Wenn der Postmann freundlich lächelt

„Gern geschehen und einen schönen Tag für Sie“. Verstohlen lächelnd blickte er der jungen Frau nach, während diese das leichte, wenn auch unhandliche Paket aus der Postfiliale trug. Er achtete dabei nicht auf die lange Schlange die sich durch die ganze Post zog. Kein Tag und keine Stunde, das nicht Unmengen in seiner Schlange standen, um ihren Postverkehr in seine Hände zu legen. Am Anfang seiner Postschalter Karriere gab er sich noch Mühe, die Kunden schnell und freundlich zu bedienen. Aber das war schon lange nicht mehr so. Und in diese, Augenblick waren seine Gedanken waren bei ihr und nicht bei der wartenden Kundschaft.
Noch vier Stunden. Vier lange Stunden in denen er immer mal wieder auf den Durchschlag ihres Paketbeleges schielte, den er sich still beiseite legte und weiterhin mit seinen dürren klapprigen Händen Briefchen und Pakete entgegen nahm. Briefmarken aushändigte in einem langsamen monotonen Rhythmus. Er tat alles langsam, konnte und wollte nicht schneller. Das ließ sich nicht ändern und war auch egal.
Menschen waren ihm meist fremd und ängstigten ihn. Schon seit dem er denken kann ging er ihnen aus dem Weg. Kinder hänselten ihn, sie fanden ihn irgendwie komisch. Dürr und sehr hellhäutig war er. Bleich und fahl. Saß in der Schule immer ganz hinten und während der Pausen verließ er in den seltensten Fällen den Klassenraum. Saß an seinem Platz, aß das liebevolle Lunchpaket seiner Mama und dachte an Mandy. Mandy seit der ersten Klasse in seiner Nähe, und Mandy war schön. Schön und lebensfroh. Beliebt und heiter. Gott wie er sie dafür bewunderte. Manchmal hatte er Glück und er war ganz alleine im Raum. So unscheinbar, dass es dem Lehrer hin und wieder nicht auffiel und dieser einfach ging und die Tür hinter sich verschloss. Dann ging er zu Mandys Platz. Roch an ihrer Schultasche. An ihren Blättern und an ihrer Jacke. Sofern sie diese nichtsahnend als Geschenk für ihn im Raum zurück ließ. Manchmal schob er sich die Blätter unter sein Shirt und fühlte sich ihr ganz nah. Ihre Tinte, ihre Schrift an seiner hageren mit bläulichen Adern durchzogener Brust. Dieses Mädchen hat er nie vergessen.
Die Frau mit ihrem unhandlichen Paket erinnerte ihn an seine Mandy. Ab und an sah er sie in seiner Post und heute wollte er mal mutig sein. Sich mal was trauen.
Nach Feierabend fuhr er mit seinem klapperigen Auto zu ihrer Adresse. Stellte den Wagen auf der gegenüberliegenden Seite ihres Hauses ab und ließ alles auf sich wirken. Wie sie wohl wohnen würde, fragte er sich. Wie ihr Bett riechen würde. Was sich wohl in ihrem Kühlschrank befindet. Ob sie wohl einen Freund hat. Er musste das alles erfahren. Konnte einfach nicht anders.
Eine kurze Zeit später sah er sie aus dem Haus gehen, direkt auf ihn zu. Sein Herz beschleunigte. Verdammt, sie hat ihn gesehen. Doch sie beachtete sein ebenso unscheinbares Auto nicht und ging dran vorbei, in die hinter ihm liegende Kneipe. Er wartete einen Moment und fuhr nach Hause. Morgen. Ja morgen würde er wieder kommen.
Der folgende Tag war lang. Sehr lang. Frau Rübenfahl-Haake, die wöchentlich kam, immer in der Hoffnung endlich mal etwas zu gewinnen, in irgend einem der unzähligen Rätsel, an denen sie ständig teilnahm, redete heute noch mehr als sonst und übersah dickhäutig und frech wie immer, seine ablehnende Haltung.
Er sah sie lächelnd an, stellte sich vor wie er ihr mitten in ihren plappernden Mund schoss, und sich das Rot über die an der langen Schlange stehenden Menschen musterartig verteilte. “Auf Wiedersehen Frau Rübenfahl-Haake” verabschiedete er sich und sah ihr nach.

Teil 1

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11 Kommentare

  1. Pingback: Der Postmann
      1. Stimmt.Dieses Spiel schaut wohl jeder an.
        Begnadete Autoren klingt toll. Oder um Frau Knobloch zu zitieren. Fetzt.‘
        Schönen Sonntag wünsche ich dir und ich bin gern dabei.Herzlich,Arabella

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