2. Einladung für alle interessierten Mitschreiber. Und es geht weiter in die zweite Runde mit dem gemeinsamen Schreiben

Für diese Woche bat ich die liebe rocknroulette mir zehn Wörter zu geben.

Vorab dennoch kurz für alle, die den Anfang nicht ganz verfolgen konnten, eine kurze Info dazu.

Begonnen hat alles mit einer kurzen Einschreibzeit und dann 15 Minuten eine Story schreiben, mit den vorgegebenen Wörtern. Ob jemand sich allerdings mehr Zeit nehmen möchte, bleibt dem Schreiber natürlich selbst überlassen. Soll ja allen Spaß machen und wir sind auch nicht in Vorstadts kleinem Gartenverein. Dort wird natürlich alles korrekt und nach Maß gehandhabt 😀 Zeit für diese Runde ist bis Ende der Woche. Auch wenn die erste Deadline die letzte Woche vorgegeben wurde, ziemlich schnell zu großartigen Ergebnissen geführt hat.

Geschichte einfach in den Kommentar kopieren, oder, verlinkt es mit eurer Seite. Am Ende der Woche werde ich alle Geschichten zusammen tragen, wie heute morgen.

Ach ja, und es ist einfacher erst selber eine Geschichte zu schreiben, und erst dann die schon vorhandenen zu lesen. Nur als wiederholter Tip 🙂

So, nun aber los, hier die Runde zwei. Freu mich sehr auf rege Beteiligung 🙂

1 Supermarkt

2 Wäschekorb

3 Geschirrtuch

4 Eichhörnchen

5 Kaffeetasse

6 Schokolade

7 Ramones

8 Zebrafell

9 Gummistiefel

10 Tapetenabschlusskante

Advertisements

120 Kommentare

  1. Ich hoffe ich bin nicht zu spät dran!
    Es waren mehr als 15 Minuten, das war keine Absicht, aber wenn ich einmal anfange zu schreiben, vergesse ich ziemlich leicht die Zeit… 😀

    Das hier ist der Anfang meiner Geschichte:

    „Luke hat zu viel getrunken und weiß das auch; ein unangenehmer und ebenso ungewohnter Zustand für ihn, denn er setzt voraus, dass man über seinen Alkoholkonsum nachdenkt, und das ist seiner Meinung nach ein Job für Frauen. Männer führen keine Strichlisten über ihre Getränke, sie beschäftigen sich nicht mit dem Grad ihrer Trunkenheit, und schon gar nicht ist es einem Mann möglich, zu viel zu trinken.
    Nie hat er sich Gedanken darüber gemacht. Sein Vater, ein wortkarger, kräftiger Mann, hat ihn so erzogen, und nie ist er in den vergangenen fünfunddreißig Jahren mit dieser Art der Weltanschauung irgendwo angeeckt, schon gar nicht bei sich selbst.
    Er schämt sich vor sich selbst, schämt sich für seine Schwäche; dann wird er wütend, aber noch im selben Moment schämt er sich selbst für diesen Anfall sinnlosen Ärgers. Bitter liegt das Gefühl dieser Launenschwankungen auf seiner Zunge und mischt sich dort mit dem scharfen Brennen des Gins. Auch Launenschwankungen sind etwas, das Luke immer den Frauen zugeschrieben hat, aber je länger er darüber nachdenkt, desto härter trifft ihn seine eigene Unentschlossenheit und Unsicherheit, die ihn mit jedem Gedanken unschlüssiger herumtreibt.“

    Der Rest steht hier:
    http://ferventcore.wordpress.com/2014/08/23/10-worter-in-15-minuten-luke-linnea/

    Viel Spaß beim Lesen!
    Ich werde mich jetzt erst einmal endlich durch die Ergebnisse der anderen Schreiber wühlen.

    Danke westendstories, für die gute Idee und die Organisation!

    Gefällt 1 Person

      1. Danke hier kommt also Nummer 2. Sehr persönliche Geschichte, die ich (aus welchen Gründen auch immer) gestern einfach schreiben musste. Noch nicht zu finden auf meinem Blog, da muss ich erst noch den richtigen Tag dafür abwarten.

        Ich stehe in der Küche und starre meinen Kalender an. Heute ist der Tag! Der Tag, der vor einem Jahr mein Leben verändert hat. Seit 3 Tage lebe ich in der Vergangenheit, genau ein Jahr in der Vergangenheit und durchlebe die Ereignisse von damals erneut. Jedes Detail dieser Tage ist in meinem Kopf eingebrannt und ich spüre, dass ich Jahr für Jahr erneut durch diese Hölle gehen muss. Ich kann nur hoffen, dass, wenn schon nicht die Erinnerungen, zumindest irgendwann der Schmerz verebbt.
        Ich klammere mich fest an meiner Kaffeetasse. Seit 3 Tagen schlafe ich nicht, konnte ich damals auch nicht, und nur Kaffee und Schokolade hält mich auf den Beinen. Ich blicke auf die Uhr. Fünfzehnuhrdreiundvierzig murmle ich und ich weiß es ist Zeit. Genau ein Jahr zuvor hatte ich genau um diese Uhrzeit mein Haus betreten und. Ich schiebe den Gedanken auf die Seite. Ich will nicht denken was war. Ich weiß, dass ich erneut fühlen muss. Es erneut durchleben muss.
        Meine Hände zittern, der Kaffee in meiner Tasse schwappt über. Ich stelle die Tasse in die Spüle und kniee mich hin, um mit einem Geschirrtuch die gerade entstandenen Flecken wegzuwischen. Ich spüre eine einsame Träne über meine Wange laufen. Einen Moment glaube ich keine Kraft mehr zu haben, um aufzustehen, aber ich zwinge mich hoch, halte mich dabei am Kühlschrank fest.
        Ich blicke erneut auf die Uhr. Es wird nun wirklich Zeit. Ich verlasse die Küche und steige langsam die Treppen in den ersten Stock hoch. Dann stehe ich vor der Tür. Die Tür, die ich seit einem Jahr nicht mehr geöffnet habe. Ich streiche sanft mit meinen Fingern über den Eichhörnchenaufkleber und bin mir sicher du hättest Eichhörnchen genauso geliebt, wie ich es tu. Ich weine nicht mehr, auch vor einem Jahr konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr weinen.
        Ich greife langsam nach der Türschnalle und drücke Sie nach unten. Erneut betrachte ich meine zittrigen Hände und stoße dann langsam die Tür auf. Als erstes sehe ich den vollen Wäschekorb, der immer noch genau dort steht, wo ich ihn vor 372 Tagen abgestellt hatte. Damals war die Welt noch in Ordnung. Mein Blick wandert als nächstes zur hellblauen Tapetenabschlusskante, die noch immer in der Ecke steht. Es war das letzte das ich im Supermarkt für dich gekauft hatte. Ich wollte das Zimmer noch schöner machen.
        Langsam trete ich nun ein und spüre das weiche Zebrafell in der Mitte des Zimmers unter meinen Zehen. Ich wanke kurz, meine Kraft nähert sich dem Ende. Immer noch kann ich nicht weinen, immer noch bewege ich mich in der Vergangenheit. Ich schließe kurz die Augen und hole tief Luft. Ich bin noch nicht fertig. Ein paar Schritte muss ich noch machen.
        Ich gehe also weiter auf die kleine Kommode zu. Dort liegt noch die Kleidung bereit, die dich eigentlich nachhause begleiten sollte. Ich strecke meine zittrige Hand aus und berühre den blauen Pullover. Eine große Katze in roten Gummistiefeln grinst mich an. Ich fand den Pullover, als ich ihn sah, so lächerlich süß, den musste ich einfach kaufen. Dann wandert der Blick zur Seite. Dort liegt er, der Body, den du eigentlich tragen solltest. Ein Geschenk meines Vaters, ‚Die Ramones‘ stand in großen jedoch schon verblichenen Lettern darauf, seine Lieblingsband. Als mich meine Eltern nach der Geburt aus dem Krankenhaus mit nachhause genommen haben, habe ich diesen Body getragen. Und genau so sollte es bei dir sein. Eigentlich solltest du diesen Body tragen, während ich dich in dein neues Heim, dein neues Leben trage.
        Ich nehme den Body in die Hand und breche zusammen. Meine Beine geben unter mir nach, ich habe keine Kraft mehr. Ich drücke den Body an meine Brust so als könnte ich dich dadurch auch festhalten. Im gleichen Moment wird mir jedoch bewusst, dass ich dich nie mehr halten kann und nun fließen endlich die Tränen. Weinend liege ich am Boden des Kinderzimmers meines Sohnes, welches ihm nie vergönnt war zu betreten.

        Gefällt mir

  2. Vielen Dank wieder mal für diese tolle Einladung, Frau Ahnungslos. Mo hat diesmal nicht gezeichnet. Geschrieben. Versucht. Bitte um Nachsicht, im Angesicht aller Koryphäen hier.
    http://wp.me/p4gmUH-9u
    Dennoch, einen Teaser möcht ich hier keck reinschmuggeln, den Rest gibts bei mir…

    „Zwei Minuten. Das war seine Zielsetzung, bis zum Aufstehen. Die würde zumindest sein Kreislauf brauchen, um den Körper von der unbequem gefalteten Sitzposition ins Aufrechtstehen zu bringen. Seine Beine waren steif, und sein Kreuz schmerzte. Die edelstählerne Kaffeetasse aus seinem Rucksack – den er fast nie abnahm – bohrte sich in seinen Rücken, ein Grund von vielen für Rückenschmerzen. Alter fordert Tribut, Unterernährung besorgt den Rest. Während das Bewusstsein sich nur träge und Stück für Stück vom Traum löste und sich manifestierte, drang von irgendwo aus seiner Erinnerung ein Song der Ramones ins präsente Gedächtnis. Damit war ein gottverdammter Ohrwurm für die nächsten Stunden vorprogrammiert. “Naja, zumindest bringt das etwas Normalität in den alltäglichen Wahnsinn. Vielleicht auch umgekehrt.” dachte er sich…“

    Gefällt mir

      1. Nee, nicht kniefallen, das gibt fiese Flecken. Danke vielmals! Irgendwann schaff ich das bestimmt in 15 Minuten, ich arbeite dran. Hab da glaub ich auch Blut geleckt, aber beim nächsten Mal mach ich was mit Blümchen…die arme Frau Knobloch…:-D

        Gefällt mir

  3. Ich bin durch einen anderen Blog auf dich aufmerksam geworden und war gleich von deiner Idee begeistert, gemeinsam nach Wörtervorgabe zu Schreiben. Muss aber zugeben, die Zeitvorgabe nicht ganz eingehalten zu haben. Jetzt werde ich aber erstmal gespannt die anderen Beiträge noch lesen 🙂

    Auf meinem Küchentisch sitzt ein Eichhörnchen mit einem Ramones T-Shirt, legt sich Patience-Karten und verlangt nach Schokolade. Im ersten Moment ist es nicht der Umstand, dass das Tier Patience spielt und nach Schokolade giert der mich verwundert, sondern die Tatsache, dass es tatsächlich T-Shirts in Nagetiergrösse gibt. Es bedarf nochmals ein paar Minuten, bis ich mir bewusst werde, dass es a) in meinem Wohnviertel gar keine sprechenden Eichhörnchen gibt und b) ich hier mit einer Wahnvorstellung konfrontiert werde.

    Ich entsinne mich, den Supermarkt für ein paar Ferieneinkäufe aufgesucht zu haben und dabei meinem drogenvernarrten Kumpel Fred über den Weg gelaufen zu sein. Im Laufe des Gesprächs erzählte mir Fred von der angeblichen psychedelischen Wirkung von Tapetenleim in Verbindung mit dem Zungennerv. Diese abstruse Info setzte sich in meinem Kopf fest und da ich gleichentags keinen weiteren Verpflichtungen nachzukommen hatte und sowieso gerne etwas experimentiere, bin ich der Sache zu Hause etwas genauer auf den Grund gegangen.
    Wenn schon tausende Strassenkinder aufs Leimschnüffeln schwören, weshalb sollte dann das Tapetenleimlecken nicht auch funktionieren? Also habe ich kurzentschlossen so lange mit den Fingern an der Tapetenabschlusskante herumgepult bis sich endlich ein Streifen gelöst hatte und leckte diesen ab. Schmeckte zwar irgendwie nach Gummistiefel aber das tat auch das Fleisch wenn ich der verantwortliche Koch war. Als sich jedoch zwei Stunden später noch keine Wirkung bemerkbar machte, holte ich mir etwas enttäuscht einen Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, um meine weiteren Ferienpläne zu schmieden. Dies war am Montag um ca. 14 Uhr und zeitlich wohl auch genau der Moment, an dem sich der Effekt des Tapetenleims voll entfaltete und bis jetzt andauerte.

    So besinne ich mich nun langsam auf das Hier und Jetzt und blicke konzentriert meinem tierischen Tischgenossen an. Das Eichhörnchen legt eine weitere Karte ab, fragt nochmals nach Schokolade, löst sich dann aber langsam auf, bis ich wieder alleine am Tisch sitze. Klarheit macht sich in meinem Kopf breit. Ich blicke in die halbvolle Kaffeetasse vor mir. Der Umstand, dass die oberste Schicht des Kaffees mehr an ein Zebrafell denn an Milchkaffee erinnert, lässt vermuten, dass ich wohl nicht stunden- sondern tagelang weggetreten war. Dem Geruch nach muss ich mich irgendwann auch noch eingenässt haben. Wie ich beschämt feststelle, habe ich mich nicht etwa gewaschen, sondern einfach ein schmutziges Geschirrtuch aus dem Wäschekorb genommen und mich draufgesetzt. Tapetenleim ist echt ein irres Zeug! Noch etwas wacklig und enorm durstig stehe ich auf, schlurfe mit der Tasse und dem pelzigen Inhalt in die Küche und spüle sie gründlich aus. Da hier immer ein kleines Radio läuft und gerade die Nachrichten angekündigt werden, erfahre ich, dass bereits Freitag ist. Während ich gierig vom Wasserhahn trinke erinnere ich mich, heute zum Geburtstagfest in der Wohnung meines besten Freundes Tom eingeladen zu sein. Und während ich weiter meinen Durst zu löschen versuche, überlege ich, was für ein Geschenk ich Tom noch besorgen soll und ob seine Wände wohl verputzt oder tapeziert sind.

    Gefällt 2 Personen

    1. Grins übers ganze Gesicht 😀 Und ich bin noch viel froher damit angefangen zu haben, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen. Ich mach mich dann mal Richtung Tapete auf den Weg 😀
      Kann nur kopfgeneigt mich bedanken und heiß dich willkommen 🙂

      Gefällt mir

  4. Es war keine gute Idee, mit dem Kaffee in der Hand, zu den Ramones durch die Wohnung pogen. Sie wollte nur die Gedanken ausschalten und jetzt diese Sauerei. Sie stellte die Kaffeetasse bei Seite und holte aus der Küche ein Geschirrtuch. Sie tupfte die Flecken vom Sofa und trocknete Tisch und Boden. Sie drehte die Anlage zu ‚Blitzkrieg Bop‘ noch etwas lauter und watschelte hinüber ins Bad. Sie klatschte das Geschirrtuch in den Wäschekorb. Ihre nackten Füße standen nun auf der weichen Badematte, die einem Zebrafell glich. Sie schaute aus dem Fenster, hinaus auf den Hof, der genauso leer und verlassen wirkte wie sie sich fühlte. Leer und verlassen. Es würde Regen geben. Die Wolken hatten sich zugezogen. Alles war grau. Nur ein kleiner roter Ball tanzte im Wind hin und her. Gerade als sie ihren Blick abwenden wollte, huschte ein Eichhörnchen hinter der Mauer hervor, rannte hinüber zu dem alten Baum und verschwand im Geäst. Ihre Augen verweilten noch einen Augenblick auf der Stelle, an der das Eichhörnchen verschwand. Sie warf einen Blick in den Spiegel und musterte sich. Ihre Haut war blass. Ihre Augen sahen müde und leer aus. Die sonst so schön geschwungenen Lippen, wirkten trocken und rissig. Kein schöner Anblick, dachte sie und wendete sich ab.
    Sie holte ihre gelben Gummistiefel aus dem Schuhregal, das in dem kleinen Flur stand und zog sie an. Denn wenn es ihrer Seele schlecht ging, bekam sie immer Lust auf Schokolade. Sie wollte noch schnell zum Supermarkt, bevor es anfing zu regnen. Dieser befand sich, an der Ecke, neben dem Renovierladen ‚Tapetenabschlusskante‘.
    Sie warf sich ihre Lederjacke über, nahm den Schlüssel von der Kommode und lies die Tür ins Schloss gleiten…

    Gefällt mir

  5. die hütte (ohne die gröbsten fehler)

    bitte schmeiss den ersten kommentar bitte raus copy/paste error… 😦

    jake stand auf der veranda seiner kleinen hütte mitten im wald. keine zehn meter entfernt spielten zwei eichhörnchen in einen baum. er genoss den ausblick und die stille hier draussen, weit weg von der lärmenden stadt und ihren überfüllten strassen. er hatte dieses kleine fleckchen erde von einem freud erstanden der keine verwendung mehr dafür hatte. hier wollte er schreiben und die seele baumeln lassen. aber es gab noch einiges zutun.

    er ging rein und schaute sich um. es gab nicht viel. ein bett, ein tisch mit zwei stühlen eine kleine küche. neben einem kleinen ofen stand ein alter wäschekorb mit holz. gleich hinter der tür sah er ein paar gummistiefel die er sicherlich noch brauchen würde wenn es mal regnete und er durch den wald zu seinem auto laufen müsste. an der wand hing ein zebrafell, von der decke bis runter an die tapeteabschlusskante. gleich da neben ein regal mit büchern und alten schallplatten von den ramones.

    „wer hört hier draussen die ramones ?“ dachte jake und ging zu der kleinen küchenzeile.

    auch sie hatte nicht viel zu bieten, ein kleiner herd an dem ein geschirrtuch hing. in dem kleinen schrank über der spüle ein paar abgelaufene lebensmittel, eine kaffeetasse und zwei kleine töpfe. „ich werde wohl noch ein wenig einkaufen müssen“ dachte er mit einem grinsen und machte sich einen kleinen einkaufszettel für den supermarkt, den er auf dem weg hierher gesehen hatte.

    nach dem er sich alles angeschaut hatte ging er zurück auf die veranda. er zündete sich eine zigarette an und stellte sich vor wie es sein würde. mit seiner alten „erika“ an dem tisch drinnen oder hier draussen zu sitzen und bei einer tasse heisser schokolade zu schreiben.

    ein lächeln legte sich auf seine lippen in gedanken daran. während dessen spielten die beiden eichhörnchen immer noch in dem großen alten baum.

    by tigerfour

    Gefällt mir

  6. Bin durch einen anderen Blog auf diese Aktion gestoßen und habe mir gedacht, da mach ich doch einfach mal mit. Es ist das erste Mal, dass ich bei sowas mitmache. Ich hab es nicht annähernd in 15 minuten geschafft. 😉
    Meine Geschichte findet man auf meinem Blog (http://blogographie.wordpress.com/2014/08/20/zehn-wort-geschichte/)
    Ich hoff ich hab alles richtig gemacht, ich bin in der Blog-Gemeinschaft noch recht neu 😉 😉

    Gefällt mir

    1. Gibt kein richtig und falsch. Und wenn du ein Wort vergessen hast, kommt es die Woche drauf für dich auf die Liste ^^ (Spaß) Freu mich sehr über deine Nachricht, mal eben schnell ein großes Dankeschön , heute abend später lese ich in Ruhe die heutigen Geschichten. Bin grad auf dem Sprung.
      Liebe Grüße und willkommen in dieser netten Runde 🙂

      Gefällt 1 Person

  7. „Entschuldigung“, lächle ich und versuche ein Weibliche-Disney-Figuren-Augenklimpern. Es könnte auch ein Bambiblick sein, wenn ich ihn hinbekäme. Aber entweder habe ich meinen Charme verloren oder mein Talent. Der Baumarktmitarbeiter zieht nur eine Augenbraue in die Höhe, nimmt einen Schluck aus seiner „Ich-möchte-einmal-mit-Profis-arbeiten“-Kaffeetasse und grunzt: „Was denn?“
    Ach wie schön, wenn der Kunde König ist. Nicht so wie letztens im Supermarkt, wo die Verkäuferin mich tatsächlich noch mit Service überraschte, als ich nur wissen wollte, wo ich die Schokolade zum Backen finde und sie mir einen Testbericht zu sämtlichen Marken im Haus vorhielt. Das war dann auch schon wieder zu viel. Aber der Kunde ist König und hat immer Recht: Mal mit zu viel, mal mit zu wenig Bedienung.
    Hier auf jeden Fall … eher zu wenig. Der Blick des Baumarkters ist schon wieder auf seinem Computerbildschirm gelandet.
    „Entschuldigung? Wie heißen diese Dinger, mit denen man die Tapetenabschlusskante versteckt?“, frage ich und strecke meine Brust raus. Wenn der Augenaufschlag nichts bringt, helfen vielleicht diese Attribute. (Nicht, dass ich Vorurteile hätte.)
    Und tatsächlich: Auf einmal werden seine Augen so groß wie Wäschekörbe und ich fürchte, er sieht mich schon halbnackt auf einem Zebrafell vor dem Kamin liegen. Halbnackt? Ja, denn es scheint mein Ramones-T-Shirt zu sein, das ihn angemacht hat. (Und hier meine ich angemacht im Sinne von angeknipst.)
    Flink wie ein Eichhörnchen kommt er hinter seinem Infostand hergeflitzt: „Kommen Sie, kommen Sie. Ich zeige Ihnen, wo wir die Leisten versteckt haben. Schickes Shirt übrigens.“
    „Und hübsche Gummistiefel haben Sie da“, erwidere ich. Ein bisschen zickig vielleicht. Aber hallo? Hier kann man doch nicht nach Musikgeschmack bedient werden, oder?!
    „Wenn da was draufspritzt, kriegt man das ganz leicht mit einem Geschirrtuch wieder ab“, sagt er – und meint es anzüglich.
    Eine andere Bedienung habe ich mit diesem Versuch á la „Die Waffen der Frauen“ vielleicht auch gar nicht verdient.

    Gefällt mir

  8. Liebe Westendstories, tolle Idee!
    Leider mache ich gerade Schreibfasten, sonst würde ich gerne mal versuchen. Aber zur Zeit sind selbst lecker präsentierte Häppchen aus zehn Zutaten tabu.
    Aber Du hast ja genug Köche und Köchinnen. 😉

    Gefällt mir

  9. Hat dies auf Text, Mags, Rock'n'Roll. rebloggt und kommentierte:
    Ich habe mal wieder die Zeit überzogen, aber hier ist meine Geschichte:
    „Ja. Ja, ok. Mach’s gut. Ok.“ Wie betäubt drückte Matthias auf die Auflegetaste des Handys. Thorben hatte ihm gerade die Zusammenarbeit aufgekündigt. Einfach so. Ihre Schokoladenmanufaktur lief gut, aber Thorben hatte keine Lust mehr, weiter Geld in die Sache zu stecken. Zu viel Aufwand, zu wenig Umsatz, meinte er.
    Dabei standen sie erst ganz am Anfang. Beziehungsweise: Matthias stand und Thorben saß. Der eine auf einem gepolsterten Chefsessel über seinem florierenden Fellhandel thronend, und der andere bis nachts um vier in der Küche – Wasserbädererwärmend, mit Edelstahltöpfchen voll geschmolzener Schokolade hantierend, gehackte Gewürzen, Nüssen und getrocknetes Obst mit der Briefwaage abwiegend. Er hatte die Pralinenförmchen designt, die Verpackung entworfen, geruckt und geknickt, das Marketing übrnommen – ja, sogar die Päckchen zur Post geschleppt und auf Märkten gestanden hatte er selbst. Der Aufwand lag definitiv nicht bei Thorben, aber Matthias hatte diese Arbeitsteilung geliebt.
    Niemals hätte er gedacht, dass Schokolade so eine Leidenschaft in ihm auslösen könnte. Jetzt drehte er langsam das Gas unter dem brodelnden Wasserbad ab, goss das heiße Wasser in eine Kaffeetasse und bröselte Instantkaffee hinein. Lange stand er am Fenster, die warme Tasse wie einen Trost an die Brust gedrückt – wäre vor dem Fenster nicht ein Eichhörnchen auf und ab geturnt, um sich die Walnussreste der Triple-Nut-Schokolade vom Fensterbrett zu holen, er hätte geweint.
    Es war vorbei. Alles war vorbei, ein ganzer Lebensabschnitt, sein glücklichster vielleicht, so fühlte er sich. Aber so war es nun mal: Er hatte vielleicht Talent für Schokolade, aber Thorben hatte nun mal das Geld. Und die Ruhe weg. Der würde keinen Gedanken daran verschwenden, dass er Matthias mit einem Telefonat die Existenz ruiniert hatte – der nicht. Der würde in diesem Moment seine Füße in den Zebrafell-Stiefeln auf den Schreibtisch liegen, den nächsten Zobel-Deal abschließen oder einfach nur ein Loch in die Tapetenabschlusskante seiner Seidenwandbespannung starren.
    Wer kaufte überhaupt noch Pelze? Scheinbar war das Zeug wieder im Trend, oder vielleicht auch schon wieder nicht mehr, wenn Thorben das Schokoladen-Nebengeschäft abstieß. Aber während der sich jetzt einfach wieder seinem Hauptgeschäft zuwenden konnte, wusste Matthias erst mal nicht weiter. Zu überraschend war das Aus gekommen, zu sehr hatte er sich auf Schokolade konzentriert, um sich jetzt überhaupt für irgendetwas anderes begeistern zu können.
    Mit Grauen dachte Matthias an seinen letzten Job zurück – bei H&M. Das Schlimmste war nicht der Einzelhandel an sich gewesen, das hatte er ja immerhin gelernt. Das Schlimmste war zu sehen, wie sich irgendwelche Mädchen, die noch nie etwas von Guns’N’Roses oder den Ramones gehört hatten, durch die Stapel billig nachgemachte Bandshirts wühlten. Ihre Diskussionen mit anhören zu müssen: „Ich will das hier, mit den Rosen!“ – „Nää, kuck! Das hier hat Totenköpfe, is viel geiler!“
    Wenn die Mädchen mit ihren Eroberungen zur Kasse trampelten und er die Shirts aufs Neues faltete, stapelte und aufräumte, hatte er sich im Stillen bei Dee Dee, Johnny, Joey, Tommy und sogar bei Axl Rose entschuldigt, obwohl dem mit seinen grausigen Lackhotpants eigentlich recht geschah, wenn er von der Fashion-Branche missbraucht wurde. Ihm drehte es trotzdem den Magen um bei so viel Unwissenheit und Ignoranz.
    Eines Tages, es regnete in Strömen und er war gerade mit dem Wäschekorb unter dem Arm unterwegs in den Waschsalon, begegnete ihm eine der Lieber-Rosen-Käuferinnen: Sie trug ihr Shirt mit schick aufgerollten Armen, dazu einen schwarzen Minirock und schlammbespritzte Gummistiefel. „Cool“, hatte er gedacht, „sieht ja doch aus wie ein echter Guns’n’Roses-Fan.“ Je näher das Mädchen kam, desto seltsamer sah jedoch der Schlamm auf ihren Stiefeln aus, irgendwie symmetrisch und viel zu glänzend, und bevor er sich und die H&M-Bandshirt-Lizenz dazu beglückwünschen konnte, das Leben des Mädchens verändert zu haben, sagte sie zu ihrer Freundin: „Natürlich ist der Dreck nicht echt, was denkst du denn?! Das ist der Kate-Moss-Look!“
    Matthias hätte am liebsten den Wäschekorb fallenlassen, um ihr das T-Shirt vom Leib zu reißen. Unwürdig, unwürdig, unwürdig! Stattdessen hatte er am nächsten Tag gekündigt – und dann kam Thorben. Was ja nun auch wieder vorbei war. Doch auch jetzt würde er lieber in einem Supermarkt Regale auffüllen gehen, als sich noch mal der Stumpfheit der Modewelt auszusetzen, so gut zahlten die bei H&M wirklich nicht.
    Geld. Immer ging es um Geld. Mechanisch begann Matthias, die Küche aufzuräumen. Er goss die letzte Schokolade in die Förmchen, wusch die Töpfe und Gerätschaften aus und breitete sie zum Trocknen auf einem frischen Geschirrtuch aus. Dabei kam ihm eine Idee.
    Es würde ihn nicht retten, ein klein wenig MDMA in seine letzte Produktion von Triple-Nut zu bröseln, auf keinen Fall. Aber als die Kristalle sich in der flüssigen Schokolade auflösten, er der Tafel beim Abkühlen zusah, sie schließlich verpackte, verschnürte und zur Post trug, überkam ihn – ohne ein Stück davon probiert zu haben – das bekannte Gefühl von Frieden und warmer Zuneigung.
    Es würde auch Thorben nicht schaden, mal ein bisschen mehr Wert auf Zwischenmenschlichkeit zu legen. Bei der Post suchte er ein passendes Begleitkärtchen aus, zwei spielende Zebras waren darauf abgebildet, und er schrieb „Vielen Dank für die Zusammenarbeit, Matthias“.

    Gefällt 3 Personen

      1. vermutlich, stimmt! na ja, ist ja kein arsen 😀 von einer ecstasy-schoki kriegt die sekratärin vermutlich mehr liebe als von zebra-thorben, dem alten zobelschlächter (wenn das zeug in schokolade überhaupt funktioniert).

        Gefällt mir

    1. Entschuldigung, hatte vergessen, den Text hierüber zu kopieren, auch wenn er nur ganz kurz ist. Nun also aber:

      I wanna be your boyfriend …

      … murmelte die Kaffeetasse, wischte Ramones Sckokolade zebrafellgeschirrtuchmäßig von der Tapetenabschlußkante und gummistiefelte zum Supermarktwäschekorb, bevor es dem gestopften Eichhörnchen wieder tief in die Augen schaute:

      hey, surfin bird …

      Gefällt mir

  10. Hi, habe diesmal die Zeitvorgabe direkt missachtet. Darum ist der Text auch recht lang. Hier ist mal nur ein Teaser, der Rest ist auf meinem Blog:

    LUSTMORD MIT MEERSCHWEINCHEN

    Mauser und Felzhagen können die Sauerei schon auf dem Flur riechen. Als sie die Wohnung betreten, wird der Gestank unerträglich.

    “Eine Messi-Wohnung!”, stöhnt Mauser.

    Auf einem zugemüllten Zebrafell liegt die Frauenleiche. Sie ist nur mit einem T-Shirt bekleidet. Es ist hochgerutscht bis über ihren Nabel. Auf ihrem Bauch und auf ihren Oberschenkeln zeichnen sich blaue Hämatome ab und im Gesicht hat sie rot verkrustete Schnitte, die vom Kinn aus über die Wangen laufen und dann unter einem zusammengerollten Geschirrtuch verschwinden, mit dem ihre Augen verbunden sind. Auch auf ihrer Vagina sind Schnitte.

    weiter

    Gefällt 1 Person

  11. Wortdesaster

    Seit fünf Minuten schob sie tief in Gedanken versunken den Einkaufwagen durch den Supermarkt. Als er die Hoffnung aufgab, dass sie von selbst wieder zurück kam, fragte er nach.
    „Ich suche dieses eine Wort“, murmelte sie, noch immer fern. „Das von letzthin. Das Parkettabschneideranddings.“ Hoffnungsvoll blickte sie auf, er war ihre Rettung.
    Er grinste siegesgewiss. Um den Begriff der Tapetenabschlusskante ging es ihr. Warum sie es sich selbst so schwer machte, wollte er nicht diskutieren.
    „Darum herze ich dich!“, lachte sie erleichtert. „Weil du mein Gehirn verstehst.“
    „Ich liebe dich auch“, gab er ebenso fröhlich zurück.
    Von hinten wurde er im nächsten Moment angerempelt. Ein Jugendlicher stieß ihn gegen das CD-Regal, welches bedenklich wankte.
    „Aufpassen, Junge!“, gab er ernsthaft zurück.
    Der Jugendliche mit Kapuze auf dem Kopf und tief in den Säcken vergrabenen Händen zog daraufhin unwillig die Earpods aus seinen Ohren.
    „Sorry. Ich höre Greenday.“ Das sollte wohl alles erklären.
    „Hier!“, ohne hinzusehen drückte er ihm eine CD aus dem Ständer an die Brust. „Hör was Gescheites.“
    Sie wunderte sich, dass er ihm Ramona, die Schlagersängerin empfahl hatte und der Vorfall war längst vergessen, als er noch lachend darauf bestand, dass es sich um die Ramones gehandelt habe.
    Auf der Einkaufsliste war schließlich das Wichtigste abgehakt.
    „Was noch?“
    „Burschenkekse.“
    Eine Prinzenrolle wurde eingesammelt.
    „Und Bauernkaramellen.“
    Er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurde sie ungeduldig und schlug sich mit den Handballen gegen die Schläfen. Derweil dachte er nach. Ihre Reaktion sagte ihm, dass es ein neues Worträtsel war, eines, das einen etwas größeren Radius erforderte. Das war zu schaffen, dessen war er sich sicher und als sie dann noch den Urlaub erwähnte, hatte er des Rätsels Lösung.
    „Älpler Schokolade!“ Das war eine gar nicht süße Besonderheit, doch es war nahe am Eigentlichen, der Alpenmilch Schokolade.
    Zuhause überließ er ihr die Einkäufe, derweil der die Kaffeetassen vom Morgen in die Spüle räumte.
    Dann schnappte er sich den Wäschekorb und verschwand im Garten. Sobald er sicher gehen konnte, dass sie ihn nicht mehr sah, stellte er den Korb am Boden unter der Wäscheleine ab und tauchte unter dem Geschirrtuch durch, das aufgrund der schwarzweißen Streifen Zebrafell von ihr genannt wurde.
    Hinter dem Schuppen wartete sie wie vereinbart. Energisch schloss er sie in seine Arme und küsste sie. Das Geheimnis machte alles viel intensiver.
    Plötzlich entfuhr ihr ein unkontrolliert lauter Schrei und sie warf die Hände an ihren Kopf.
    „Was war das?“
    Er sah sich um.
    „Ein Nussnager“, sagte er schlicht und ließ sie nicht aus den Augen. „Ein Eichhörnchen. Es ist beinahe zahm und hat wohl einen Abstecher gemacht, um zu sehen, ob es heute etwas zu futtern gibt.“
    „Nussnager“, wiederholte sie langsam.
    „Ja“, hielt er feierlich fest.
    „Und“, sie sah sich um und deutete auf die sonnengebleichten Gummistiefel, die neben dem Schuppen standen, „wie nennst du die?“
    „Regenschuhe.“
    Vom Haus her wurde sein Name gerufen. Nicht sein wirklicher Name, er hieß Werner, aber mit Walter war definitiv er gemeint.
    Er sah hinüber, dann zu seiner Freundin.
    „Ich möchte dir jemanden vorstellen. Bist du bereit ab heute Frederike, Magdalena, Patricia oder Marianna zu heißen?“

    Gefällt 2 Personen

  12. Hallo Mia, hab mir doch wieder ein Herz gefasst. Hier mein zweiter Versuch:

    Künstliche Welt

    Verschlissene Tapetenabschlusskante im verwohnten Raum.

    Ein Wäschekorb voller Erinnerungen mit alten Briefen und Fotos aus einem früheren Leben. Zuerst noch gehütet wie ein Edelstein, der erzählt werden wollte. Jetzt zur Seite geschoben, als wenn jede Geschichte aus alter Zeit weh tun würde.

    Ein verstaubtes Zebrafell als Mitbringsel von einer fernen Reise, deren Spur für den ehemals Reisenden nicht mehr nachzuvollziehen ist.

    Ausflüge in den Supermarkt als besonderes Highlight im tristen Alltag.

    Schlurfende Gummistiefel, die sich über den Flur bewegen. Als Merkmal letzter Selbständigkeit.

    Aus einem Zimmer tönen die Ramones leise aus dem Radio, was irgendwie unpassend wirkt, während bei Kerzenschein der Atem der Bettlägerigen immer dünner wird.

    Ein Stückchen Rasen im Hinterhof, Garten genannt. Im Rollstuhl hinaus geschoben, damit mal frische Luft geatmet werden kann und, wenn die Augen noch halbwegs funktionieren, herumtollende Eichhörnchen zu beobachten sind.

    Im Speisesaal katatonisch wirkende Menschen, denen ein Geschirrtuch umgebunden wurde, als Wäscheschutz und zur Vermeidung zusätzlicher Arbeit.

    Über ihre Kaffeetasse gebeugt mit einem Stückchen Schokolade im Mund hebt die als dement geltende Dame ihren Kopf zu mir und sagt:

    „Das ist doch alles künstlich. Eine künstliche Welt.“

    Gefällt 4 Personen

  13. Das hat Spaß gemacht, vielen Dank. Ich habe 30 Minuten daran gesessen. Nächstes Mal gerne wieder. Ich habe sie verlinkt
    ( http://fieseise.blogspot.de/2014/08/damoklespfutzen.html ), aber auch nochmal hier rein kopiert:

    „Zwischen durchgeweichten Keksen und Salzstangen, finde ich im hintersten Küchenschrank einen Schokoriegel. Ich stecke ihn in meine Tasche und will zurück nach oben, als ich es höre. Etwas klopft gegen die Kellertür. Leise und monoton, aber mit nervenaufreibender Hartnäckigkeit. Die Flut hat den leeren Wäschekorb nach oben getragen und nun schwemmt sie ihn ins Wohnzimmer. Nach den Ratten, den Spinnen und dem Eichhörnchen, das uns beide überraschte, der letzte Flüchtling und ich trage ihn zu dir in den ersten Stock. Du hast viel in dieses Haus investiert. Genug Zeit, Schweiß und Blut, um es zu einem Teil von dir zu machen. Winzig, verschroben und uralt war es auf den ersten Blick meine Liebe, aber es wurde deine Leidenschaft. Nun liegt es im Sterben. Vorgestern gesellte sich Sturm zum Regen und deckte Teile des Daches ab. Jetzt kommt das Wasser nicht mehr nur von unten. Eimer, Töpfe, sogar Kaffeetassen stehen auf dem Speicher, um das Schlimmste hinauszuzögern. Mit dem Ausleeren wechseln wir uns ab, aber während der letzten Nachtschicht bist du eingeschlafen und obwohl ich unsere letzten trockenen Geschirrtücher benutzt habe, um das übergelaufene Wasser aufzuwischen, vergrößern sich die feuchten Kreise an unserer Schlafzimmerdecke weiter. Damoklespfützen. Nichts wird mehr richtig trocken, die Luft ist feucht und kühl. „Klamm ist das neue Schwarz“, lächelst du und reibst die wunden Stellen an meinen Füßen mit Salbe ein. Merkwürdig, dass etwas gleichzeitig nässen und brennen kann. Es war dumm von mir, ohne Socken in die Gummistiefel zu schlüpfen, aber du bist nicht wütend. Ich bin es ständig. Wütend auf das nie abbrechende Geräusch tropfenden Wassers, die wellige Tapetenabschlusskante, das schimmelnde Brot, am meisten aber über deine Entscheidung, hierzubleiben. Nicht zu gehen an dem Tag, an dem der Supermarkt schloss und die meisten Bewohner dieses Ortes vor dem steigenden Wasser flohen. es ist zu spät. Wir sind eingeschlossen, gefangen auf der kleiner werdenden Insel, gefangen mit dem Wasser, den Tieren und miteinander. Dir scheint es egal, du hast dich ergeben, ein Verhalten, das mir so fremd ist, wie der Bart in deinem Gesicht. Leises Grollen, eine sanfte Erschütterung. Das Fundament ist durchgeweicht, nachgiebig. Putz rieselt auf uns herab bevor ein Riss in der Decke erscheint. Wir müssen das Schlafzimmer aufgeben. Du hast es bereits voraus gesehen und alles Wertvolle ins Arbeitszimmer geschafft. Photoalben, Dokumente, die kleineren Möbel und meine Plattensammlung, alles thront auf dem hässlichen Zebrafell, das du von deinem Vater geerbt hast. Du kletterst auf Dach, um den Schaden zu begutachten. Ich suche mir einen Platz zwischen dem Gerümpel und gehe die Platten durch. Cassandra Complex, die Pixies, die Ramones. Seit einer Woche haben wir keinen Strom mehr und mit den Batterien gehen wir sparsam um. Das Radio schalten wir zur vollen Stunde ein, noch immer hoffnungsfroh. Anfangs waren wir genervt von den immer gleichen Ansagen. Aufmunterungsversuche, Durchalteparolen, sinnlos. Seitdem nur noch Rauschen zu hören ist, sehne ich sie herbei. Auch mit den Kerzen müssen wir sparsam sein. Die Nächte ziehen sich. Schlafen fällt schwer, wir sind immer erschöpft aber niemals müde und es gibt nichts zu tun. Schweigen gräbt sich ein. Dazwischen halbherziges Ficken. Körper, Herz, Seele. Alles schwindet. Ich ziehe den Riegel aus meiner Tasche, weiß, dass ich ihn teilen sollte, aber sobald er ausgepackt ist, vermag ich es nicht mehr. Ein Rumpeln, dann deine Stimme. Leise durch den Sturm, aber etwas macht sie laut und schrill. Ich liege auf dem Fell, der Geschmack der Schokolade ist überwältigend, die lange vergessene Süße nimmt einen Großteil meiner Wahrnehmung in Anspruch, sodass ich nicht bemerke, wie du verstummst.“

    Gefällt 3 Personen

    1. Boar! Das ist mal richtig brutal klaustrophobisch, wundervoll vielschichtig und fies metaphorisch!! Ou Mann, sowas liebe ich ja…wenn das in Buchform erhältlich wäre, ich würds jedem aus der Hand reißen!! BITTE MEHR, BITTE!!

      Gefällt mir

    2. Erstaunlich, auf was für außergewöhnliche Geschichten manche hier gekommen sind!
      Das hier ist ganz groß, viel Atmosphäre kommt u.a. allein durch den nüchternen Satzbau zur Geltung, genauso wie eine langsame Abfindung mit der Situation.

      Das wäre wirklich eine gute Idee für ein Buch! 🙂

      Gefällt 1 Person

  14. Pingback: theresa link
  15. Oh mein Gott!!!
    Aber ich hatte Spaß 😀
    Gehetzt betrat sie den Supermarkt. Sie brauchte dringend ein Geschirrhandtuch, oder besser zehn davon. Außerdem einen Wäschekorb. Auf dem Weg zur Kasse, ergatterte sie noch Gummistiefel aus dem Sonderangebot. Die fielen bestimmt nicht durch. Sie musste wirklich lernen, sich zu beherrschen. So ging es nicht weiter.Als sie mit ihrem Einkauf die Wohnung betrat, schlug ihr der metallische Geruch von Blut in die Nase und der Zerberus in ihr begann gierig zu knurren. Sie betrat das Wohnzimmer und sah die Sauerei, die ihr wahres Ich hinterlassen hatte. Das Blut stand bis zur Tapetenabschlusskante und mitten im Raum lag alles, was von ihrem Raubzug übrig war. Ein Zebrafell. Sie war also wieder nachts im Zoo gewesen, um den Zerberus in sich zu befriedigen. Nicht lange und sie musste wieder mal umziehen.Zur Musik der Ramones begann sie, die Gummistiefel an den Füßen, die Spuren des Schlachtens zu beseitigen. Immer wieder warf sie die Geschirrtücher ins Blut, wusch sie in der Badewanne aus, um wieder und wieder das Blut damit aufzunehmen. Es war schon dabei zu gerinnen, so mochte der Zerberus es nicht mehr.Als sie gegen Abend endlich fertig war, warf sie die Geschirrtücher und das Zebrafell in den Wäschekorb und wartete auf die Dunkelheit.Auf dem Fensterbrett saß ein Eichhörnchen. Sie spürte, sie musste dem Zerberus nachgeben. Blitzschnell griff sie das putzige Tierchen, riss ihm den Kopf ab und ließ das warme Blut in eine Kaffeetasse laufen. Das ganze garnierte sie mit etwas geraspelter Schokolade.“Als Belohnung, für die erledigte Arbeit“, knurrte der Zerberus in ihr, und stürzte die seltsame Mischung hinunter. Würde sie jemand beobachten, er sähe eine zarte Frau, die Abends ihren Tee trinkt.Sie wusste, das musste irgendwann ein Ende haben, wollte sie ein echter Mensch werden.Mit dem Wäschekorb, beladen mit den Geschirrtüchern und dem Zebrafell (nicht mal die Knochen waren übrig geblieben), schlich sie, immer noch die Gummistiefel tragend, in den Garten. Sie griff sich noch die Schaufel aus dem Keller und vergrub alles fein säuberlich unter der alten Buche.Nur gut, dass sie alleine auf dem großen Anwesen wohnte…

    Gefällt 4 Personen

  16. Das ist mein allererster Versuch. Bitte seid nachsichtig mit mir 😉 das geht bestimmt noch besser. Gar nicht so einfach:
    ______________________________________________________________________

    Gedankenverloren seufzte sie tief, während sie mit dem Geschirrtuch die Kaffeetasse trocken wischte. Sie griff nach ihrer Jacke, nahm die Handtasche und verlies die Wohnung. Frische Luft, das tut bestimmt gut. Abschalten, die Gedanken vergessen. Die Parkbank ist marode und es sind nur wenige Menschen unterwegs. Macht nichts. Bei dem Wetter traut sich eh kaum einer raus. Regen. Hätte sie doch nur die Gummistiefel angezogen. Die Schuhe werden total dreckig sein. Egal. Ein Eichhörnchen hüpft an ihr vorbei und bleibt vor ihr stehen. Sie kramt in ihrer Tasche und findet nur noch das Papier eines Schokoriegels. „Ich muss noch einkaufen“ sagt sie. Das Eichhörnchen schaut sie verwirrt an und hüpft davon. Auf dem Weg zum Supermarkt fällt ihr ein, dass sie den Geldbeuels zu Hause liegen lassen hat. Also doch wieder zurück, in die Wohnung, in die Enge. Der Geldbeutel ist nicht zu finden. Sie sucht überall, in allen Ecken. Da liegt noch ein altes Ramones T-Shirt, direkt an der Tapetenabschlusskante. Sie hebt es auf und wirft es in den Wäschekorb, aber nein, dort ist es auch nicht. Frustriert will sie schon aufgeben und stolpert über den Teppich mit dem Zebrafellmuster. Wie ist es dorthin gekommen? Wie dem auch sie…die greift danach, steckt es in die Tasche und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

    Gefällt 3 Personen

  17. Ich hab mir das Schreiben für heute morgen aufgespart.. 🙂
    Was in zwanzig Minuten dabei heraus kam, ist das:
    Da saß sie nun in ihrem ausgeleierten Ramones Shirt mit ihrer leeren Kaffeetasse.
    Draußen regnete es unaufhörlich und sie dachte an ihn. Unaufhörlich spukte er ihr durch den Kopf. Wie glücklich sie gewesen waren.
    Wie intensiv ihre Liebe gewesen war, wie harmonisch die Beziehung, wie großartig der Sex.
    Sie hatten sich in jeglichen Bereichen ergänzt und sie hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

    Trübsinnig starrte sie vor sich hin. Sie hatte keine Kraft mehr, fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Gleichzeitig brodelte in ihr eine unbändige Wut, giftiger Hass, der ihr die Kehle heraufkroch. Ihr Herz fing an zu rasen,, die aufgestauten Aggressionen gewannen an Kraft. Sie presste sich das Geschirrtuch vor den Mund und schrie. Laut. Sie schrie alles aus sich heraus, was sie innerlich aufzufressen drohte und warf im letzten befreienden Akt die grüne Kaffeetasse gegen die Wand.
    Es blieben Scherben und hässliche Kaffeetropfen, die im Rinnsal die Wand herunterliefen und sich bei der aufgerollten, losgelösten Tapetenabschlusskante trafen um dort zu einem hässlichen Fleck zu verschmelzen.

    Sie musste hier raus. Sie brauchte Luft, frische, kühle, reinigende Luft.
    Und Schokolade.
    Sie stieg in ihre Gummistiefel und stapfte zum Supermarkt um die Ecke.
    Normalität sehen. Es fühlte sich seltsam an.
    Die Leute musterten sie aus den Augenwinkeln, aber es war ihr egal.
    Sie nahm die Schokolade, bezahlte und ging zurück in ihre Wohnung.
    Dort viel ihr Blick auf dieses dämliche Zebrafell. Das und ein halbvoller Wäschekorb mit Klamotten, war alles was von ihm geblieben war.

    Gefällt 6 Personen

  18. Hat dies auf Das Chaos im Kopf.. rebloggt und kommentierte:
    So, ich habs auch wieder versucht, in 30 Minuten und ein bisschen chaotisch, ich hoffe ich habe alle Wörter..
    ______________
    Es ist die Vorfreude, die Anspannung und auch der Organisationsstress, der jedes Festival unvergesslich macht. Wenn erstmal die Karten bestellt sind, dann kanns schon fast los gehen. Auch dieses Jahr ist es wieder so weit, die Vorfreude ist groß und das Festival zum Glück klein. Sie fragt sich die ganze Zeit ob sie die Gummistiefel wirklich braucht, grundsätzlich bestimmt, aber igendwie werden sie doch sowieso wieder ungetragen mit zurück nach Hause kommen. Und dann stehen sie wieder da, neben den Wäschekörbe stinkender, bierdurchdrängter und komplett matschiger Wäsche und sind traurig, dass sie noch nie ausgeführt wurden. Ok, eine Enscheidung muss her, soll sie den Gummistiefeln und sich noch eine Chance geben? Nein, die roten Gummistiefel bleiben jetzt endgültig zu Hause. Kein unnötiger Ballast. Die Vorbereitungen sind immer der schlimmste Punkt, was soll alles mit und was wird vor Ort im überteuerten Supermarkt gekauft. Letztes Jahr hatte sie tatsächlich eine Kaffetasse vergessen. In Plastikbechen Kaffee trinken ist nicht so die allerbeste Idee. Ja, das mit dem steigenden Bierkonsum die logischen Abläufe und Entscheidungen schwerer fallen ist wahrscheinlich auch keine ganz neue Lebensweißheit. Aber gut, so ist sie eben, Kaffe ist ein lebensnotweniges Getränk, eigentlich das beste Getränk. Manche bösen Zungen behaupten ja, dass sie in Notsituationen das Kaffeepulver essen würde – eine bloße Vermutung. Zum Glück beschränkt sich ihr Suchtverhalten auf Kaffee, Zigaretten und Schokolade, es wäre nicht auszumalen wie extrem das mit anderen Süchten wäre.
    Also muss die Kaffeetasse als erste mit, die Gummistiefel sind ja gestrichen und das Ramones T-Shirt ist auch schon eingepackt. Es ist so ein schöner Spaß dieses T-Shirt einfach immer wieder anzuziehen. Ihre Freunde nenne sie fast alle Ramones und durch das Shirt bleibt sie bei neuen Menschen ein bisschen besser im Kopf. Lange hat sie sich geweigert ein Shirt mit IHREM Namen zu tragen, aber igendwann war es dann doch an der Zeit. Ramones mit dem Ramonesshirt. Naja, so kann sie wenigstens nicht ihren Namen vergessen.
    Was auch noch mitkommt ist natürlich Besteck, ein Teller, Spüli und ein Geschirrtuch. Ramones neigt auch in betrunkenen Festivalsituationen zu einer minimalistischen aber vorhandenen Sauberkeit, auch aus dieser Rolle kann sie nicht raus. Ganz im Sinne ihrer Erziehung, und vorletztes Jahr waren die Geschirrtücher auch als Outfitverbesserung ganz gut. Der Spaß sich die karrierten Tücher an die Gürtelschlaufe zu binden, wie das die Metalposer mit ihren Zebrafellen und Tigertüchern immer tun ,war auch eine ganz nette Abwechlung. Zum Glück ist die Stimmung bei Metalfestivals immer entspannt, doch der Vorschlag, dass man anstatt des Geschirrtuchs auch frisch abgezogenes Eichhörnchenfell nehmen kann war für Ramones, so ganz Tierschützerin, schon eine Spur zu hart. Hoffentlich tut er das nicht wirklich – war nur ihr Gedanke, denn der bierbäuchige Metaller hatte sich schön mit Tapettenabschlusskantenband einen rießigen Penismotiv auf den Bauch kleben lassen und irgendwie sah er auch im Ganzen nicht so wirklich vertrauensvoll aus. Man erlebt ja die seltsamsten Dinge, trifft die interessantesten Menschen und hört die unglaublichsten Geschichten, also warum kein Eichhörnchenmord?
    Vielleicht sollte sie restliche Packen auf später verschieben und es doch erstmal mit einer Packliste versuche..

    Gefällt 3 Personen

  19. Es war das erste Mal, das die adipöse Gertrud ins Schwabenland fuhr. Eigentlich fuhr Gertrud überhaupt das erste Mal irgendwo hin. Sie wohnte beschaulich im Herzen Münchens und ward im Grunde des Lebens froh. Zumindest solange, bis sie an die erste und einzige Begegnung mit Onkel Stanislav dachte. Genervt rollte Gertrud die Augen, bei dem Gedanken an den Onkel, an den sie nur noch vage Kindheitserinnerungen mit sich trug.

    Damals. Als kleines Mädchen, ward der Onkel bei ihnen einmal Weihnachten zu Besuch. Saß stundenlang im Wohnzimmer, qualmte Zigarren, trank Wodka aus der Kaffeetasse, anders war er es nicht gewohnt. Sang völlig schief zu den Ramones, der Lieblingsband ihres Vaters und fraß Gertruds Schokolade einfach achtlos auf, die doch für sie auf ihrem Weihnachtsteller fröhlich lag. Da nun Weihnachten war, brachte Onkel Stanislav voller Stolz Geschenke mit. Ihr Vater bekam majestätisch, ein Zebrafell präsentiert, inklusive der Livestory, wie der Onkel eben jenes Zebra damals auf seiner Safaritour mit bloßen Händen selbst erlegte.

    Gertrud machte große Augen. Sah ihren Onkel hoch auf dem Zebra durch die Savanne reiten und wie sich seine Arme fest um des Zebras breiten Halse legten.

    Ihre Mutter bekam einen dreißiger Pack Geschirrtücher. Made in Moskau, feinst gewebt aus Eichhörnchenwolle, wie er stolz berichtet. Ein wertvolles Produkt, patentiert von einer Moskauer kleinen Weberei. Sagt Onkel Stanislav. Gertrud machte große Augen. Sieht Berge voller Eichhörnchenfelle auf den Tischen der Moskauer Weberinnen liegen.

    Gertrud selber bekommt zwei Paar Gummistiefel. Einmal in pink und einmal in schwarz. Stanislav meint, die angesagtesten Farben in Moskau, alle Mädchen die was auf sich halten, tragen diese Gummistiefel. Oben mit gerippten Bündchen. Gertrud sah sich inmitten der Moskauer Schickaria mit ihren pinken Gummistiefeln.

    So war das damals mit Onkel Stanislav. Tragisch war der Abgang von ihm. Grade mitten in seinem gefühlten 25. lyrischen Erguß nach ca 35 Tassen Vodka, stand er auf um pinkeln zu gehen. Das Gertrud mal kurz den Wäschekorb, samt ihrer Gummistiefel unglücklich in den Flur stellte, daran erinnerte sie sich für immer. Der Onkel also lauthals poesierend Richtung Bad, stolpert über den Wäschekorb, streift mit dem Arm die erst am Morgen des Heiligenabend fertig gestellte Tapetenabschlusskante und landet bäuchlings auf dem Flurboden. Abgefedert von der Eisengarderobe links im Flur. Der Vater springt auf Richtung Stanislav, nicht ohne vorher einen kritischen Blick auf die Tapetenabschlusskante zu werfen. Ist sie schließlich sein bestes Stück, welches er jeh geklebt hat.

    Hilft dem besoffenen Onkel auf, drückt ihm eines von Muttis neuen Geschirrtüchern aus Eichhornfaden auf die blutende Stirn und begleitet ihn mit einer Entschuldigungstirade ins Bad. Anschließend darf Onkel Stanislav in Gertruds Bett schlafen, während sie die Nacht auf dem Sofa verbringen muss. Nicht ohne sehnsüchtige Gedanken, an den Supermarkt übermorgen, um ihren aufgefressenen Schokiweihnachtsteller wieder aufzufüllen.

    Ja, so war das damals, mit dem Onkel Stanislav. Und nun muss sie zu ihm ins Schwabenland. Oder besser gesagt, auf seine Beerdigung. Denn zu jener Zeit, kurz nach der Abreise bei ihnen, traf er die junge Babette auf der Rückreise und verliebte sich unsterblich in sie. Und da sie eine Zwergziegengroßmolkerei, mit hauseigener Ziegenmilchschnapsbrennerei im Schwabendland besaß, fackelte er nicht lange und brach seine Zelte in Moskau ab, um für immer bei seiner holden Babette zu bleiben. Eines Tages verstarb er dann. Er wurde in der Brennerrei, umgeben von nicht mehr zählbaren Kaffeetassen auf dem Boden aufgefunden. Todesursache unbekannt.

    (30 Minuten Geschrieben, ich gebs zu…)

    Gefällt 7 Personen

    1. Arme adipöse Gertrud. Wieder ein traumatisiertes Kind. Klasse Geschichte!! Eichhornfaden und Ziegenmilchschnapsbrennerei…auf sowas kommt nur Frau Ahnungslos, echt! *lach*

      Gefällt mir

  20. Sie fuhr mit dem Zeigefinger an der Tapetenabschlusskante entlang. Es beruhigte sie. Die Gedanken konnten fließen, es war, als gäbe sie ihnen eine Richtung vor, eine Richtung, geradeaus, glatt nicht, glatt sollte es nicht sein, aber die Gedanken sollten eine Richtung bekommen und so schritt sie an der Wand entlang, mit dem linken Zeigefinger an der Wand entlang. “Robert”, flüsterte sie währenddessen, “Robert”. Roberts Gummistiefel standen noch im Flur. Sie hatte sie noch nicht rausstellen können, es ging nicht. Als ginge er noch in ihnen, gleich hinter ihr her, an der Tapete entlang, Robert in ihrem Windschatten, im selben Tempo wie sie, ging er hinter ihr und sie spürte seinen Atem, so nah, dass sie sich umdrehte, doch da war niemand, da war niemand außer ihr selbst. Sie seufzte, legte ihren Finger wieder an die Tapetenkante und ging weiter, Schritt für Schritt immer wieder an der Wand entlang, als würde sie so zu Antworten kommen, als wäre sie in die Tapete eingewoben, die Antwort auf die Frage, was mit Robert los gewesen war. Das Fenster stand offen, die Hitze des Augusts drang in das leere Zimmer, in dem sie mit Robert so oft gesessen, gegessen, gestanden, gelegen und gesprochen hatte. In dem sie sich geliebt hatten, gestritten hatten. In dem sie eins waren und zwei, in dem sie ein Wir waren. Als er noch da war. Das Fenster stand offen, Elfie sah, wie ein Eichhörnchen den dicken Ast hochrannte, immer weiter nach oben, trippelte es flink nach oben und sie lächelte, ohne zu wissen warum und dann ging sie wieder weiter, immer weiter an der Tapetenkante entlang und wie so oft hörte der Typ von nebenan die Ramones, sie mochte die Band nicht, aber Robert hatte sie gemocht, deshalb hatte sie aufhört das Fenster zu schließen, wie sie es früher gemacht hatte, weil Robert die Ramones mochte und dann immer so glücklich aussah, das wollte sie auch jetzt, sehen und hören, die Ramones und dazu das glückliche Gesicht von Robert, der jetzt nicht mehr hier war. Die Schokolade, die auf der Fensterbank lag, schmolz und ergoß sich im Zeitlupentempo über das dünne Stanniolpapier. Noisette, Roberts Lieblingsschokolade, dieses Zimmer ist wie ein Museum, dachte Elfie, wie ein Museum der Erinnerungen. Da die Musik, da die Schokolade, da ihre Erinnerung, die voller Roberts war, Robert im Bett, Robert im Supermarkt zwischen den Regalen, Robert mit dem Wäschekorb vor der Tür, Robert mit dem Geschirrtuch in der Hand. Elfie ging in die Küche. Auf dem Tisch standen noch beide Kaffeetassen. Der Kaffee war ungetrunken in den Tassen geblieben, sie hätte es sich sparen können, wie so manches man sich sparen könnte, dachte sie, wüsste man vorher, was draus wird. Aus ihnen war etwas geworden, ein Paar, kein Besonderes, ein Durchschnittspaar mit einer Durchschnittsliebe mehr nicht, aus den anfänglichen Träumen war ein Trümmerhaufen entstanden, ein Trümmerhaufen voller gemeiner Worte und schweigen, den sie gemeinsam zusammengefegt und weggeräumt hatten, Robert und sie. Und Elfie, Elfie wollte sie auch nicht mehr heißen, sie wollte alles und nichts mehr behalten, es tat zu sehr weh. Elfie, so hatte er sie immer genannt, dabei hieß sie Elvira, aber er hatte gesagt: Du bist wie eine Elfe, ich nenne dich Elfie, wenn ich darf. Und sie hatte genickt, damals, vor zwei Jahren auf dem Reggaefestival am See. Und jetzt war er weg, hatte sie allein gelassen, mit allem, mit ihren Fragen und all den Fragen der anderen, die kommen würden und sagen: Aber du kanntest ihn doch gut, du musst doch wissen warum. Aber sie wusste es nicht, sie wusste nicht, warum er es getan hatte, warum er nicht gesagt hatte Elfie, das war es jetzt, nicht angekündigt, gar nichts. Er hatte nichts gesagt, er war gegangen, war vorher noch auf dem Zebrafell im Flur herumgesprungen und hatte albern gelacht, als wäre nichts Besonderes und dann war er verschwunden. Im See hatten sie ihn gefunden, dabei war er ein guter Schwimmer, mit einem schweren Stein am Fuß. Ohne Erklärung, ohne einen Abschiedskuss, ohne Hoffnung, ohne Abschiedsworte für sie, kein Brief, nirgends. Sie hatte die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, hinterher. Alles umgekrempelt, alle Bücher aufgeblättert, zwischen den Handtüchern gesucht, bis sie irgendwann erschöpft und weinend zusammengebrochen war mit der Erkenntnis, dass er den Brief irgendwo offen hingelegt hätte, hätte er einen geschrieben für sie und nicht versteckt, als wäre es ein Osterei. Sie ging wieder in das leere Zimmer. Sie fuhr mit dem Zeigefinger an der Tapetenabschlusskante entlang. Es beruhigte sie. Und vielleicht würde sie Antworten auf die Fragen finden, ihre eigenen und die der anderen, irgendwann.

    © mp

    Gefällt 6 Personen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s