. Träge hing er im Schaukelstuhl, den er mit dem Fuß in Bewegung setzte, dem Rhythmus des Ventilators folgend. Die Hitze machte ihn willenlos. Jedes noch so geringe Vorhaben scheiterte bereits in Gedanken. Schon seit Tagen hatte er Gulio um einen Wäschekorb bitten wollen. Jedesmal, wenn er unten am Tresen saß, war jede Sache, die sich außerhalb seines Gesichtsfelds befand, undenkbar. Also lag seine Dreckwäsche in einem Knäuel auf dem Boden – obenauf das Geschirrhandtuch mit den aufgedruckten Eichhörnchen.

Er dachte an Susann, stellte sich vor, wie sie auf dem Sofa saß und Schokolade futterte. In Köln war es jetzt kalt. Unvorstellbar. Bestimmt hatte sie den Kamin angeheizt und die Ramones auf dem Plattenteller. Uf den Dielen lag das Zebrafell, das sie nach ihrem letzten Urlaub durch den Zoll geschmuggelt hatten. Da kannte sie nichts – obwohl sie sonst so bieder war. Das ganze Jahr standen die pinken Gummistiefel auf der Terasse, dicht an der Wand, damit es nicht rein regnete. Er lächelte und wurde sich schmerzhaft bewusst, wie sehr er sie vermisste. Sobald er zurück war, wenn dieser verdammte Hubschrauber endlich wieder lief, würde er zu ihr fahren.

Na ja, zuerst natürlich duschen und rasieren.

Er stellte sich vor, wie er in Jeans und Winterjacke vor ihrer Tür stand. Blumen! Blumen durften nicht fehlen. Er würde sie im Supermarkt gegenüber kaufen, ganz frisch. Am besten Rosen. Frauen steh’n auf so was. Stimmt doch!

Mit einem Mal war er hallwach, betrachtete seine Unterkunft mit ihren Augen, mit den Augen eines Menschen, der direkt aus der zivilisierten Welt kam, und nicht die letzten Wochen im eigenen Saft gehockt hatte, ohne Aussicht auf Erfolg.

Die Bude war das reine Elend. Zerquetschte Mosquitos, mit Blutspritzern garniert und wer weiß was für Flecken. Die Wände waren einmal weiß getüncht worden – vermutlich vor Jahren. Neben der Tür hatte jemand eine exakt senkrechte Bleistiftlinie gezogen, eine Handbreit vom Türrahmen entfernt. Auf der Linie hatte er – oder sie? – etwas geschrieben. Er drehte den Kopf, doch die Schrift war zu klein. Eine kleine pingelige Handschrift, sehr säuberlich, doch was…?

Stöhnend erhob er sich, wie hypnotosiert näherte er sich diesem feinen Schriftzug, den Kopf weit vorgestreckt, schlich er zur Tür. Dort stand:

IMG_tapetenabschlusskante

Er musste hier weg. Sofort. Er war nicht der Erste, der in diesem Gott verdammten Nest den Verstand verlor. Hals über Kopf stopfte er seine Habseligkeiten in den Rucksack, polterte die Treppe hinunter und taumelte aus dem Haus.

Autor mit Urheberrechten: theresalink

 

9.

“Zwischen durchgeweichten Keksen und Salzstangen, finde ich im hintersten Küchenschrank einen Schokoriegel. Ich stecke ihn in meine Tasche und will zurück nach oben, als ich es höre. Etwas klopft gegen die Kellertür. Leise und monoton, aber mit nervenaufreibender Hartnäckigkeit. Die Flut hat den leeren Wäschekorb nach oben getragen und nun schwemmt sie ihn ins Wohnzimmer. Nach den Ratten, den Spinnen und dem Eichhörnchen, das uns beide überraschte, der letzte Flüchtling und ich trage ihn zu dir in den ersten Stock. Du hast viel in dieses Haus investiert. Genug Zeit, Schweiß und Blut, um es zu einem Teil von dir zu machen. Winzig, verschroben und uralt war es auf den ersten Blick meine Liebe, aber es wurde deine Leidenschaft. Nun liegt es im Sterben. Vorgestern gesellte sich Sturm zum Regen und deckte Teile des Daches ab. Jetzt kommt das Wasser nicht mehr nur von unten. Eimer, Töpfe, sogar Kaffeetassen stehen auf dem Speicher, um das Schlimmste hinauszuzögern. Mit dem Ausleeren wechseln wir uns ab, aber während der letzten Nachtschicht bist du eingeschlafen und obwohl ich unsere letzten trockenen Geschirrtücher benutzt habe, um das übergelaufene Wasser aufzuwischen, vergrößern sich die feuchten Kreise an unserer Schlafzimmerdecke weiter. Damoklespfützen. Nichts wird mehr richtig trocken, die Luft ist feucht und kühl. „Klamm ist das neue Schwarz“, lächelst du und reibst die wunden Stellen an meinen Füßen mit Salbe ein. Merkwürdig, dass etwas gleichzeitig nässen und brennen kann. Es war dumm von mir, ohne Socken in die Gummistiefel zu schlüpfen, aber du bist nicht wütend. Ich bin es ständig. Wütend auf das nie abbrechende Geräusch tropfenden Wassers, die wellige Tapetenabschlusskante, das schimmelnde Brot, am meisten aber über deine Entscheidung, hierzubleiben. Nicht zu gehen an dem Tag, an dem der Supermarkt schloss und die meisten Bewohner dieses Ortes vor dem steigenden Wasser flohen. es ist zu spät. Wir sind eingeschlossen, gefangen auf der kleiner werdenden Insel, gefangen mit dem Wasser, den Tieren und miteinander. Dir scheint es egal, du hast dich ergeben, ein Verhalten, das mir so fremd ist, wie der Bart in deinem Gesicht. Leises Grollen, eine sanfte Erschütterung. Das Fundament ist durchgeweicht, nachgiebig. Putz rieselt auf uns herab bevor ein Riss in der Decke erscheint. Wir müssen das Schlafzimmer aufgeben. Du hast es bereits voraus gesehen und alles Wertvolle ins Arbeitszimmer geschafft. Photoalben, Dokumente, die kleineren Möbel und meine Plattensammlung, alles thront auf dem hässlichen Zebrafell, das du von deinem Vater geerbt hast. Du kletterst auf Dach, um den Schaden zu begutachten. Ich suche mir einen Platz zwischen dem Gerümpel und gehe die Platten durch. Cassandra Complex, die Pixies, die Ramones. Seit einer Woche haben wir keinen Strom mehr und mit den Batterien gehen wir sparsam um. Das Radio schalten wir zur vollen Stunde ein, noch immer hoffnungsfroh. Anfangs waren wir genervt von den immer gleichen Ansagen. Aufmunterungsversuche, Durchalteparolen, sinnlos. Seitdem nur noch Rauschen zu hören ist, sehne ich sie herbei. Auch mit den Kerzen müssen wir sparsam sein. Die Nächte ziehen sich. Schlafen fällt schwer, wir sind immer erschöpft aber niemals müde und es gibt nichts zu tun. Schweigen gräbt sich ein. Dazwischen halbherziges Ficken. Körper, Herz, Seele. Alles schwindet. Ich ziehe den Riegel aus meiner Tasche, weiß, dass ich ihn teilen sollte, aber sobald er ausgepackt ist, vermag ich es nicht mehr. Ein Rumpeln, dann deine Stimme. Leise durch den Sturm, aber etwas macht sie laut und schrill. Ich liege auf dem Fell, der Geschmack der Schokolade ist überwältigend, die lange vergessene Süße nimmt einen Großteil meiner Wahrnehmung in Anspruch, sodass ich nicht bemerke, wie du verstummst.”

Autor mit Urheberrechten: fieseise

 

10.

Künstliche Welt

Verschlissene Tapetenabschlusskante im verwohnten Raum.

Ein Wäschekorb voller Erinnerungen mit alten Briefen und Fotos aus einem früheren Leben. Zuerst noch gehütet wie ein Edelstein, der erzählt werden wollte. Jetzt zur Seite geschoben, als wenn jede Geschichte aus alter Zeit weh tun würde.

Ein verstaubtes Zebrafell als Mitbringsel von einer fernen Reise, deren Spur für den ehemals Reisenden nicht mehr nachzuvollziehen ist.

Ausflüge in den Supermarkt als besonderes Highlight im tristen Alltag.

Schlurfende Gummistiefel, die sich über den Flur bewegen. Als Merkmal letzter Selbständigkeit.

Aus einem Zimmer tönen die Ramones leise aus dem Radio, was irgendwie unpassend wirkt, während bei Kerzenschein der Atem der Bettlägerigen immer dünner wird.

Ein Stückchen Rasen im Hinterhof, Garten genannt. Im Rollstuhl hinaus geschoben, damit mal frische Luft geatmet werden kann und, wenn die Augen noch halbwegs funktionieren, herumtollende Eichhörnchen zu beobachten sind.

Im Speisesaal katatonisch wirkende Menschen, denen ein Geschirrtuch umgebunden wurde, als Wäscheschutz und zur Vermeidung zusätzlicher Arbeit.

Über ihre Kaffeetasse gebeugt mit einem Stückchen Schokolade im Mund hebt die als dement geltende Dame ihren Kopf zu mir und sagt:

„Das ist doch alles künstlich. Eine künstliche Welt.“

Autor mir Urheberrechten: melcoupar

 

11.

Wortdesaster

Seit fünf Minuten schob sie tief in Gedanken versunken den Einkaufwagen durch den Supermarkt. Als er die Hoffnung aufgab, dass sie von selbst wieder zurück kam, fragte er nach.
„Ich suche dieses eine Wort“, murmelte sie, noch immer fern. „Das von letzthin. Das Parkettabschneideranddings.“ Hoffnungsvoll blickte sie auf, er war ihre Rettung.
Er grinste siegesgewiss. Um den Begriff der Tapetenabschlusskante ging es ihr. Warum sie es sich selbst so schwer machte, wollte er nicht diskutieren.
„Darum herze ich dich!“, lachte sie erleichtert. „Weil du mein Gehirn verstehst.“
„Ich liebe dich auch“, gab er ebenso fröhlich zurück.
Von hinten wurde er im nächsten Moment angerempelt. Ein Jugendlicher stieß ihn gegen das CD-Regal, welches bedenklich wankte.
„Aufpassen, Junge!“, gab er ernsthaft zurück.
Der Jugendliche mit Kapuze auf dem Kopf und tief in den Säcken vergrabenen Händen zog daraufhin unwillig die Earpods aus seinen Ohren.
„Sorry. Ich höre Greenday.“ Das sollte wohl alles erklären.
„Hier!“, ohne hinzusehen drückte er ihm eine CD aus dem Ständer an die Brust. „Hör was Gescheites.“
Sie wunderte sich, dass er ihm Ramona, die Schlagersängerin empfahl hatte und der Vorfall war längst vergessen, als er noch lachend darauf bestand, dass es sich um die Ramones gehandelt habe.
Auf der Einkaufsliste war schließlich das Wichtigste abgehakt.
„Was noch?“
„Burschenkekse.“
Eine Prinzenrolle wurde eingesammelt.
„Und Bauernkaramellen.“
Er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurde sie ungeduldig und schlug sich mit den Handballen gegen die Schläfen. Derweil dachte er nach. Ihre Reaktion sagte ihm, dass es ein neues Worträtsel war, eines, das einen etwas größeren Radius erforderte. Das war zu schaffen, dessen war er sich sicher und als sie dann noch den Urlaub erwähnte, hatte er des Rätsels Lösung.
„Älpler Schokolade!“ Das war eine gar nicht süße Besonderheit, doch es war nahe am Eigentlichen, der Alpenmilch Schokolade.
Zuhause überließ er ihr die Einkäufe, derweil der die Kaffeetassen vom Morgen in die Spüle räumte.
Dann schnappte er sich den Wäschekorb und verschwand im Garten. Sobald er sicher gehen konnte, dass sie ihn nicht mehr sah, stellte er den Korb am Boden unter der Wäscheleine ab und tauchte unter dem Geschirrtuch durch, das aufgrund der schwarzweißen Streifen Zebrafell von ihr genannt wurde.
Hinter dem Schuppen wartete sie wie vereinbart. Energisch schloss er sie in seine Arme und küsste sie. Das Geheimnis machte alles viel intensiver.
Plötzlich entfuhr ihr ein unkontrolliert lauter Schrei und sie warf die Hände an ihren Kopf.
„Was war das?“
Er sah sich um.
„Ein Nussnager“, sagte er schlicht und ließ sie nicht aus den Augen. „Ein Eichhörnchen. Es ist beinahe zahm und hat wohl einen Abstecher gemacht, um zu sehen, ob es heute etwas zu futtern gibt.“
„Nussnager“, wiederholte sie langsam.
„Ja“, hielt er feierlich fest.
„Und“, sie sah sich um und deutete auf die sonnengebleichten Gummistiefel, die neben dem Schuppen standen, „wie nennst du die?“
„Regenschuhe.“
Vom Haus her wurde sein Name gerufen. Nicht sein wirklicher Name, er hieß Werner, aber mit Walter war definitiv er gemeint.
Er sah hinüber, dann zu seiner Freundin.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen. Bist du bereit ab heute Frederike, Magdalena, Patricia oder Marianna zu heißen?“

Autor mit Urheberrechten: magguime

 

12.

Lustmord mit Meerschweinchen

Mauser und Felzhagen können die Sauerei schon auf dem Flur riechen. Als sie die Wohnung betreten, wird der Gestank unerträglich.

“Eine Messi-Wohnung!”, stöhnt Mauser.

Auf einem zugemüllten Zebrafell liegt die Frauenleiche. Sie ist nur mit einem T-Shirt bekleidet. Es ist hochgerutscht bis über ihren Nabel. Auf ihrem Bauch und auf ihren Oberschenkeln zeichnen sich blaue Hämatome ab und im Gesicht hat sie rot verkrustete Schnitte, die vom Kinn aus über die Wangen laufen und dann unter einem zusammengerollten Geschirrtuch verschwinden, mit dem ihre Augen verbunden sind. Auch auf ihrer Vagina sind Schnitte. 

“Da hatte jemand seinen Spaß!”, bemerkt Felzhagen trocken.

“Dieser Dreck!”, spuckt Mauser aus.

Die beiden machen eine paar Schritte auf die Leiche zu, Mauser kickt eine leere Kaffeetasse in einen Müllhaufen vor dem Sofa. Chipstüten rascheln und Plastikflaschen kippen um.

“Scheiße, hier liegt ja ein halber Supermarkt!”, Mauser geht vor der Leiche in die Knie. “Wad meinste?”

“Lustmord.”

“Klare Sache, oder?”

“Erinnert Dich das an was?”

“Nein. Dich?”

“Spontan nicht.”

Mauser zieht das T-Shirt herunter:

“Hey, The Ramones! … War das nicht Deine Zeit?”

“Knapp daneben!”, Felzhagen wendet sich ab und schreitet langsam durch den Raum, taxiert nacheinander jeden einzelnen Gegenstand. Bei der Kommode bleibt er stehen:

“Guck Dir das mal an!”

Mauser geht zu ihm:

“‘Meerschweinchen vom Grill’ – was zur Hölle?”

Felzhagen klappt das Buch zu: “Die Küche der Anden”.

“Kann Zufall sein, vielleicht ein Geschenk. Ich hab mal ein Kochbuch bekommen, da waren nur Rezepte für Napfkuchen drin. Hab nicht einen gebacken.”

“Es war aufgeschlagen.”

“Wir suchen einen Indio!”, verkündet Mauser.

“Oder sie war mal in Südamerika. Oder der Täter. Kann auf jeden Fall was sein.”

“Gut, ich sag’s der SpuSi. Wo bleiben die überhaupt?”

“Es gab noch eine andere Geschichte. Haben fünf Minuten vor Herrn Schorn angerufen.”

Felzhagen legt das Buch zurück und will sich das Bad ansehen. Mauser hält ihn auf:

“Hier ist was!”

“Wo?”

“Hier, auf dem Fell.”

An einer Stelle ist das schwarz-weiße Zebramuster braun verfärbt, vermutlich geschmolzene Schokolade.

Felzhagen bückt sich zu Mauser runter:

“Ist das ein Schuhprofil?”

“Ja, ist ziemlich grob. Könnten Gummistiefel sein oder Arbeitsschuhe.”

“Gib das bitte auch an die SpuSi weiter.”

“Klar.”

“Ich guck mir jetzt mal das Bad an, Du nimmst Dir den Wäschekorb da drüben vor. Viel mehr gibt’s hier ja nicht.”

“Ok! Ich hoffe, die kommen jetzt gleich, ich krieg langsam Hunger.”

“Wo möchtest Du essen?”, fragt Felzhagen im Auto.

“An der Auffahrt gibt’s einen Mäckes. Oder willst Du woanders hin?”

“Nein, heute ist mir dieses Dreckszeug gerade Recht! Schlecht ist mir eh schon.”

“Und, was haben wir?”

“Nicht viel. Wir haben das Kochbuch, den Schuhabdruck und das leere Kokstütchen aus dem Bad.”

“Dieter meinte, er sieht sich die Sachen noch heute an.”

“Gut. Ansonsten haben wir nur das T-Shirt.”

“Das T-Shirt? … Ja, warum nicht?”

Felzhagen lenkt den Wagen auf den Mc-Donald’s-Parkplatz. Auf dem Weg zum Eingang sagt er mehr zu sich selbst:

“Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, das Kochbuch ist was.” Mauser hört es:

“Guck mal da!”

Felzhagen guckt in die Richtung, in die Mauser zeigt:

“Was soll da sein?”

“Los Wochos!”

“Na und?”

“Das kann kein Zufall sein … von wegen Südamerika und Gefühl und so.”

Felzhagen geht nicht auf den Scherz ein. Sie holen sich ihr Essen vom Schalter und setzen sich an einen Zweiertisch am Fenster. Mauser kippt die Pommes auf die Papierauflage des Tabletts und quetscht den Beutel mit Ketchup daneben aus. Er tunkt zwei ein und stopft sie sich in den Mund:

“Wo kriegt man denn bitte hier in Deutschland Meerschweinchen zum Grillen her?”

“Was weiß ich?”

“Vielleicht in der Zoohandlung. Aber ist bestimmt verboten.”

“Zur Not fängst Du Dir ein Eichhörnchen.”

“Mann, bin gespannt auf die Ergebnisse. Was, wenn es nicht ihr Buch ist? Das wäre ein Indiz, das andererseits gar keinen Sinn machen würde: Warum sollte der Täter ein Indio-Kochbuch mitbringen?”

“Abwarten.”

“Warst Du nicht mal in Südamerika?”

“Ja.”

“Und, hast Du da auch Meerschweinchen gegessen?”

Felzhagen sieht von seinem Fishmac auf. In seinen Augen ist plötzlich Lebendigkeit:

“Ja, das war was.”

“Erzähl!”

Felzhagen lächelt nachsinnend:

“Ich war mit meiner damaligen Freundin da, Ende der 70er. Chile, Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien.”

“Wie lange wart ihr denn bitte unterwegs?”

“Ein dreiviertel Jahr.”

“Man gönnt sich ja sonst nichts.”

“Damals war das nichts Ungewöhnliches. Jedenfalls waren wir in der Altstadt von Quito aus, in einem richtig urigen Restaurant. Ich schlag die Speisekarte auf und entdecke ‘Cuy’, also Meerschweinchen. Neugierig, wie ich bin, bekomme ich direkt Lust, das mal zu probieren. Nun war meine Freundin aber Vegetarierin, was damals noch als eine Geisteskrankheit galt. Aber gut! Fleisch bestellen war jedenfalls immer heikel, obwohl man in den Restaurants da drüben quasi gar nichts anderes bekam. Kleinere Diskussionen gab es trotzdem bei jedem Essen. Mir war das aber allemal lieber, als mich wie sie nur von Reis und Bohnen zu ernähren. Wir sind also da in Quito in diesem Restaurant und ich denke, alles ist wie immer: Ich bestelle Fleisch, sie mault ein bisschen rum, dann ist wieder gut. Doch als ich bestelle, guckt sie mich richtig grimmig an. Ich frage: ‘Was ist?’, und sie herrscht zurück: ‘Hast Du etwa grad Meerschweinchen bestellt?’ Da realisiere ich erst das Konfliktpotenzial von diesem Gericht. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass das für sie schlimmer sein könnte, als Schwein oder Rind zu essen. Ich versuche die Situation natürlich zu entschärfen und rede auf sie ein: ‘Fleisch ist Fleisch, ob ich jetzt ein Schaf esse oder ein Meerschweinchen, ist doch egal’, aber sie lässt sich nicht besänftigen. Bestimmt eine Viertelstunde streiten wir uns, bis ich die Nase voll habe und ihr sage, dass es mir egal ist, was sie davon hält – ich esse gleich Meerschweinchen, basta! Danach ist sie zwar noch immer sauer, sagt aber nichts mehr. Immerhin! Tja, und dann kommt’s!”

“Das Meerschweinchen?”

“Ja, aber wie! Der Kellner schleppt eine Platte an und darauf liegt nackt und braun gebraten mitsamt Kopf und Krallen das Meerschweinchen und streckt alle Viere von sich. Ich hatte gedacht, es käme als Geschnetzeltes oder so was, aber nix da. Es kam als gehäutetes, totes Tier!”

“Scheiße, da war Schicht im Schacht, oder?”

“Das kannst Du aber laut sagen! Sie steht direkt auf und geht, ohne ein Wort zu sagen oder mich noch einmal anzusehen. Und das ganze Restaurant sieht bei dieser Szene zu. Wir waren ja schon vorher die Attraktion.”

“Und Du bist hinterher!”

“Nein, ich bin da geblieben. Du glaubst es vielleicht nicht, aber ich war auch mal jung. Ich wollte mir vor den Leuten keine Blöße geben und sie auch nicht vor den Kopf stoßen, immerhin war das ja ihr Nationalgericht, was sie da so verurteilt hat. Also bin ich demonstrativ ruhig sitzen geblieben und habe mir das Meerschweinchen servieren lassen. Die Leute haben mich zufrieden angelächelt und mir zugeprostet, aber geschmeckt hat es mir nicht mehr.”

“Und wie ging’s weiter?”

“Sie hat sich umgebracht.”

“Was, deswegen?”

“Nein, zwei Jahre später wegen Depressionen.”

“Mann, Felzhagen! Kannst Du solche Scherze bitte lassen!”

“‘Tschuldigung! Durch das Meerschweinchen hatte sie mich übrigens: Ich musste liefern! Bis zu ihrem Tod war ich dann auch Vegetarier! Das erste Mal Fleisch habe ich erst wieder beim Leichenschmaus gegessen, ein Salamibrötchen. Ich weiß es noch genau, es war mit einem gelben Paprikaring garniert.”

“Du machst mich fertig! Den ganzen Vormittag bekommt man kaum ein Wort aus Dir raus und dann solche Stories!”

“Ja, rückblickend wirkt es seltsam. Wahrscheinlich war das Salamibrötchen der erste leise Schritt weg von ihr, der Beginn der Ablösung.”

“Das ist makaber.”

Felzhagen seufzt:

“Vielleicht, aber die Psyche geht eben ihre eigenen Wege. Der Mensch meint, er könnte Einsicht in ihre Prozesse erhalten, aber in Wahrheit kann er das nicht – ihre Komplexität überfordert ihn maßlos. Darum klammert er sich stattdessen an irgendwas Materielles, das fortan als Symbol herhalten muss. So wie ich an das Salamibrötchen! Aber das ist nur Effekthascherei, denn ich weiß ja gar nicht, was diese ‘Ablösung’ überhaupt sein soll, die das Salamibrötchen angeblich eingeleitet hat. Wir alle reden in diesen ganzen psychologischen Begriffen, aber was sie bezeichnen, wissen wir überhaupt nicht. Was ist denn eine ‘Bindung’? Was ist denn ‘Perversion’? Was heißt denn ‘gestört’? Das sind nur Worte und wenn wir sie mit anderen Worten erläutern wollen, ist das der Beginn einer never ending story. Kennst Du Hugo von Hofmannsthal?”

“Nope.”

“Ein Schriftsteller aus Österreich, Wiener Moderne. Hatte ich vor Urzeiten im Abi. Von ihm stammt der sogenannte ‘Chandos-Brief’. Da geht’s genau darum: Dass Worte nichts aussagen. Hofmannsthal beschreibt sie als ‘modrige Pilze, die einem im Mund zerfallen’. Ist das nicht stark?”

“Ich komm einfach nicht auf Dich klar, Felzhagen! Mich beschäftigt gerade eigentlich die Frage, ob ich einen McFlurry Daim oder Smarties nehmen soll, und Du sezierst währenddessen die Seele.”

“Das ist doch unser Job. Denkst Du grade nicht: Was hat unseren Täter dazu gebracht, der Frau solche Gewalt anzutun?”

“Wie gesagt: Daim oder Smarties? Aber gut, ich bin wieder bei Dir. Was ist Deine Antwort?”

“Ich glaube, es gibt drei Arten von Menschen, die sich jeweils unterschiedlich durch das Labyrinth bewegen.”

“Das Labyrinth … des Lebens?”

“Des rätselhaften Lebens – weil das Labyrinth keinen Ausgang hat. Das ist entscheidend!”

“Ok, ich höre.”

“Wir alle werden irgendwo ins Labyrinth geworfen und müssen uns dann in Bewegung setzen, aber manche Menschen haben gar keine rechte Lust, sich zu bewegen. Sie unternehmen kleine Touren um die nächsten Ecken, aber viel weiter gehen sie nicht. Irgendwann kennen sie alles um sie herum und das gibt ihnen die nötige Sicherheit. Dann gibt es die, die sich wirklich in Bewegung setzen. Sie machen sich irgendwann auf den Weg, vielleicht marschieren sie, vielleicht hasten sie, vielleicht schlendern sie aber auch nur gemächlich. Jedenfalls entfernen sie sich stetig von ihrem Ausgangspunkt. Manche merken sich den Weg zurück, andere nicht. Diese Menschen sehen was von der Welt oder machen Karriere und wenn ihnen danach ist, bleiben sie irgendwann stehen und machen eine bestimmte Ecke zu ihrer Ecke.”

“Find a girl, settle down, if you want, you can marry”, singt Mauser, “das hatte ich im Abi: Cat Stevens.”

“Auch nicht schlecht. Jedenfalls ist unser Täter weder von dieser noch von jener Art, sondern Typ drei, der ewig rennende.”

“Und wie ist dieser Typ?”

“Sag Du es mir!”

“Hmmm, lass mal sehen. Wir wollen ja im Bild bleiben: Dann spürt er die Enge des Labyrinths, weil er sehr sensibel ist. Sie macht ihn nervös und er will ihr entkommen, also rennt er los. Aber hinter jeder Ecke folgt nur der nächste, genauso enge Gang. Das stachelt ihn weiter an. Er rennt schneller und schneller und erschöpft sich dadurch immer mehr. Irgendwann verliert er den Glauben daran, dass es einen Ausgang gibt, und er gibt auf. Von diesem Moment an ist ihm alles egal, auch, ob er eine Frau totschlägt und missbraucht.”

“Geht doch!”

“Aber warum glaubst Du nicht, dass unser Täter einfach verrückt ist? Ich meine, Dein Bild, schön und gut, aber vielleicht ist der Typ ja einfach nur ein durchgeknallter Perverser, der sich über Labyrinthe gar keine Gedanken macht.”

“Hast Du Dir die Schnitte mal genauer angeguckt?”

“Ja, nichts Außergewöhnliches, ein Messer, schätze ich.”

“Aber ein sehr scharfes. Vielleicht so eins, das Handwerker benutzen, um die Tapetenabschlusskante abzuschneiden oder im Bad das Silikon aus den Fugen zu ritzen. Wie heißen die nochmal?”

“Cutter-Messer?”

“Cutter-Messer! Das würde übrigens zu den Arbeitsschuhen passen. Jedenfalls, die Schnitte: Sie waren genau parallel. Das heißt, er mag es ordentlich und er begreift die Dinge um ihn herum sehr genau. Deswegen auch das T-Shirt.”

“The Ramones? Ist das nicht ‘ne Punkband?”

“Darum geht es nicht. Es ist ja ihres. Es geht darum, dass er es ihr nicht ausgezogen hat. Er hat sie so hergerichtet, wie er es mag.”

“Kaputt?”

“Kindlich! Er hat ihre Brüste bedeckt gelassen und sich nur für den Rest interessiert. Brüste: Das Merkmal von Weiblichkeit. Dazu ihre rasierte Scheide.”

Mauser hebt eine Augenbraue an:

“Ich weiß ja nicht, wie gut Du da im Bilde bist, aber das ist bei Frauen unter 30 heute Standard.”

“Gut, das kann Zufall sein. Aber dass sie nur untenherum nackt war, lässt trotzdem an ein Kleinkind am Strand oder im Garten denken. Vielleicht ist er eigentlich pädophil.”

“Ich notiere: Wir suchen einen intelligenten, pädophilen Indio, der auf dem Bau arbeitet und gerne Meerschweinchen isst.”

“Quatschkopf! Komm wir gehen!”

Autor mir Urheberrechten: mp

 

13.

I wanna be your boyfriend …

… murmelte die Kaffeetasse, wischte Ramones Sckokolade zebrafellgeschirrtuchmäßig von der Tapetenabschlußkante und gummistiefelte zum Supermarktwäschekorb, bevor es dem gestopften Eichhörnchen wieder tief in die Augen schaute:

hey, surfin bird …

Autor mit Urheberrechten: SalvaVenia

 

14.

Uglin Unterweger agierte im wilden Chaos.
Doch es war nichts wirklich neues.
Es war immer so.
Kurz vor jeder Ausstellungseröffnung brach über ihm jede Vorstellung von Plan. Zeit.
Ablauf.
System zusammen.
Doch dieses mal war es sogar noch einen Tick schriller
und zehn Akkorde hektischer.
Morgen Abend 20ur sollte hier alles für diese seine besondere Ausstellung hängen.
Stehen und aufgebaut sein.

” Supermarkt der Dioptriene “

Doch momentan sah alles nicht so aus.
Rocket to Russia von den Ramones lies den Raum vibrieren.
Uglin stand in Gummistiefeln wacklig auf der Fünfmeter Leiter und rief. Es war kein rufen mehr.
Ein flehen
ein kreischendes Hilfegestammel.
Wie durch ein Geschirrtuch hörbar.

Minouch !

Doch Minouch von Trautenstein verweilte oben auf der Terrasse.
Umhüllt mit nichts als einer Stola aus falschem Zebrafell von faketofake und warf in ruhiger Gelassenheit den Eichhörnchen im Park Erdnüsse aus dem alten Wäschekorb zu.

Uglin’s Rufe kamen hier nie an.

Uglin denkt:

( das ist das letzte mal. Das mache ich so nie mehr. Wie komme ich an den Hammer. Wo ist Minouch? Warum? Weshalb? Wieso? Verdammte Scheiße! Und…… )

Das Geräusch der umfallenden Leiter wurde von Mondo Bizarro verschluckt.

Als Minouch mit dem Tablett
Schokolade
Kaffetassen
Irischen Keksen und Muffins
den Raum betrat sah es aus wie immer.

Nur oben rechts an der
Tapetenabschlusskante
sah sie die vier gerissenen Spuren.

Autor mit Urheberrechten: zolaski

 

15.

„Ja. Ja, ok. Mach’s gut. Ok.“ Wie betäubt drückte Matthias auf die Auflegetaste des Handys. Thorben hatte ihm gerade die Zusammenarbeit aufgekündigt. Einfach so. Ihre Schokoladenmanufaktur lief gut, aber Thorben hatte keine Lust mehr, weiter Geld in die Sache zu stecken. Zu viel Aufwand, zu wenig Umsatz, meinte er.
Dabei standen sie erst ganz am Anfang. Beziehungsweise: Matthias stand und Thorben saß. Der eine auf einem gepolsterten Chefsessel über seinem florierenden Fellhandel thronend, und der andere bis nachts um vier in der Küche – Wasserbädererwärmend, mit Edelstahltöpfchen voll geschmolzener Schokolade hantierend, gehackte Gewürzen, Nüssen und getrocknetes Obst mit der Briefwaage abwiegend. Er hatte die Pralinenförmchen designt, die Verpackung entworfen, geruckt und geknickt, das Marketing übrnommen – ja, sogar die Päckchen zur Post geschleppt und auf Märkten gestanden hatte er selbst. Der Aufwand lag definitiv nicht bei Thorben, aber Matthias hatte diese Arbeitsteilung geliebt.
Niemals hätte er gedacht, dass Schokolade so eine Leidenschaft in ihm auslösen könnte. Jetzt drehte er langsam das Gas unter dem brodelnden Wasserbad ab, goss das heiße Wasser in eine Kaffeetasse und bröselte Instantkaffee hinein. Lange stand er am Fenster, die warme Tasse wie einen Trost an die Brust gedrückt – wäre vor dem Fenster nicht ein Eichhörnchen auf und ab geturnt, um sich die Walnussreste der Triple-Nut-Schokolade vom Fensterbrett zu holen, er hätte geweint.
Es war vorbei. Alles war vorbei, ein ganzer Lebensabschnitt, sein glücklichster vielleicht, so fühlte er sich. Aber so war es nun mal: Er hatte vielleicht Talent für Schokolade, aber Thorben hatte nun mal das Geld. Und die Ruhe weg. Der würde keinen Gedanken daran verschwenden, dass er Matthias mit einem Telefonat die Existenz ruiniert hatte – der nicht. Der würde in diesem Moment seine Füße in den Zebrafell-Stiefeln auf den Schreibtisch liegen, den nächsten Zobel-Deal abschließen oder einfach nur ein Loch in die Tapetenabschlusskante seiner Seidenwandbespannung starren.
Wer kaufte überhaupt noch Pelze? Scheinbar war das Zeug wieder im Trend, oder vielleicht auch schon wieder nicht mehr, wenn Thorben das Schokoladen-Nebengeschäft abstieß. Aber während der sich jetzt einfach wieder seinem Hauptgeschäft zuwenden konnte, wusste Matthias erst mal nicht weiter. Zu überraschend war das Aus gekommen, zu sehr hatte er sich auf Schokolade konzentriert, um sich jetzt überhaupt für irgendetwas anderes begeistern zu können.
Mit Grauen dachte Matthias an seinen letzten Job zurück – bei H&M. Das Schlimmste war nicht der Einzelhandel an sich gewesen, das hatte er ja immerhin gelernt. Das Schlimmste war zu sehen, wie sich irgendwelche Mädchen, die noch nie etwas von Guns’N’Roses oder den Ramones gehört hatten, durch die Stapel billig nachgemachte Bandshirts wühlten. Ihre Diskussionen mit anhören zu müssen: „Ich will das hier, mit den Rosen!“ – „Nää, kuck! Das hier hat Totenköpfe, is viel geiler!“
Wenn die Mädchen mit ihren Eroberungen zur Kasse trampelten und er die Shirts aufs Neues faltete, stapelte und aufräumte, hatte er sich im Stillen bei Dee Dee, Johnny, Joey, Tommy und sogar bei Axl Rose entschuldigt, obwohl dem mit seinen grausigen Lackhotpants eigentlich recht geschah, wenn er von der Fashion-Branche missbraucht wurde. Ihm drehte es trotzdem den Magen um bei so viel Unwissenheit und Ignoranz.
Eines Tages, es regnete in Strömen und er war gerade mit dem Wäschekorb unter dem Arm unterwegs in den Waschsalon, begegnete ihm eine der Lieber-Rosen-Käuferinnen: Sie trug ihr Shirt mit schick aufgerollten Armen, dazu einen schwarzen Minirock und schlammbespritzte Gummistiefel. „Cool“, hatte er gedacht, „sieht ja doch aus wie ein echter Guns’n’Roses-Fan.“ Je näher das Mädchen kam, desto seltsamer sah jedoch der Schlamm auf ihren Stiefeln aus, irgendwie symmetrisch und viel zu glänzend, und bevor er sich und die H&M-Bandshirt-Lizenz dazu beglückwünschen konnte, das Leben des Mädchens verändert zu haben, sagte sie zu ihrer Freundin: „Natürlich ist der Dreck nicht echt, was denkst du denn?! Das ist der Kate-Moss-Look!“
Matthias hätte am liebsten den Wäschekorb fallenlassen, um ihr das T-Shirt vom Leib zu reißen. Unwürdig, unwürdig, unwürdig! Stattdessen hatte er am nächsten Tag gekündigt – und dann kam Thorben. Was ja nun auch wieder vorbei war. Doch auch jetzt würde er lieber in einem Supermarkt Regale auffüllen gehen, als sich noch mal der Stumpfheit der Modewelt auszusetzen, so gut zahlten die bei H&M wirklich nicht.
Geld. Immer ging es um Geld. Mechanisch begann Matthias, die Küche aufzuräumen. Er goss die letzte Schokolade in die Förmchen, wusch die Töpfe und Gerätschaften aus und breitete sie zum Trocknen auf einem frischen Geschirrtuch aus. Dabei kam ihm eine Idee.
Es würde ihn nicht retten, ein klein wenig MDMA in seine letzte Produktion von Triple-Nut zu bröseln, auf keinen Fall. Aber als die Kristalle sich in der flüssigen Schokolade auflösten, er der Tafel beim Abkühlen zusah, sie schließlich verpackte, verschnürte und zur Post trug, überkam ihn – ohne ein Stück davon probiert zu haben – das bekannte Gefühl von Frieden und warmer Zuneigung.
Es würde auch Thorben nicht schaden, mal ein bisschen mehr Wert auf Zwischenmenschlichkeit zu legen. Bei der Post suchte er ein passendes Begleitkärtchen aus, zwei spielende Zebras waren darauf abgebildet, und er schrieb „Vielen Dank für die Zusammenarbeit, Matthias“

Autor mit Urheberrechten: rocknroulette

 

16.

„Entschuldigung“, lächle ich und versuche ein Weibliche-Disney-Figuren-Augenklimpern. Es könnte auch ein Bambiblick sein, wenn ich ihn hinbekäme. Aber entweder habe ich meinen Charme verloren oder mein Talent. Der Baumarktmitarbeiter zieht nur eine Augenbraue in die Höhe, nimmt einen Schluck aus seiner „Ich-möchte-einmal-mit-Profis-arbeiten“-Kaffeetasse und grunzt: „Was denn?“
Ach wie schön, wenn der Kunde König ist. Nicht so wie letztens im Supermarkt, wo die Verkäuferin mich tatsächlich noch mit Service überraschte, als ich nur wissen wollte, wo ich die Schokolade zum Backen finde und sie mir einen Testbericht zu sämtlichen Marken im Haus vorhielt. Das war dann auch schon wieder zu viel. Aber der Kunde ist König und hat immer Recht: Mal mit zu viel, mal mit zu wenig Bedienung.
Hier auf jeden Fall … eher zu wenig. Der Blick des Baumarkters ist schon wieder auf seinem Computerbildschirm gelandet.
„Entschuldigung? Wie heißen diese Dinger, mit denen man die Tapetenabschlusskante versteckt?“, frage ich und strecke meine Brust raus. Wenn der Augenaufschlag nichts bringt, helfen vielleicht diese Attribute. (Nicht, dass ich Vorurteile hätte.)
Und tatsächlich: Auf einmal werden seine Augen so groß wie Wäschekörbe und ich fürchte, er sieht mich schon halbnackt auf einem Zebrafell vor dem Kamin liegen. Halbnackt? Ja, denn es scheint mein Ramones-T-Shirt zu sein, das ihn angemacht hat. (Und hier meine ich angemacht im Sinne von angeknipst.)
Flink wie ein Eichhörnchen kommt er hinter seinem Infostand hergeflitzt: „Kommen Sie, kommen Sie. Ich zeige Ihnen, wo wir die Leisten versteckt haben. Schickes Shirt übrigens.“
„Und hübsche Gummistiefel haben Sie da“, erwidere ich. Ein bisschen zickig vielleicht. Aber hallo? Hier kann man doch nicht nach Musikgeschmack bedient werden, oder?!
„Wenn da was draufspritzt, kriegt man das ganz leicht mit einem Geschirrtuch wieder ab“, sagt er – und meint es anzüglich.
Eine andere Bedienung habe ich mit diesem Versuch á la „Die Waffen der Frauen“ vielleicht auch gar nicht verdient.

Autor mit Urheberrechten: stefanini

 

17.

Ich stehe gedankenverloren in meiner Küche. In meinem Wok am Herd schiebe ich, ohne wirklich darauf zu achten, das Gemüse hin und her. Mein Blick ist auf die gegenüberliegende Wand im Esszimmer gerichtet und ich denke mir, ich sollte nun endlich wirklich die abgefallene Tapetenabschlusskante ersetzen. Ich lege den Kochlöffel zur Seite und greife nach meiner Kaffeetasse. „Boah kalt“ schüttelt es mich und ich schütte daraufhin den Kaffee in die Spüle und wasche die Tasse aus.

Ich summe leise zur Musik aus dem Radio. Die Ramones mochte ich immer schon gerne. Plötzlich klingelt das Telefon. Ohne zu wissen warum schrecke ich kurz hoch und lege dann das Geschirrtuch zur Seite, womit ich eigentlich meine Lieblingstasse trocknen wollte. Ich greife nach dem Telefon und melde mich mit einem kurzen „Hallo!“.

Ich höre dem Anrufer zu und kann mir einen Seufzer nicht verbergen. „Ich kann in 10 Minuten dort sein“, sage ich meinem Anrufer. Wie sehr ich Bereitschaft doch hasse, denke ich mir während ich das Telefonat beende.

Ich eile daraufhin in die Küche und schaue verzweifelt in mein halb fertiges Wok-Gemüse während ich den Herd abstelle. Auf dem Weg zur Türe stolpere ich beinahe über den vollen Wäschekorb und frage mich, wann ich denn endlich mal wieder Zeit zum Bügeln haben würde. Ich greife nach meinem Schlüsselbund mit dem riesen Eichhörnchen als Anhänger, welches mir meine Kollegen zu Weihnachten geschenkt haben, damit ich in Zukunft meinen Schlüssel einfacher finden kann.

Ich öffne den Kasten an der Wand, greife nach einer kleinen mit Zebrafell überzogenen Box, öffne sie und nehme meine Waffe heraus. Danach verlasse ich die Wohnung und mache mich mit meinem Wagen auf dem Weg, um meinen Partner am Supermarkt zu treffen. Jener Supermarkt wo ich erst wenige Stunden zuvor noch mein Gemüse für mein Abendessen gekauft hatte.

„Stiller Alarm am Supermarkt, wir treffen und dort“ war alles was mein Partner am Telefon gesagt hat. Als ich mich nun dem Supermarkt nähere sehe ich ihn schon etwas abseits stehen. Ich parke meinen Wagen, steige aus und wir nicken uns einfach nur zu und machen uns auf den Weg zum Eingang des Supermarktes. Nach jahrelanger Zusammenarbeit verstehen wir uns blind. Die Supermarkttür ist unverschlossen. Wer immer sich darin nun aufhält hat durch das Aufbrechen der Tür den stillen Alarm ausgelöst.

Wir ziehen beide unsere Waffe und treten ein. Langsam streifen wir durch den Supermarkt, blicken in jeden der langen Gänge. Wir passieren das Schokoladenregal, was mich wieder daran denken lässt, dass ich noch kein Abendessen hatte. Im nächsten Gang steht ein herrenloser Einkaufswagen, darin nur ein Paar Gummistiefel. Da hat es sich wohl jemand anders überlegt, denke ich mir.

Plötzlich hören wir ein lautes Geräusch. Mein Partner und ich blicken uns kurz an und dann geht es im Laufschritt in Richtung des Geräusches. Wir hören jemanden leise fluchen. Wir nicken uns kurz zu und treten dann mit ausgestreckten Waffen in den nächsten Gang.

„Stehen bleiben, Polizei!“ ruft mein Partner laut. Im Gang steht ein Mann mit einem voll beladenen Einkaufswagen. Eine der vielen Alkoholflaschen liegt zerschmettert am Boden. Es dauerte keine 2 Minuten bis der Mann in Handschellen am Rücksitz eines Polizeiautos von weiteren Kollegen sitzt, die ebenfalls zur Hilfe gerufen wurden.

Ich denke erneut an mein Abendessen und seufze leise, weil ich weiß, dass es noch etwas dauern wird, bis ich endlich dazu kommen werde.

Autor mit Urheberrechten: blogographie

 

18.

jake stand auf der veranda seiner kleinen hütte mitten im wald. keine zehn meter entfernt spielten zwei eichhörnchen in einen baum. er genoss den ausblick und die stille hier draussen, weit weg von der lärmenden stadt und ihren überfüllten strassen. er hatte dieses kleine fleckchen erde von einem freud erstanden der keine verwendung mehr dafür hatte. hier wollte er schreiben und die seele baumeln lassen. aber es gab noch einiges zutun.

er ging rein und schaute sich um. es gab nicht viel. ein bett, ein tisch mit zwei stühlen eine kleine küche. neben einem kleinen ofen stand ein alter wäschekorb mit holz. gleich hinter der tür sah er ein paar gummistiefel die er sicherlich noch brauchen würde wenn es mal regnete und er durch den wald zu seinem auto laufen müsste. an der wand hing ein zebrafell, von der decke bis runter an die tapeteabschlusskante. gleich da neben ein regal mit büchern und alten schallplatten von den ramones.

“wer hört hier draussen die ramones ?“ dachte jake und ging zu der kleinen küchenzeile.

auch sie hatte nicht viel zu bieten, ein kleiner herd an dem ein geschirrtuch hing. in dem kleinen schrank über der spüle ein paar abgelaufene lebensmittel, eine kaffeetasse und zwei kleine töpfe. „ich werde wohl noch ein wenig einkaufen müssen“ dachte er mit einem grinsen und machte sich einen kleinen einkaufszettel für den supermarkt, den er auf dem weg hierher gesehen hatte.

nach dem er sich alles angeschaut hatte ging er zurück auf die veranda. er zündete sich eine zigarette an und stellte sich vor wie es sein würde. mit seiner alten „erika“ an dem tisch drinnen oder hier draussen zu sitzen und bei einer tasse heisser schokolade zu schreiben.

ein lächeln legte sich auf seine lippen in gedanken daran. während dessen spielten die beiden eichhörnchen immer noch in dem großen alten baum.

Autor mit Urheberrechten: tigerfour

 

19.

Es war keine gute Idee, mit dem Kaffee in der Hand, zu den Ramones durch die Wohnung pogen. Sie wollte nur die Gedanken ausschalten und jetzt diese Sauerei. Sie stellte die Kaffeetasse bei Seite und holte aus der Küche ein Geschirrtuch. Sie tupfte die Flecken vom Sofa und trocknete Tisch und Boden. Sie drehte die Anlage zu ‘Blitzkrieg Bop’ noch etwas lauter und watschelte hinüber ins Bad. Sie klatschte das Geschirrtuch in den Wäschekorb. Ihre nackten Füße standen nun auf der weichen Badematte, die einem Zebrafell glich. Sie schaute aus dem Fenster, hinaus auf den Hof, der genauso leer und verlassen wirkte wie sie sich fühlte. Leer und verlassen. Es würde Regen geben. Die Wolken hatten sich zugezogen. Alles war grau. Nur ein kleiner roter Ball tanzte im Wind hin und her. Gerade als sie ihren Blick abwenden wollte, huschte ein Eichhörnchen hinter der Mauer hervor, rannte hinüber zu dem alten Baum und verschwand im Geäst. Ihre Augen verweilten noch einen Augenblick auf der Stelle, an der das Eichhörnchen verschwand. Sie warf einen Blick in den Spiegel und musterte sich. Ihre Haut war blass. Ihre Augen sahen müde und leer aus. Die sonst so schön geschwungenen Lippen, wirkten trocken und rissig. Kein schöner Anblick, dachte sie und wendete sich ab.
Sie holte ihre gelben Gummistiefel aus dem Schuhregal, das in dem kleinen Flur stand und zog sie an. Denn wenn es ihrer Seele schlecht ging, bekam sie immer Lust auf Schokolade. Sie wollte noch schnell zum Supermarkt, bevor es anfing zu regnen. Dieser befand sich, an der Ecke, neben dem Renovierladen ‘Tapetenabschlusskante’.
Sie warf sich ihre Lederjacke über, nahm den Schlüssel von der Kommode und lies die Tür ins Schloss gleiten…

Autor mit Urheberrechten: xlautgedachtx

 

20.

Auf meinem Küchentisch sitzt ein Eichhörnchen mit einem Ramones T-Shirt, legt sich Patience-Karten und verlangt nach Schokolade. Im ersten Moment ist es nicht der Umstand, dass das Tier Patience spielt und nach Schokolade giert der mich verwundert, sondern die Tatsache, dass es tatsächlich T-Shirts in Nagetiergrösse gibt. Es bedarf nochmals ein paar Minuten, bis ich mir bewusst werde, dass es a) in meinem Wohnviertel gar keine sprechenden Eichhörnchen gibt und b) ich hier mit einer Wahnvorstellung konfrontiert werde.

Ich entsinne mich, den Supermarkt für ein paar Ferieneinkäufe aufgesucht zu haben und dabei meinem drogenvernarrten Kumpel Fred über den Weg gelaufen zu sein. Im Laufe des Gesprächs erzählte mir Fred von der angeblichen psychedelischen Wirkung von Tapetenleim in Verbindung mit dem Zungennerv. Diese abstruse Info setzte sich in meinem Kopf fest und da ich gleichentags keinen weiteren Verpflichtungen nachzukommen hatte und sowieso gerne etwas experimentiere, bin ich der Sache zu Hause etwas genauer auf den Grund gegangen.
Wenn schon tausende Strassenkinder aufs Leimschnüffeln schwören, weshalb sollte dann das Tapetenleimlecken nicht auch funktionieren? Also habe ich kurzentschlossen so lange mit den Fingern an der Tapetenabschlusskante herumgepult bis sich endlich ein Streifen gelöst hatte und leckte diesen ab. Schmeckte zwar irgendwie nach Gummistiefel aber das tat auch das Fleisch wenn ich der verantwortliche Koch war. Als sich jedoch zwei Stunden später noch keine Wirkung bemerkbar machte, holte ich mir etwas enttäuscht einen Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, um meine weiteren Ferienpläne zu schmieden. Dies war am Montag um ca. 14 Uhr und zeitlich wohl auch genau der Moment, an dem sich der Effekt des Tapetenleims voll entfaltete und bis jetzt andauerte.

So besinne ich mich nun langsam auf das Hier und Jetzt und blicke konzentriert meinem tierischen Tischgenossen an. Das Eichhörnchen legt eine weitere Karte ab, fragt nochmals nach Schokolade, löst sich dann aber langsam auf, bis ich wieder alleine am Tisch sitze. Klarheit macht sich in meinem Kopf breit. Ich blicke in die halbvolle Kaffeetasse vor mir. Der Umstand, dass die oberste Schicht des Kaffees mehr an ein Zebrafell denn an Milchkaffee erinnert, lässt vermuten, dass ich wohl nicht stunden- sondern tagelang weggetreten war. Dem Geruch nach muss ich mich irgendwann auch noch eingenässt haben. Wie ich beschämt feststelle, habe ich mich nicht etwa gewaschen, sondern einfach ein schmutziges Geschirrtuch aus dem Wäschekorb genommen und mich draufgesetzt. Tapetenleim ist echt ein irres Zeug! Noch etwas wacklig und enorm durstig stehe ich auf, schlurfe mit der Tasse und dem pelzigen Inhalt in die Küche und spüle sie gründlich aus. Da hier immer ein kleines Radio läuft und gerade die Nachrichten angekündigt werden, erfahre ich, dass bereits Freitag ist. Während ich gierig vom Wasserhahn trinke erinnere ich mich, heute zum Geburtstagfest in der Wohnung meines besten Freundes Tom eingeladen zu sein. Und während ich weiter meinen Durst zu löschen versuche, überlege ich, was für ein Geschenk ich Tom noch besorgen soll und ob seine Wände wohl verputzt oder tapeziert sind.

Autor mit Urheberrechten: Erdmannlibob

 

22.

Aufstehen. Wachwerden. Nur widerwillig erreichte sein Verstand die Oberfläche. Die watteweiche Wärme des Schlafs zog noch an seinem Bewusstsein, hinab in Strudeln aus farbigen Bildern, gemischt aus einer immer abstrakter werdenden Vergangenheit. Schlummern, mit geschlossenen Augen, einfach liegenbleiben, das war zum gefährlichen Luxus geworden. Es war schon Monate her, dass er sich das letzte mal einfach nochmal umgedreht und den Alarm des Weckers ausgestellt hatte. Fast ein Jahr. Sein Körper hatte sich schnell daran gewöhnt, im Sitzen oder sogar im Stehen zu schlafen, auch wann immer es nötig war. Aber das schnelle Wechseln von Tiefschlaf zu vollwacher Alarmbereitschaft war seinem Hirn bisher immer missmutig geglückt. Vielen Anderen ist genau das zum Verhängnis geworden; er redete sich gern ein, einfach nur Schwein gehabt zu haben. Bescheidenheit, die angesichts der andauernden Überlebenssituation fehlplatziert war.
Zwei Minuten. Das war seine Zielsetzung, bis zum Aufstehen. Die würde zumindest sein Kreislauf brauchen, um den Körper von der unbequem gefalteten Sitzposition ins Aufrechtstehen zu bringen. Seine Beine waren steif, und sein Kreuz schmerzte. Die edelstählerne Kaffeetasse aus seinem Rucksack – den er fast nie abnahm – bohrte sich in seinen Rücken, ein Grund von vielen für Rückenschmerzen. Alter fordert Tribut, Unterernährung besorgt den Rest. Während das Bewusstsein sich nur träge und Stück für Stück vom Traum löste und sich manifestierte, drang von irgendwo aus seiner Erinnerung ein Song der Ramones ins präsente Gedächtnis. Damit war ein gottverdammter Ohrwurm für die nächsten Stunden vorprogrammiert. “Naja, zumindest bringt das etwas Normalität in den alltäglichen Wahnsinn. Vielleicht auch umgekehrt.” dachte er sich.
Den widerspenstig klebrigen Song beiseite wischend rief er sich in Erinnerung, wo er sich eigentlich befand. Es musste jetzt kurz vor Morgengrauen sein, also hatte er etwa sechs Stunden geschlafen. Bei Einbruch der Dämmerung gestern wollte er noch einige Häuser in dieser Stadt absuchen…vielleicht nach brauchbaren Gegenständen, weniger nach einem Unterschlupf. Er wusste, dass er spätestens VOR Einbruch der Dunkelheit ein Versteck hätte aufsuchen müssen, redete sich aber wegen etwaiger Selbstvorwürfe aus, völlig sinnlos und fahrlässig nach Essbarem Ausschau gehalten zu haben. Vorräte zu finden war mittlerweile mehr als ein Glückstreffer. Es war unvernünftig zu glauben, noch etwas zu finden, nicht mal versehentlich in irgendwelche Couchritzen gerutschten Riegel Schokolade. Nirgendwo in dieser Stadt, oder diesem Leben überhaupt. Er wollte wenigstens den Vorsprung dieser eiskalten pragmatischen Erkenntnis nutzen – das war sein Plan, um anderen armen Schweinen wie ihm selbst im voraus zu sein. Naja, “arm” waren sie lange nicht mehr, und schlimmer als Schweine allemal, wenn er an eins der vielen Kannibalen-Nester dachte, welchem er zuvor nur wenige Orte weiter knapp entkommen war. Schlimmer als Tiere. Schlimmer als…
Ihm fiel wieder ein, ein Eichhörnchen in seiner provisorischen Vogelfalle gefunden zu haben, welche er eigentlich aus Routine gestern Morgen aufgestellt hatte. Hätte er noch einen Wäschekorb gefunden, wäre vielleicht noch eine Katzenfalle lohnenswert gewesen. Das ausgenommene Nagetier ist für heut mittag gedacht. Nach der Flucht gestern Abend hat es mit Sicherheit den ein oder anderen Knochenbruch erlitten, aber da musste das Tier nicht mehr drunter leiden. Die Flucht. Richtig. Sein Herz schlug unwillkürlich schneller bei dem Gedanken an die Verfolgung, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Er hasste SIE, nicht nur für das, was SIE waren, sondern auch für das Gefühl der Panik, das SIE beim bloßen Gedanken hervorriefen. Drei von IHNEN hatten ihn aufgespürt und die unerbittliche Verfolgung aufgenommen, als er gerade zwischen den halb zugewachsenen Autos auf der Straße durchpirschte. Seinen Mantel musste er nun doch flicken, denn das abgenutzte Do-It-Yourself-Innenfutter aus goldsilber glänzenden Erste-Hilfe-Wärmedecken hatte Löcher, was vermutlich seine Körperwärme verriet. Der Mantel war eines der wichtigsten Überlebensmittel, die er im spärlichen Inventar hatte. Er kaschierte ihn vor der endzeitlichen Kulisse, in der er sich befand und sollte für SIE schwer auszumachen sein. Wie die typische Streifung eines Zebrafells angeblich Mücken und Bremsen verwirrt. Als SIE ihn entdeckten, stelzten SIE mit jaulendem Geröchel auf ihn zu, behende wie tollwütige nackte Insektenaffen – die ineinander verkeilten Autos auf der Straße waren nicht das geringste Hindernis. Ihm wurde schlecht, als das Bild der grotesken teigigblassen Gestalten wieder vor seinem geistigen Auge hochschwappte: das menschliche Gehirn war nicht dafür gemacht, solch unirdische Sinneseindrücke zu verarbeiten. Der ersten Kreatur schoß er mit dem Gewehr etwas weg, das er der Einfachheit halber für den Kopf hielt. Es brach zappelnd zwischen den Wagen zusammen, keine dreißig Meter von ihm entfernt. Das zweite DING sprang auf ein Fassadengerüst rechts von ihm, er sollte anscheinend eingekreist werden. Aus den Augenwinkeln verfolgte er noch den hellen Schatten, der polternd hinter der Gerüstplane vorwärtskrabbelte, als der Letzte der Drei geradewegs auf ihn zuschoss. Er fand noch die Zeit, das Gewehr mit beiden Händen zu greifen, und stieß mit dem Kolben genau in die Flugbahn des zähnestarrenden Mauls. Es gab ein knackendes und schmatzendes Geräusch, wie Gummistiefel im Schlamm. Schlamm mit brechenden Ästchen drin. Ein in jenem Moment berauschendes Geräusch. Mit jedem weiteren Mal, als er zuschlug, klang es matschiger, und wenig später sank der Körper zu Boden. Einer fehlte noch, war jedoch nicht mehr in Sicht. Die Entscheidung, eher loszusprinten, als den Angriff abzuwarten, war womöglich die Bessere. Seine Augen nach vorn, die Ohren nach hinten gerichtet, rannte er die Straße hinunter, hindurch zwischen den sich allmählich lichtenden Fahrzeugwracks. Der letzte Verfolger war anscheinend nicht mehr an ihn interessiert. Dennoch musste er sicheren Abstand gewinnen, es wurde dunkel. Er musste sich beeilen. Wenn er noch länger hier draußen blieb, war er ausgeliefert. Nachtblind auf dem Präsentierteller. Bei dem Gedanken kochte die Panik hoch, ließ seine Glieder schwer werden, sein Herz schlug doppelt schnell…
Schnaufend hielt er inne, um sich kurz zu orientieren. Um die Panik niederzuringen und ihr lähmendes Gift aus den Knochen zu verbannen. links die Straße runter ragte das rotgelbe Schild eines Supermarktes zwischen den Bäumen hervor. Ein letzter Spurt, hundertfünfzig Meter vielleicht, und er war dort. Sicherheit versprach natürlich kein Supermarkt der Welt mehr, aber das war ihm klar. Sicherer war auch die Tatsache, dort nichts mehr zu finden, was irgendwie brauchbar wäre. Sein eigentliches Ziel war der erste Stock. Wenn er Glück hatte, war dieser zugänglich durch das Erdgeschoß, und dort befanden sich die Verwaltungsbüros. Da ließ sich ein Nachtlager mit Barrikade einrichten, und die Scherben der zersplitterten Schaufenster vor dem Gebäude würden eine behelfsmäßige Alarmanlage abgeben. Mit gezückter Kurbeltaschenlampe stieg er vorsichtig durch die gezackte Öffnung eines Schaufensters, er brauchte nur eine knappe Minute, den Laden zu filzen. Irgendwo unter umgeworfenen Regalen fand er noch ein verpacktes Geschirrtuch, das ließ sich in jedem Fall noch brauchen. Sauberes “Verbandmaterial” war rar geworden in diesen Tagen. Im hinteren Teil des Ladens, neben dem Tor zum vermuteten Lager, befand sich eine Tür mit der Aufschrift “Privat. Nur Personal.” Richtig geraten, das war der Treppenaufgang zu den oberen Etagen. Innerlich klopfte er sich selbst auf die Schulter, wieder mal richtig gelegen zu haben. Die Tür war unverschlossen, dahinter gähnende Schwärze mit Stufen, die er im Lauf immer doppelt nahm. Seine Sinne waren aufs Äußerste geschärft, jedes mal leuchtete er mit der Lampe vorraus um die Ecke, bevor er umbog. IHR eisiges Grunz-Quietschen – wie Fingernägel auf einer Schultafel – hätte ihm sofort signalisiert, wenn SIE hier waren, doch er ging garnicht erst davon aus. SIE suchten sich immer Verstecke, aus denen SIE leicht hervorspringen konnten, auch wenn SIE hervorragende Kletterer waren. In erster Linie Erdgeschosse. Einen Hinterhalt schloss er somit aus. Die obere Etage sah furchtbar verwüstet aus, doch es hätte ihn mehr gewundert, wenn alles an Ort und Stelle gewesen wäre. Büromöbel lagen willkürlich verstreut in den Räumen; hier mussten einige verzweifelte Kämpfe gefochten worden sein…
Ein kleiner Besuchs- oder Konferenzraum sollte als Schlafplatz für die Nacht genügen. Einige Schränke und Regale wurden flink in den Raum geschleift, und von innen vor der angelehnten Tür aufgestapelt. Einen Schrank – eine Tür hing noch mehr oder weniger in den Angeln – stellte er schräg gegen die Wand in der Ecke hinter dem einzigen Zugang zum Raum. Es war in jedem Fall sicherer, nicht gleich gegenüber der Tür zu schlafen, egal was jemals durch die Barrikade brechen würde. Dann würde jeder Sekundenbruchteil zählen, und hinter der Tür schaut MAN zuletzt nach, grundsätzlich. Das kannte man noch vom Versteck spielen aus der Kindheit. Unter den Schrank gerobbt, brachte er sich in eine aufrechte Sitzposition, nachdem er ein Stück der Fussleiste abriss, um das Gewicht des gekippten Schranks abzufangen. Das wäre der Gipfel gewesen, von einem Schrank im Schlaf erdrückt zu werden. Ein paar Kellerasseln wuselten im Schein der Taschenlampe flink unter die freiliegende Tapetenabrisskante, doch die störten ihn nicht. Als sein Puls sich wieder beruhigt hatte, schlief er ein. Sein Gewehr im Anschlag vor sich auf dem Schoß…
Das war der Abend. Nun begann der nächste Tag zu dämmern, gedämpftes Licht schimmerte graubläulich durch die zerfetzten Stofflamellen an den geborstenen Fenstern. Nach der Rekapitulation der gestrigen Ereignisse konzentrierte er sich erstmal mit geschlossenen Augen auf sein Umfeld. Seine Sinne tasteten die angrenzenden Räumlichkeiten ab, dann die gesamte Etage, dann das Innere des kompletten Gebäudes. Nichts. Er war offensichtlich und Gott-sei-Dank allein. Mit einem unterdrückten Stöhnen streckte er seine steifen und kalten Gliedmaßen, brachte sich in eine vorteilhaftere Position, und stemmte den Schrank beiseite. Noch halb in der Bewegung hielt er inne. Da stand ein Bürostuhl genau vor ihm. Verdutzt sah er unter dem Schrank hervor die Rollen am Drehfuß an, als wenn sie dort nicht hingehörten, doch es war eher der STUHL, der hier nicht stehen sollte…Sein Herz begann zu pochen, als er mit dem Blick nach oben wanderte. Scheiße. So eine gottverdammte Scheiße, dachte er noch, als sein Blick den schwarzen eiskalten Haifischaugen begegnete. Ausdruckslos, das Gesicht leer, glotzte das auf dem Stuhl hockende ETWAS ihn an, nur wenige Zoll von seinem Gesicht entfernt. Dann biss ES ihm ohne weitere Vorwarnung ins Gesicht.

 

Autor mit Urheberrechten: Mo Beumers

 

23.

Chaos

Die heiße Schokolade duftete bereits durch die ganze Wohnung, als Harald zur Wohnungstür hereinkam. Er blickte sich im Chaos um: “Was um Himmelswillen ist denn hier geschehen?” Der Ausruf kam ihm spontan über die Lippen, zu laut und impulsiv. Er wusste eigentlich, was seine Freundin Petra vorhatte. Mit einem solchen Renovierungschaos hatte er dennoch nicht gerechnet. Seine Stimme ging in der Lautstärke unter, denn Petra konnte am besten arbeiten, wenn sie ganz laut Musik hörte. Es lief Ihre Lieblingsband “Ramones” er erkannte es sofort. Wie zum Geier konnte sie diese Platten gefunden haben? Seit längerem hatte Harald diese Vinylplatte ganz weit nach unten im Stapel verschwinden lassen, dort wo sonst nie gestöbert wurde. Mit der Renovierungsaktion sind sie nun wieder zum Vorschein gekommen und Petra, ‘Harald stöhne’, hat sie natürlich aufgelegt. Er entdeckte eine Wäschekorb mit vielen Schallplatten im Raum abgedeckt mit einem älteren Löchern versetzten Geschirrtuch.

Petra kam um die Ecke. Sie trug umständlich das riesige Zebrafell vor sich her, welches sie von der Wand genommen hatte. Harald kahm ihr fix zu Hilfe und endlich bemerkte auch Petra, dass er wieder Zuhause war. Sie strahlte ihn am und fragte prompt: “Hast Du neue Geschirrtücher im Supermarkt bekommen?” Harald antwortete: “Ja, habe ich.” kurze Pause und “Beinahe hätte ich auf dem Rückweg ein Eichhörnchen überfahren! Ich konnte gerade noch bremsen.” Petra schaute auf.

Beim gemeinsamen tragen des Zebrafells achteten sie nicht so genau auf die herumliegenden Hindernisse. Beide gerieten ins stolpern und fielen über die im Weg stehenden Gummistiefel. Total ineinander verknotet lagen sie im Zebrafell. Die Vinylplatte war ausgegangen. Es herrschte totale Ruhe in der Wohnung. Beide lächelten sich an. Petra: “Auf den Schreck müssen wir einem Kaffee trinken. Die Kaffeetassen stehen auch schon bereit”, “Für Anne habe ich eine heiße Schokolade gemacht. Sie kommt mit Toni vorbei. Beide wollen mir in dem Chaos helfen. Ich bekomme das mit der verflixten Tapetenabschlusskante einfach nicht hin.”

Harald viel ein Stein vom Herzen. Mit den Zweien würden sie viel schneller voran kommen und Toni konnte tapezieren wie ein Weltmeister.

Der Tag würde noch toll werden. Er drückte Petra einen dicken Kuss auf die Lippen.

Autor mit Urheberrechten: saliema

 

24.

10 WÖRTER: LUKE & LINNEA

Luke hat zu viel getrunken und weiß das auch; ein unangenehmer und ebenso ungewohnter Zustand für ihn, denn er setzt voraus, dass man über seinen Alkoholkonsum nachdenkt, und das ist seiner Meinung nach ein Job für Frauen. Männer führen keine Strichlisten über ihre Getränke, sie beschäftigen sich nicht mit dem Grad ihrer Trunkenheit, und schon gar nicht ist es einem Mann möglich, zu viel zu trinken.
Nie hat er sich Gedanken darüber gemacht. Sein Vater, ein wortkarger, kräftiger Mann, hat ihn so erzogen, und nie ist er in den vergangenen fünfunddreißig Jahren mit dieser Art der Weltanschauung irgendwo angeeckt, schon gar nicht bei sich selbst.
Er schämt sich vor sich selbst, schämt sich für seine Schwäche; dann wird er wütend, aber noch im selben Moment schämt er sich selbst für diesen Anfall sinnlosen Ärgers. Bitter liegt das Gefühl dieser Launenschwankungen auf seiner Zunge und mischt sich dort mit dem scharfen Brennen des Gins. Auch Launenschwankungen sind etwas, das Luke immer den Frauen zugeschrieben hat, aber je länger er darüber nachdenkt, desto härter trifft ihn seine eigene Unentschlossenheit und Unsicherheit, die ihn mit jedem Gedanken unschlüssiger herumtreibt.

Auf dem robusten Holztisch steht noch eine halbleere Kaffeetasse von diesem Vormittag. Linnea liebt Kaffe, ebenso wie den Blick in seinen Garten; oft sitzt sie, wenn sie bei Luke ist, an dem groben Holztisch, anmutig in einen ihrer geliebten Kaschmir-Schals gewickelt, und beobachtet fasziniert die Eichhörnchen und Hasen, die hier auf den Wiesen für die Landbewohner keine Seltenheit mehr sind. Sie ist das Land nicht gewohnt, und obwohl Luke in diesen Momenten besonders gern ihre zarte Schönheit bewundert, während sie träumerisch nach draußen starrt und ihn nicht bemerkt, ist ihm ihre seltsame Mischung aus Bewunderung und Distanz zum ländlichen Leben ein wenig suspekt. Es erscheint ihm weltfremd und unnatürlich, wie fixiert sie auf ihr Stadtleben ist.

Überhaupt – Linnea! Sie ist ihm so fremd wie kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt.
Was sie genau arbeitet, weiß er nicht einmal, aber sie ist ständig dabei, in unmenschlicher Geschwindigkeit Romane auf ihrem Blackberry zu verfassen, diskutiert den halben Tag am Telefon Verträge aus, und wenn er sie in ihrem schwarzen Audi nachts mit zu sich nach Hause nimmt, stöckelt sie zwar in ihren unbezahlbar teuren, schwarzen Louboutin-Pumps ohne ein Zeichen der Beschwerde über die Einfahrt aus grobem Kies, aber er hört sie jedes Mal leise seufzen, wenn sie sie im Flur neben seinen Gummistiefeln aufstellen muss.

Wäschekörbe, Waschmaschinen, Reinigungsmittel und Geschirrtücher sind ihr fremd, ebenso die Funktionsweise einer gemeinen Küche, denn Linnea verdient bei Gott genug Geld, um Dinge wie Waschen, Kochen oder Besuche im Supermarkt von einer Haushälterin erledigen zu lassen – bisweilen fehlt ihr für beides ohnehin die Zeit, und Essen nimmt sie sowieso fast ausschließlich in Form von kleinen, teuren Snacks in ihren Lieblingsrestaurants um die Ecke zu sich. Zum Mitnehmen, versteht sich. Ebenso versteht sich, dass ihr weder Nudeln noch Pizza, geschweige denn Süßigkeiten auf den Teller kommen: Das einzige, was sie mehr hasst als Schokolade, sind die Ramones, womit Luke besonders schwer zu kämpfen hat, denn obwohl ihm deren Musik selbst nicht besonders gut gefällt, weckt sie immer wieder fast liebevolle Erinnerungen an seinen Vater, der sie sehr verehrt hat.

Wieder steigt Wut in ihm auf, die durch den Anblick der halbleeren Kaffetasse auf dem Tisch verstärkt wird.
Sie haben sich vorher gestritten, heftig gestritten: Linnea kann Lukes Art, zu leben, nicht nachvollziehen. Sie versteht nicht, warum er so abgelegen auf dem Land lebt und der harten Arbeit auf dem riesigen Gestüt und den endlos weiten Ländereien noch selbst nachgeht, obwohl er bei seinem Besitz genauso gut längst nur noch im Büro sitzen, Arbeiter herumkommandieren und Gewinne abrechnen könnte. Sie hat ihn als grob und anspruchslos bezeichnet, er sie als realitäts- und lebensfern, und damit brach ein Streit vom Zaun, dessen Heftigkeit alles überstieg, was Luke jemals an Emotionen freigelassen hatte.

Wie kann eine Frau dermaßen abgehoben sein? Zweifellos ist sie sehr intelligent, und Luke schätzt Intelligenz, aber wer benutzt schon Worte wie Massenkommunikationsdienstleistung, Übertragungsverodnung oder Tapetenabschlusskante im ganz normalen Alltag? Ganz zu schweigen davon, dass sie letzte Woche die Lage seines Hauses auf dem Hügel als pittoresk bezeichnet hat.
Was hat er jetzt davon? Einen völlig verdrehten Geist! Diese Frau überschwemmt mühelos den Felsen in der Brandung, als den Luke seinen Charakter immer gesehen hat, und stürzt seine sonst so ruhige, in sich gekehrte Art in Wellen von Zweifel und Unsicherheit über seine bisherige Weltanschauung.

Aber trotz all dem schafft er es nicht, sie zu hassen, im Gegenteil; er bewundert sie. Sie fasziniert ihn, und sie zieht ihn stärker an als jede andere Frau, deren Bekanntschaft er jemals gemacht hat.
Lukes neueste Anschaffung, ein Zebrafell, welches er sich nur für das Wohnzimmer angeschafft hat, weil sie es ästhetisch fand, landet mitsamt seinem Ginglas durch die Terassentür auf der Wiese im Garten.
“Scheißdreck!”, brüllt er ihm hinterher. Nie hat sie sich auf dem Küchentisch über seine Grobheit beschwert, wenn er sie zum Schreien gebracht hat, und im Bett nie über die Ausdauer und die Muskeln, die die “sinnlose” Arbeit mit sich gebracht hat.
Aber er kann diese Frau nicht hassen, die ihn alle seine Prinzipien hat verwerfen lassen und die dafür gesorgt hat, dass er jetzt in der Küche steht und feststellt, dass er zu viel getrunken hat, dass er auf einmal Zebrafelle kauft, um das Wohnzimmer zu dekorieren und dass er sich zum ersten Mal von einer Frau ernsthaft den Kopf hat verdrehen lassen.

Wie aus Protest leert er den Rest des Gins in sich hinein und ruft sich schließlich fluchend ein Taxi, um Linnea einen Besuch abzustatten. Er wird mit ihr reden müssen, nachdem er sie zum hundertsten Mal zum Schreien gebracht hat, und dann wird er sich endlich eingestehen müssen, dass er sie liebt.
Und das Zebrafell wieder aus dem Regen holen, gleich am nächsten morgen.

Autor mit Urheberrechten: ferventcore

 

So, ich hoffe ich hab alle richtig verlinkt, keinen vergessen, sonst bitte laut schreien 🙂

 

 

 

 

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27 Kommentare

      1. Ich komme offensichtlich nicht mit dem Lesen hinterher..:) halt mich unbedingt auf dem Laufenden!
        Meine Geschichte kommt.. 🙂 hab eben erst angefangen und brauch bei diesen Vorgaben definitiv länger als ne halbe Stunde..;)

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      2. Beim Lesen der Geschichten hab ich mich bisher auch noch erfolgreich zurück gehalten, auch wenn es in den Fingern juckt..
        Ich versuche aber immer noch die Wort-Vorgaben des Herrn Zolaski zu verdauen.. 😉

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  1. Hat dies auf Tüpflischiesser rebloggt und kommentierte:
    Für die, die der Sache bisher nicht gefolgt sind. So sieht es aus, wenn Blogger gemeinsam kreativ sind. Oder wenigstens jeder mit den gleichen Vorgaben schreibt. Ich finde die Idee toll und hoffe, wir machen noch eine Weile so weiter:-)

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      1. Danke!! Und ja der Text kann gern mit rein. Er kann ruhig gelesen werden freue mich auch über jegliche Rückmeldung. Auf meinem Blog wird er am besagten Jahrestag auch zu finden sein (in etwa 3 Wochen) mit etwas mehr Hintergrundinfos!

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    1. Was soll ich sagen, als ein charmantes ja? 😀
      Die neuen Wörter kommen heute abend. Jetzt gibt es nochmal die Gelegenheit bei circa zwei Kannen Kaffee oder Tee, alle aus der vergangenen Woche auf einem Blick zu haben 🙂
      Liebe Grüße:)

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