Wahrnehmung – Hans guck in die Luft goes on

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Seit meinem „Back to the Hans guck in die Luft Revival“ nehme ich meine Umwelt doch um einiges klarer wahr als sonst. Nicht das ich fast immer Ohrstöpsel dabei habe und mein musikalisches Gusto mich eh täglich begleitet. Zwischendurch war mein Blick dennoch auf das kleine leuchtende Display gesenkt. Ich gestehe. Derzeit lass ich allerdings auch die raus, denn die Wahrnehmung der Umwelt ist so um einiges klarer und gefällt mir. (Meistens)

Morgens um halb acht in der Bank. Drei Personen vor mir. Es dauert. Und dauert. Am Automat ein alter Mann. Seine Augen sind fast komplett im Bildschirm verschwunden. Drei Schritte auf ihn zu und ein freundliches Hilfsangebot meinerseits nimmt er dankend an. Seine Fingernägel uneben und gelb, weitaus länger als die der Supermarktverkäuferin – Gruselkindheitserinnerung, nur nicht aus Plastik und ohne Blingbling. Sein Atem spiegelt eine lange Nacht mit viel Fusel wieder. Gemeinsam mit ihm drücke ich die richtigen Knöpfe, mehr als 20 Euro spuckt ihm der Automat doch nicht aus. Verabschiede mich freundlich und kehre in meine Reihe. Ein ungutes und selbst schon erlebtes Gefühl macht sich breit. Nichts von den Dingen, die ich nochmal erleben möchte. Aber man weiß ja nie.

Ein wenig später treffe ich sie. Wie jeden Morgen im Park am Entenfüttern. Sie kommt täglich. Ihr Tagesrhythmus braucht wohl genauso die Stille am See wie meiner. Sie wird an die 80 Jahre alt sein. Sehr zierlich und ihre Kleidung ist um einiges zu groß. Vertraut sammeln sich die Enten um sie. Heute jedoch sammelt sich mehr noch als sonst, eine Riesenschar Möwen zusätzlich um die alte Frau. Seit die Möwen unsere Vorstadt als Massenbrutstation erkoren haben, ist die Möwenmigrationsrate immens gestiegen und sie fühlen sich hier augenscheinlich sehr wohl. Sollen sie. Ich mag sie. Und sie geben mir immer das sichere Gefühl nicht weit weg vom geliebten Meer zu sein.

Die alte Dame versucht immer wieder die aufdringlichen weißen Vögel zu vertreiben. Diese scheinen ihr weniger ans Herz gewachsen zu sein als die Enten.

Ihre Hände zittern und ihr Kiefer ebenso. Sie kann ihn nicht kontrollieren und er geht auf und zu. Auf und zu. Auf und zu. Ich denk an den alten Mann vor wenigen Minuten. Beobachte noch eine Weile die alte Dame. Hole doch die Ohrstöpsel raus und dreh für das letzte Stück in mein Office Metallica noch ein wenig lauter als sonst…

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13 Kommentare

  1. Metallica?! Wie wärs mal mit Apolyptica?! *g*

    Sehr beeindruckend geschrieben, wieder mal…
    Ich mag deine Art zu schreiben…

    Nun ja, wir alle werden alt, es ist der Lauf der Dinge, liebe Mia, in einigen Jahren wird eine andere junge Frau dich dort sehen und dann über dich schreiben…

    Mono no aware, so nennen das die japanischen Menschen…

    Herzliche Grüße zu dir von mir, Lu

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    1. Lieber Lu, freut mich immer sehr von dir zu lesen und deine wohlwollenden Zeilen zu empfangen. Danke dafür sehr 🙂

      Ja.. du hast recht damit. Eines Tages steh ich da vielleicht und fütter die zauberhaften kleinen Watschelvögel mit Knopfaugen.
      Mein Blick auf die alte Gesellschaft dieses Landes ist nur so häufig von Trauer begleitet. Diese so häufig antreffende Einsamkeit. Verbitterung. Die macht mir Sorgen.
      Kennst du noch diesen Spruch, den so viele Menschen daheim hörten :“ solange du die Füße unter meinem Tisch hast!“ ? Und irgendwann hat der Nachwuchs sie nicht mehr dort und ist komplett häufig raus. Aus 1001 Grund. Manchmal möcht ich mit einer Lampe abends, wenn ich die letzte Runde mit dem Hund gehe , die Wände durchleuchten. Möchte nicht wissen, wie viele einsame Menschen hinter diesen Wänden sitzen.
      Schlimm….So dieses Altern in Würde fehlt mir sichtbar so häufig.

      Mono no aware.. klingt allerdings wiederum schön 🙂

      Ganz herzliche Grüße auch von mir persönlich zu dir und einen wunderschönen Resttag für dich.
      Mia

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      1. Nun ja, liebe Mia, ich wollte dir mit meinem kurzen Verweis auf das mono no aware mitteilen, dass du dir eben gerade keine Sorgen machen solltest, denn wer sehr alt werden will, muss auch leiden können (lernen), weil es sozusagen systemimmanent dazu gehört…
        Es ist ja niemand verpflichtet so lange zu leben, bis das Dasein nur noch aus Qualen besteht…
        Aber das ist eines der größten Probleme unserer Zeit, niemand will mehr loslassen…
        Dir einen schönen Tag!
        Herzlich
        Lu

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      2. Schon recht lieber Lu, aber das Alter, in dem Mensch schon völlig vereinsamt lebt, kann auch noch ein wenig jünger sein, um sofort den Löffel abgeben zu wollen 😀
        Aber ich weiß was du meinst. Ich persönlich mach mir über mein eigenes Altern weniger Gedanken. Lebe doch in einem großen Umfeld und seh mich höchstens irgendwann in irgend ner Alten WG mit schicken jungen Krankenpflegern und Gärtner. (Oder so ähnlich 😀 )
        Dir auch einen schönen Tag mit viel Sonne, Mia

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