Das heilige Band

Vielleicht gibt es nur ein einziges fest verwebtes Band auf der Welt für je zwei Menschen. Ein Band welches zwischen zwei Liebenden aus feinen Titanfäden beginnt sich selbst zu spinnen, mit jedem Tag und jeder Stunde fester wird, auf ganz natürlich unnatürlicher Art und Weise. Jedes Ereignis spinnt weitere fein unsichtbar silbrigfarbene Fäden dazu und macht diese Verbindung zu etwas ganz besonderem. Da denkt der eine an den anderen zur selben Zeit. Da fühlst du die Freude und die Traurigkeit des anderen so sehr, das dir die Tränen in die Augen steigen. Da gibt es nichts was du vom anderen nicht weißt und andersherum ist es genauso.
Du teilst dir eine kleine Wanne über Stunden und musst mindestens 10 Mal das Wasser nachfüllen, weil keiner aussteigen will. Da liegst du mit Chips und Cola auf dem Sofa, schaust einen Film nach dem anderen, kuschelst, liebst dich, krümelst herum. Machst alles zusammen, weils einfach Spaß macht. Da macht dir die Freude des anderen mehr Spaß als deine Eigene. Du kannst sein wie du bist und nimmst den anderen einfach so wie er ist. Du fühlst dich so sicher. Im Glücklichsein, im Traurigsein, im Schönsein, im Hässlichsein. Ein so tiefes verwurzeltes Vertrauen, welches durch kleine und größe Ereignisse und Unereignisse stetig wächst. Du bist nie einsam im Herzen, denn es wird gemeinsam bewohnt.

Bis zu dem Moment, in dem schleichend die ersten Verletzungen auftreten. Widrige Umstände nehmen die Leichtigkeit, du merkst es nicht. Schiebst es beiseite. Zumindest machen das Menschen gerne, die lieber in Harmonie leben. Diese Menschen schieben gern beiseite. Sie schlucken dies und das, jahrelang. Messen der Wertigkeit von kleinen Verletzung keine hohe Bedeutung. Zumal manchmal Verletzungen nicht aus dem Willen heraus entstehen, sondern einfach den Umständen entsprechend unvermeidbar sind.
Haarfeine Narben entstehen. Unbemerkt. Genau an den Stellen, wo eine unsichtbare große Schere anfängt hier und da an den Titanwurzeln einen Faden nach dem nächsten Abzukappen.

Und eines Tages stehst du da. Schaust dich um. Merkst das dein Herz nicht mehr gemeinsam bewohnt wird. Das du nicht mehr deine Gedanken teilen kannst. Das sich schleichend langsam Wege trennten. Das der eine dem anderen fremd wurde.
Und eine grenzenlose Traurigkeit befällt dich. Ein schlechtes Gewissen. Eine Wut. Eine Wut darüber, das du den Punkt nicht abgepasst hast. Den elementaren Punkt um das Ruder umzureißen. Aufzuschreien, Halt zu brüllen. Doch es ist zu spät. Unwiderruflich sind die Wurzeln der gemeinsamen Gegenwart gekappt. Und du bist allein.

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27 Kommentare

  1. Ich stimme Herrn guiness44 insoweit zu, dass jegliche auftretende (Soll-)Bruchstellen von beiden Seiten aktiv zu flicken sind. Lässt nur eine Seite nach und nimmt es nicht so wichtig, ist der Bruch kaum noch zu kitten.
    Leider erreicht die Wertschätzumg für das ‚wir sind‘ häufig erst den Höhepunkt, wenn ‚wir gewesen sind‘. Eine Tragik des Menschseins, die wenn überhaupt, dann erst nach schmerzvollen Erlebnissen überwunden wird. Der Mensch neigt leider dazu, die Gegebenheiten als selbstverständlich zu deklarieren, die Schönheit nicht mehr zu erkennen und nach dem potentiell Besseren zu streben oder zu erstarren …

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    1. Das schlimme ist Lars, es kann eine Zeit kommen, da merkt die eine Seite nicht, das, das das wichtig nehmen nach lässt.
      Nehem wir als Beispiel eine Krankheit. Eine Depression. Sie nimmt über Jahre einen hohen Stellenwert ein. Oder sagen wir sie raubt das geistige Beisammensein. Für beide beginnt eine fremde Zeit, für lange. Und eines Tages ist diese schwere Zeit im Griff, doch sie hat ihren Tribut gefordert. Eine Entfremdung. Der die Depression hatte war geistig so gefangen, dazu wollte er den Partner als Beispiel schützen und zieht sich zurück. Der Partner wiederum versucht alles aufzufangen. Über Jahre. Kommt geistig aber nicht mehr an die kranke Person ran.
      Tja und dann kommt der brenzlige Punkt. Das danach. Und der Scherbenhaufen….

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  2. Bin ja selbst ein großer Freund des Band Gedankens. Es muss permanent gewartet werden und zwar von beiden Seiten. Wenn das nicht der Fall ist, dann hält es vielleicht 1-2x und dann ist es durch. Man kann es vielleicht wieder nähen oder schweißen, aber es wird immer eine Sollbruchstelle bleiben.

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    1. Ja, das denke ich auch. Bloß kann es Zeiten geben, da wird nicht gewartet. Oder nur hier und da leise ans Warten erinnert. Das reicht eben nicht. Sehe das auch so. In den meisten Fällen hat die Vase einen Riss und der kann nie wieder ganz repariert werden. Außer einige. Die können das. Die können die Zeit des Schmerzes annehmen, verstehen, verzeihen und sich wieder ganz nahe kommen. Ich kenne übrigens dazu nur ein einziges Paar die das schafften.

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      1. Ich stelle mir das auch ganz schwer vor. Deswegen bin ich ein großer Vertreter von „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Wenn irgendetwas schief geht, dann will ich es nicht wissen. Der- oder diejenige sollen ihr schlechtes Gewissen schön für sich behalten und damit leben. Idealerweise sind es auch die einzigen, die von dem Riss wissen, denn ansonsten ist es wie beim König mit seinen neuen Kleidern. 🙂

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      2. Weißt du lieber Alec, wenn man dennoch nicht alles oder zumindest so wichtiges, wie auch Fehler mit dem Partner teilen kann. Menschen machen nun mal Fehler im Laufe ihres Lebens, dann bleibt dennoch immer irgendwas zwischen ihnen.
        Ich bin dann eher für verstehen und vergeben. Vielleicht sogar auch eine positive Veränderung in der Beziehung. ..
        Herzlichst zum Sonntag
        Mia

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      3. Wenn es ein Allheilmittel geben würde, dann hätten wir all die Probleme nicht. Jeder muss für sich den optimalen Weg finden. Im Nachhinein wird dann feststellen, ob es nicht doch einen besseren oder schlechteren gegeben hätte.

        Vergeben zu können ist eine große Gabe. Ich bewundere Menschen, die das können.

        Dir einen schönen Wochenanfang

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      4. Wäre es nicht fatal, gewählte Wege im Nachhinhein zu bewerten und zu schauen, ob es bessere hätte geben können? Wäre dieses nicht jedes Mal ein eventueller Rückschlag? So stelle ich es mir zumindest vor.
        Was das Vergeben angeht, ich denke, wenn man ganz tief in sich schaut, kann es jeder Mensch. die Fähigkeit ist zumindest irgendwo vergraben, auch wenn du sie in diesem Moment vielleicht nicht siehst.
        Denn häufig verletzen Menschen ja nicht um diesen Effekt mit ihren Handlungen zu haben. Sondern sie Handeln in ihrem Weg, (falsch oder richtig sei dahin gestellt für den Moment) und verletzen durch ihr Tun, da es dem Partner nicht gefällt, oder dieser andere Erwartungen an jenen hat. Hilfe, ein breites Thema und so schwer mal eben in ein paar Sätze richtig zu packen.

        Auch dir einen schönen Wochenanfang mit viel Sonne 🙂

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      5. Denkst Du nicht über vergangene Entscheidungen nach? Ich stimme Dir zu, dass es müßig ist über vergossene Milch zu klagen, aber trotzdem überlege ich was ich hätte anders machen können. Ich lerne daraus für die Zukunft.

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      6. Doch, denke ich. Und wenn auch einige Entscheidungen richtig waren, so werde ich häufig traurig über den gewählten Weg. Das ist immer sehr unschön. Auch ist es unschön vielleicht zu erkennen, was man hätte anders manchen können. Denn es ist unwideruflich zu spät. Auch wenn ich den von dir genannten Lerneffekt sehe, und es ähnlich sehe. Beim nächsten Mal macht man es eben immer alles anders 😉

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      7. Komisch.. mein Kommentar dazu ist weg… verfasse ihn also neu 🙂
        Doch, hin und wieder mache ich das. Auch wenn es mich häufig traurig stimmt und ich das nicht mag. Und klar lernt man dabei, der Blick wird häufig rückblickend schärfer, doch ob man es wirklich beim nächsten Mal anders macht, und ob das dann in dem Fall auch richtig ist, das wäre dahingestellt 🙂
        Du weißt doch sicher noch Alec, am liebsten ist mir eh die Herzentscheidung ganz in rosa 😉

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  3. Dazu muss ich mich einfach noch mal äußern … Diese sanfte Klugheit und Wahrheit von Frau Knoblochs Kommentar unterschreibe ich sofort. Aber erkennen wir die Pseudometallbänder nicht erst hinterher? Und lernen wir dabei nicht für das Titanband?
    Ein schöner, schmerzfühliger Text. Ich danke nochmals sowohl für den Text als auch für den Kommentar.

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    1. Ja, oder man merkt sie irgendwann, mittendrin. Oder hinterher. Weiß auch grad nicht so ganz genau. Ein Fettes philosophisches Thema. Liebe, Verbindungen, Schmerz, Trennung. Und ein jeder hat seine Geschichte dazu….

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  4. Bitte verzeihen Sie mir, falls ich in Wunden herumstochere, das liegt nicht in meiner Absicht. Ihr Text ist schlimmschmerzvoll für jeden, der dies einmal erlebt hat, diesen Zerbröselungsvorgang des gedachten Heiligen Bandes. Jedoch muß ich ein Aber einfügen, ein klitzekleinesmächtigwichtig Aber:
    Das von Ihnen beschriebene Band kann nicht das eine, das aus Titan sein. Es muß ein Pseudometallband gewesen sein, vielleicht sogar nur aus Alufolie zusammengedröselt. Wäre es schon das Titanband, dieses eine, heilige gewesen, es hätte so stark vibiert, daß die Liebenden gewarnt worden wären.
    Wie geschrieben, ich möchte Sie oder andere nicht verletzen mit meinen Worten. Wenn ich dies unfreiwillig tat, bitte ich Sie inständig, diesen Kommentar zu verwerfen. Ich weiß um die Schmerzen einer Trennung, weiß jedoch auch, was danach passieren kann.
    Ich grüße Sie sanftmütig, Ihre Frau Knobloch.

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    1. Oh nein werte Käthe, gern gehen die Gedanken zu diesem Thema auch in andere Richtungen, leuchten hier und da. Vielleicht mit einem doch anderem Fazit dann.
      Und vielleicht war dieses Band wirklich nicht aus Titan sondern aus einem viel empfindlicherem Material.
      20 Jahre sind viel im Nachhinein und vielleicht ist es das Schwierige alte Muster und Gewohnheiten anzulegen. Und so sollte man einer solchen Zeit froh und glücklich rückblickend entgegen schauen. Und sie als wertvolle Zeit mit Abschnitt ansehen.
      Kennen Sie diese Paare, die 50 Jahre gemeinsam waren. Immer schimpfend über den anderen. Schlafend seit 30 Jahren in verschiedenen Räumen. Keine gemeinsamen Gespräche. Und dann stirbt der eine. Außenstehend denkt sich jeder, Mensch, jetzt kann die zurückbleibende Person endlich ihr Leben leben. Endlich frei. Aber nein. Die zweite Person kann das nicht. Hat es nie erlernt und geht an ihrem Kummer siechend ein. Ein merkwürdiges Phänomen, häufig zu beobachten.
      Obwohl ich wirklich fast nur gutes berichten könnte und nicht zu solchen gehöre. Dennoch merke ich, wie schwer doch, auch bei selbst gewähltem Wege, dieser ist. Ungeahnt schwer sogar.
      Herzlichst, heute mit hellrosaroten, leicht gelblichen Bergpfirsichen vergnügende Ihre Frau Ahnungslos. 🙂

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