Lora FSK 17,5

Die Umsetzung der Theorie ist immer noch das schwierigste überhaupt. Am einfachsten kann es sein, wenn man wohl gar nicht drüber nachdenkt, sondern einfach handelt. Es einfach tut. Alles abwägen vorher kann und ist gefährlich. Es ist die Bewusstmachung aller Taten, kann aber auch die Energie für einen Neuanfang sein .

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Wie die Geschichte von Lora Zepan. Sie war eine einsame Frau. Sie lebte alleine in einem der Niemandsland-Viertel, die es in jeder etwas größeren Stadt zu geben scheint. Grau wie überall war es dort. Die Wände lieb- und achtlos von irgendwelchen Sprayern besprüht. Es schien Kult zu sein für die ziellosen Jugendlichen, ihre Markierungen überall zu hinterlassen. Nur hier und da bemerkte Lora ein buntes, mit Herzblut gesprühtes Bild, welches sie an eine der unzähligen Events erinnerte, zu denen sie gerne ging. Damals, als noch alles anders war. Dort wo schöne Frauen mit noch schöneren Bodypainting bemalt umherwackelten um den einen oder anderen Kerl aufreizende Blicke zuzuschmeißen und zum Kauf billiger Porno-Produktionen zu motivieren. Doch Lora, sie würde sich ihren Körper nie bemalen lassen. Das würde sie sich nie trauen, nicht mehr. Sie fristete ihr Leben in ihrem grauen Block, bewohnte ein Einzimmer-Apartment, spärlich eingerichtet, aber es gehörte ihr.

Arbeiten ging sie schon lange nicht mehr. Dafür fehlte ihr die Energie und die Kraft. Irgendwann, kurz nach der Tragödie siechte ihr Lebenswillen unaufhaltsam dahin. Ihrem beschauliches Leben in einem schönen Haus, mit gemütlichen Möbeln und den Goldschmuck ihrer verstorbenen Mutter entledigte sie sich nach und nach. Sie sah keinen Wert mehr in den Dingen und verschenkte und verkaufte nach und nach alles. Es war nichts mehr übrig. Nur noch ein paar Fotoalben die sie an ihr altes Leben erinnerte, achtlos in der untersten Schublade versteckt. Sie wollte nicht mehr dran erinnert werden.

Lora trank viel. Fast täglich. Wie auch gestern Abend. Ob es elf oder zwölf Prosecco waren, das wusste sie nicht mehr. Sie wachte auf und ihr Schädel dröhnte. Es fühlte sich an, als ob ihr Gehirn lose im Kopf schwamm. Ein eckiges Gehirn. Bei der leisesten Bewegung stieß es an irgendeine Kante ihres Oberstübchens und ihre Schädeldecke schmerzte. Sie persönlich fand das ungerecht. Für ihr Empfinden hatte sie wenig getrunken, doch ihr Körper schien es anders zu sehen.

Sie wankte mit glasigen müden Augen aus dem Bett, stieg über die quer im Raum verteilten Kleidungsstücke hinweg. Über ihre Wäsche und die des namenlosen Mannes, den sie gestern Nacht in einer der abgewrackten Kneipen ihres Viertels mit nach Hause nahm. Sie drehte den Kopf und sah diesen schnarchenden ungepflegten Mann in ihrem noch ungepflegterem Schlafzimmer. Ein Ekelgefühl kam in ihr hoch, als sich ein Bild vor ihre Augen schob, Lore kniend, seinen Schwanz im Mund, zwei Kerle mit offener Hose noch daneben. Ihr wird übel.

Der große Zeh verfing sich in ihrem Hüfthalter, während sie ins Bad taumelte. Das kalte Wasser in ihrem Gesicht tat ihren Schmerzen gut. Es tat auch ihrem Kopf wohl, nur ihrem Spiegelbild, dem half das kalte Wasser nicht. Es war kein schöner Anblick. Wie fast an jedem Morgen, in dem ein fahles, starres mit Falten durchzogenes fremdes Etwas sie im Spiegel anstarrte. Billige verschmierte Schminke ließ ihre Augenringe noch dunkler aussehen.
Lange blickte sie sich an. Dachte an den gestrigen Abend, an den Kerl den sie gedankenverloren in dieser schäbigen Kaschemme für ein paar Drinks mit nach Hause nahm. Er war es noch nicht einmal wert.

Doch an diesem Morgen war etwas anders. Sie schaute sich an, sie blickte an sich herab. Betrachtete ihren immer poröser werdenden Körper, blickte auf den noch immer an ihrem Zeh hängenden Hüfthalter und zurück in ihr Gesicht. Warum an dem Morgen, dass kann sie auch im nachhinein nicht sagen. Doch in diesem Augenblick legte sich ein Schalter um. Dieser Moment war der Anfang von Neuem. Sie wusste es muss sich was ändern, sie wollte nicht mehr tristen. Sie wollte zurück. Zurück in ein Leben mit Gänseblümchen. Zurück in ein Leben voll Freude und Sonnenschein. Und jetzt, jetzt sollte es beginnen….

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31 Kommentare

  1. Manche mögen Kurven. Die Welt ist voeller Kurven. Schon der kleine Ärmel. Als er endlich ein Kurvenlineal bekam, war ein Schuljahr fast verloren. Mit dem Bleistift oder einem Kuli Kurven nachziehen schulstundenlang. Das scheint von innen zu kommen. Später auf einem Motorrad. Kurvige Strecken. Das Einswerden mit der Maschine. Nicht das rasante Kurvenschneiden sondern die geschmeidig eleganten Ideallinien finden…
    Am schönsten jedoch, wenn ein Mensch die Kurve kriegt.
    Regengiessende Grüsse vom Schwarzen Berg

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      1. Ach ma chère Madame de Knobloch, wenn wir uns denn dereinst treffen könnte ich Ihnen, so Sie kruvengoutierend lauschen mögen, mitteilen, wie ich einmal erfolgreich die Kurve gekratzt habe ~~~
        Grauhimmligdochherzfreudige Grüsse vom Schwarzen Berg

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      2. Herrjehmitmineh! Jetzt holperspolperte ich über das Kurvenkratzen, erschrak kurz und schalt mich dann töricht, weil wenn der Herr Ärmel die Kurve gekratzt hat, dann bestimmt nach einem verwegenen Streich wider irgendeiner Obrigkeit. Ach, ich kann’s kaum erwarten…

        Liebe Frau Ahnungslos, nur um Sie sachte vorzuwarnen: Der famose Ärmelmann und meineeine sind berüchtigt für unsere Spontanellenlangkommentarketten. Kommt dann der fabulöse Herr Guinness noch hinzu, kann’s schon mal blogsprengerisch werden. Freundlichhinweisende Grüße in den Norden, Ihre Frau Knobloch.

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      3. Haha, werte Frau Knobloch, werter Herr vom schwarzen Berge,
        ich lehne mich gemütlich zurück, bei eine frischen Tasse Kaffee zum, nein nach dem Mittagsmahl – vorsichtshalber am Rande der scharfen Kurven und erfreue mich weiteren poetischen Ergüssen, werter Herrschaften.
        Es grüßt aus dem ebenso regnerischen, doch nicht zu kühlem Norden
        Frau Ahnungslos

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      4. Pardöngsche, der Kaffee ist wohl inzwischen kalt geworden. Ich bringe frischen Minztee mit. Naschwerk habe ich nicht, ich bin keine Süße, eher deftigscharfwürzig. Danke für’s Willkommenseinfühlen, mit Dank, Ihre Frau Knobloch.

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      5. Welch´ reizende Vervollständigung des Wohlgenusses. Für Naschereien, feines Konfekt, süssen Palatschinken und dergleichen Leckereien kann ich gerne sorgen… (Ob deftigscharfwürzig oder sanftsüssschmelzend – ich liebe und geniesse alles zu seiner Zeit) ~~~~

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      6. Alles zu seiner Zeit, richtig, dann bleibt der Genuß ganz ohne Verdruß. Frau Ahnungslos, hatten Sie da nicht letztens diese wunderbaren Rotschwarzpünktchenschmagofatzbeerchen? Sind die schon alle?

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      7. Nach dem gleich folgenden Abendmahl, eingeleitet durch in sauberes Öl eingelegten frischest&kleinstgehackten Knoblauch zu einem ofenwarmen Giabatta, verfolgt von einem scharf angebratenen feinen Rinderfilet und einem ebenso bunten wie frischen Salat würden einige Rotschwarzpünktchenschmagofatzbeerchen sicherlich hervorragend munden begleitet durch einen siebenrabenschwarzen Espresso ~~~
        Jetzt aber nix wie ab in die Kochwerkstatt, der Magen knurrt bedrohlich 😉

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      8. Uik, lieber Herr Ärmel, zum Montag ein solches Tafelwerk aufzutischen…doppeluik. Ich friemelte aus dem Restchen Bonfortionösreis des Sonntags ein feinstaufläufchen mit Spargelgrünspitz, Paprika, Blumenkohl und Schafskäsesesambrotkruste. Nun ist der Kühlknecht aufgeräumt und wir zufrieden. Schönstmontagmorgengrüße, selbstverfreilich auch an die verehrte Gastgeberin. Noch ein Käffchen?

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      9. Vom völlich verreechneten Schwarzen Berch entbiete ich den Damen einen Vollenwundermorgen.
        Ein Käffchen? Schönfeinen Dank, aber ich habe mir gerade einen dampfenden Earl Grey nachgeschenkt. Die Kanne ist bereits geleert, denn die tat Not zur Bewältigung von Routerproblemen. Darob fröhlich gestimmt werde ich mir eine herzallerliebste Mail erneut lesen und bei angelegentlichem Musenkuss etwas dazu schreiben. Mal lesensehen.

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      10. Ein frisch fröhlicher Morgengruß , und mit Bedauern kann ich nur den Leerbestand dieser Früchtchen betätigen. Ich aß sie am Rande der Kurve ohne es zu merken einfach auf. Was für ein Fauxpas. Doch dafür, wie Sie sehen können, gibt es heute ein ebenso wundervoller Gaumenschmaus.
        Es grüßt mit einem Federdeckenschüttelndem Lächeln, Ihre Frau Ahnungslos

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    1. Sehr weise lieber Herr Ärmel, jedem die eigene richtige Kurve. Die doch so häufig für den nächsten die völlig falsche wäre. Was die Mathematik angeht, erinnern sie mich nicht daran. Wie gern würd ich doch immer nicht das Komma einfach streichen. Es würde sie doch so sehr vereinfachen 🙂
      Herzlichste Grüße zurück 🙂

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      1. Ma chère Madame de Knobloch – sollte es schon soweit gekommen sein, andere Blogbetreiber vor uns warnen zu müssen? Sei dem in der Tat so, meinen Sie nicht auch, unsere Silbenwortsatzweberei sollte verstummen. Wir bieten der Ignoranz die Stirn und ziehen desohngeachtet in unserer Kalesche rosenwangig doch kalten Herzens anderer Wege dorthin, wo Wortwohlklangtroubadouren allzeit ein freundliches Willkomm bereitet wird…
        Avec mes salutations plus cordiales: comme toujours, votre Monsieur Aermél (aujourd´hui avec du chapeau, manteau et parapluie)

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      2. Mathematik, Frau Ahnungslos, ist eine Hilfswissenschaft. Auch wenn ich bei ihrer Erlernung oft zusätzlicher wissenschaftlicher Hülfe bedurfte, so vermochte sie es nie, mein Herz auch nur annähernd zu erreichen. Wobei, manche Zeitgenossen hielten mich sicher gerne auch auf Distanz wenn ich mich jener gerne verkannten Übung der Oberstübchenrechnerei bediene, welche schneller aus meinem Kopfe Ergebnisse befördert als manchem die Holperfinger über die Knöpfchen einer mikroelektronischen Recheneinrichtung tippeditappen.
        Verregnetschöne Grüsse (wer hat damit gerechnet) vom Schwarzen Berg

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      3. Mein lieber Herr Aermél , die Frau Ahnungslos hat uns doch schon längst in Ihr Kaffeestübchen und Herz eingeschlossen. Kein Rückzug steht auf dem Plan, nein wortgalloppierend voran, zum Erbauen und Vergnügen der Wortkapriziöse aus dem Norden…

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      4. Chère Madame de Knobloch, ein Anwurf gegen unsere grossartige Gastgeberin lag meinem Sinnen&Trachten fern. Allein als prinzipielle Möglichkeit in der Fährnis der Bloggerwelten drang diese Idee auf mich ein ~~~

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      5. Mit Ihnen würde ich troubadierend alle Wortmeere besegeln, auch die fernwilden, brausenden. Als Warnung statt einer Knochenkreuzschädelflagge kündete aus feinstsilbersilbengeflochtenes Blinkklimperkronkorkchenfähnchen von unserem Buchstabengetümmel.
        Nein, kein Anwurf würde ich Ihnen je unterstellen und Kaltherzigkeit nimmernie. Lächelnde Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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      6. Sie beschämen mich abermalen, hochwertgeschätzte Frau Knobloch. Wer könnte ob solchen Komplimentenvorschusses eines Obligo sich verweigern – ich besteige unsere Brigantine und setze die Segel.
        Mit ebenso feinlächelnden Grüssen gen Lippischnordwest verabschiede ich mich für heute in die Kochwerkstatt: wie stets, Ihr Herr Ärmel

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      7. Ich wünsche besteste Vergelingung, mich deucht, ich könnte bei späterer Bullygenhausamendedeswegeslenkerey die Straße für mich alleine haben. Juchey, Zeit, um rote Anhaltebefehlsknechte zu foppen. Auf bald, mit lautstrahlelachenden Feingrüßen (ich sah einen Grobunfugsgesellen mit seiner Unfugsabbildnereyapparatur und bin entzückt), Ihre Frau Knobloch, zugetan.

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      8. Nicht nur gelungen sondern auch gut gemundet hats… ~~~ …
        Ihre Entzückung verzückt mich – yippiiejeh // bleibt nur, dass die Anhaltebefehlsknechtefopperey erfolgreich lautlachend&singen vonstatten gegangen ist.
        Mit nächtlichem Gruss verabschiedet sich, Ihr Herr Ärmel (jedoch nicht wie mein Modem derzeit von mir, nämlich für immer – mal sehen wann ich mich wieder im Gedärm des Internets tummeln werde…irgendwas iss ja immer)

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      9. Oh werter Ärmel, dabei bin ich doch immer noch dabei sowohl für Sie, als auch für Madame Knobloch einen Gaumenschmaus zu bereiten und zukredenzen. Kommen Sie schnell wieder zurück, sonst wird aus der schönen Beere, doch schnell eine Trockenbeere. Es wäre schade drum…

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      10. Verehrte Frau Ahnungslos, hätten Sie auch nur den Hauch einer Ahnung, wie derlei Gaumenschmauszubereitungsankündigungen auf mein schlichtes Gemüt wirken, und besonders jetzt auf dem Weg bettwärts – – mit André Heller zu fragen „…wie komm´ ich nur durch die Nacht?“
        Nächtlichruhige vom Schwarzen Berg

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      11. Möge Ihnen modemmäßig schnellste Ersatzbeschaffung gelingen, das wünscht, nicht ganz uneigennützig doch immens herzlich, Ihre Frau Knobloch. Ich hörte, Ärmelentzug sei mit heftigsten Nebenwirkungen verbunden…

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      12. Das Glück war mir hold. Gestern nach den ersten Ausfallerscheinungsstörungen und meinen anschliessenden Recherchen im Gedärm des Netzes der Netze war das Schlimmste zu befürchten nicht übertrieben. Allein mit gutem Mute, einer Kanne Earl Grey und kaltherzigem Getippeditappe am frühesten Morgen wurde der Verbindungsknecht erneut reanimiert.
        Somit mögen Sie, meine liebe Frau Knobloch, von jeweden Entzugserscheinungen bewahrt bleiben. Müssig hinzuzufügen, dass auch ich somit verschont bleibe.
        Einen Freudiglächelndgruss vom Schwarzen Berg sendet : wie stets, Ihr Herr Ärmel (Verbindungsknechtbezwinger a.D.)

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      13. Potzblitz, der Herr Ärmel hat viele Vorzüge. Nun ist er auch noch Verbindungsknechtbezwinger. Ich staunlache und freue mich selbstverständlich über diesen Vollsteinsatz zur Verhütung schlimmer Entzugserscheinung. Bravo rufe ich aus Lippischnordwest und verbleibe zugetan, wie immer, die Ihrige.

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    1. Liebe Käthe, zum Glück ist Lore nur eine fiktive Gestalt, aus einem Blick auf eine fremde Frau an der Straßenkreuzung entstanden und ein wenig ähm mit düsteren Gedanken gesponnen.

      Herzlichst zum sonnigen Sonntag,
      Ihre Frau Ahnungslos

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      1. Das ist mir klar, aber ich kenne so viele Loren und Loras, denen haben Sie mit Ihrer Geschichte Hoffnung verliehen, wenn auch nicht direkt, doch durch Silbersilbenperlenketten. Sie werden es sicher spüren, wenn eine davon barfuß ihre Gänseblumenwiese betanzt…

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      2. Ja…es gibt sie wohl wirklich so viel, jede und jeder mit deiner Geschichte. In einem Strudel voll Dunkelheit. Um so wichtiger, hier und da eine Erinnerung zu streuen, das es ihn gibt. Den Weg daraus. Und das es sie gibt. Die Wiese voll Gänseblümchen.

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