Neue Pfade…

Voll Kraft packte sie ihre Habseligkeiten, drehte sich ein letztes mal um und marschierte los. Sie ging in dem Glauben, sie würde alles schaffen was sie sich je vorgenommen hatte.

Ihr Ziel war klar formuliert in ihrem Kopf. Und Tausendprozentig war sie sich sicher, sie würde es erreichen, weg von der alten unbefriedigenden Rotation ihres Seins. Auf in ein Leben in dem sie sein wollte wie sie war. Ohne Rollen spielen zu müssen, ohne zu sein, wie andere sie gern hätten und nichts konnte sie abhalten auf ihrem Weg.

Ihr Rucksack war voll mit Proviant. Sie hatte Stärke und Mut dabei, Humor, Freude und Kraft. Sie verließ ihr sicheres Zuhause auf den Weg ins Ungewisse.

Doch eins hatte sie nicht bedacht.
Ein sicheres Nest zu verlassen, bedeutet auch den Schutz des Heimes hinter sich zu lassen. Neuem zu begegnen auf das man nicht vorbereitet ist und Gefahren bewältigen zu müssen, die sie nicht kannte. Keinen festen Halt mehr zu haben, der bis dato – wenn auch nicht immer sichtbar – verlässlich da war.

Sie war allein.

Sie befand sich noch immer in der gleichen vertrauten Stadt. Noch immer mit den gleichen lieben Menschen, doch immer häufiger ertappte sie sich dabei, dass ihr alles so entfremdete. Sie wurde sich selber unbekannt.

In den hellen und warmen Tagen, bemerkte sie die sich langsam ausbreitende gefährliche Leere nicht.
Sie sah sie nicht kommen. Dieser kleine fiese Parasit biss sich Stück für Stück unauffällig weiter in ihr fest. Er verteilte sich unbemerklich in ihrem ganzen Körper. Und erst als die Tage mit großen Schritten kürzer wurden, die Sonne immer weniger am Himmel war, es kälter und kälter wurde, da fühlte sie etwas in sich, was ihr bis dato fremd war. Inhaltslosigkeit. Sie wurde zu einer Hülle. Gut getarnt mit Locken und ein wenig diskrete Farbe im Gesicht um das Nichts gut zuverbergen. Nur wer ganz genau hinschaute und sie gut kannte, der konnte das Nichts in ihren ausdruckslosen, von Schwermut verhangenen Augen sehen.
Wie konnte das sein und wie wurde sie dieses Ungeheuer das sich Leere schmipft und seine dunklen Gefährten, die innere Einsamkeit und die Angst wieder los werden.

Sie wusste es nicht, und es war ihr auch egal. Unwichtig, wie so vieles ab dieser Zeit.

Das Nichts nährte sich von den grauen Tagen, dunklen Gedanken und von der Kälte. Nun war es stark und gut genährt, und sie ein schwaches Häufchen Unglück, wenn auch für ihre Umwelt fast unsichtbar

. Einer jedoch sah diesen fiesen Parasiten ganz genau. Ihr alter Nachbar Wilbour. Ein Überbleibsel einer einst großen und mächtigen Zaubererfamilie. Er beobachtete schon lange ihre Veränderung und eines Tages war er sich sicher, er musste ihr helfen. Trost spenden alleine reichte nicht mehr aus, und ihre ständige Ambiguität und ihre leeren traurigen Augen versetzen ihn in höchste Alarmbereitschaft. Er machte sich auf in die alten Gewölbe unter seinem Heim um das alte Zauberbuch zu holen, welches sich seit fünf Generationen in dem Besitz seiner Familie befand.

Es dauerte Tage und Nächte, er routierte unaufhörlich in seinem Keller, bis er eines Tages die anscheinend richtige Formel fand, um ihr zu helfen. Er nah das Buch und machte sich auf den Wege zu ihr.

*

Ausdrucklos, wie immer, öffnete sie ihm die Türe und bat ihn herein. Ihre Wohnung spiegelte ihre Seele wieder. Nichts stand wirklich an seinem Platz, ihre einst so liebevoll gepflegten Pflanzen vegetierten achtlos vor sich hin. Es gab keine frischen Blumen mehr auf den Tischen und überall lag etwas herum. Nichts schien mehr einen geordneten Platz zu haben. Ja, ihr Heim ließ ihn genau in ihre leidende Seele blicken.

Sie nah ihn mit in die Küche und kochte ihnen beiden einen Tee. Nicht wie früher frischen Pfefferminztee, sondern das erste mal sah er bei ihr einen Teebeutel vor sich. Er machte sich wirklich Sorgen um sie. Doch nun lächelte er still in sich hinein, denn er war sich sicher, er hatte die richtigen Worte und das richtige Zubehör dabei.

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28 Kommentare

  1. Manchmal muss man gehen und, trotz anfänglichem Weiß im Inneren, das dann schnell ergraut, auch dieses Grau erblicken, um nicht im Schwarz des Ungegangenem zu ertrinken und, mit Hilfe eines Zauberers manchmal und manchmal auch allein, die Chance zu bekommen das Grau wieder mit saftigen Farben überstreichen zu können. Ob man dazu wieder zurückkommen muss oder die Farben auch im Anderswo findet ist dabei unerheblich. Doch hätte man das Schwarz nicht mit der Sehnsucht für das Weiße verlassen, dann hätte man weder erblickt, dass man eigentlich gar nicht weiß ist und dass es mehr als nur Schwarz und Weiß gibt. 😉
    Wunderschöne Geschichte! Bin gespannt wie es weitergeht. 🙂
    Liebe Grüße
    Chojin

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    1. Danke lieber Chojin, freut mich sehr Und recht hast du wohl. Es hat wie es scheint alles seine Bestimmung, so schmerzhaft sie manchmal auch ist. Und ich bin so froh, das es mehr als Schwarz und Weiß gibt und… das wir die Freiheit besitzen auch die Grautöne zu leben.
      Herzliche Grüße zurück
      Mia

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  2. Hat dies auf Red Skies over Paradise rebloggt und kommentierte:
    „[…] Ein sicheres Nest zu verlassen, bedeutet auch den Schutz des Heimes hinter sich zu lassen. Neuem zu begegnen auf das man nicht vorbereitet ist und Gefahren bewältigen zu müssen, die sie nicht kannte. Keinen festen Halt mehr zu haben, der bis dato – wenn auch nicht immer sichtbar – verlässlich da war. […]“

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      1. Du hast halt einfach keine Ahnung was passieren kann und wird, wenn du neue Wege gehst. Wie auch. Jeder ist ja individuell und einzigartig. Auch wenn es noch so viele ähnliche Beispiele gibt. Man kann eben keinen Garant geben…

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      2. Warst Du es oder jemand anders, der schrieb, was für ein mieses Gefühl es ist, wenn man zum letzten Mal das Haus/die Wohnung verlässt? Ich muss seitdem sehr häufig daran denken und es gehört viel Mut dazu. Aber einfach weiter so geht auch nicht.

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      3. Das war jemand anders. Kommt halt immer auf die seelische Freiwilligkeit an. Möchtest du gehen, hast du erstmal ein gutes Gefühl. Wirst du gegangen, sieht es ganz anders aus…
        Allerdings, ja, es gehört Mut dazu. Und ne Menge Kraft. Anders ist es wohl freiwillig nicht möglich…

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      4. Klar, wenn man gegangen wird ist immer doof. Aber selbst wenn man freiwillig geht stelle ich mir das schwierig vor. Man hat in den allermeisten Fällen auch sehr positive Zeiten erlebt. Bin gespannt wie „Deine“ Pfade weitergehen.

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  3. Verblüffend, wie die eigene Stimmungslage die Leseart verändert. Achseufzend lesen meine Augen traurig bis zum letzten Absatz, da springe ich auf und setze mir flugs einen Schokominzetee mit Ananassalbeiblättern auf. Und sage mir selber einen Zauberspruch auf. Danke für diese wie Hintern auf’n Pott passende Geschichte. Mit Feinstgrüßen, Ihre Frau Knobloch.

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    1. Oh werte Freundin Kobloch,
      ja, ich kenne das zu gut. Dazu dieses Grauingrau des Morgens, welches jetzt endlich von der warmen Sonne am Himmel verscheucht wurde. Da hilft wirklich nur eine Gaumenfreude und einige glücklichmachende Sonnenstrahlen. Allerdings klingt Ananassalbei grade fantastisch.
      Es grüßt mit einem Lächeln vor einem Haufen Papier,
      Ihre Ahnungslos

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      1. Ach, meine Liebe, das Grauingrau des Morgens bekümmert mich seltenst. Es ist eher das Grauingrau des Herzens, was ich in Ihrem Text erlas. So tief kann nur jemand schreiben, der wohl selber schon im Grau versank. Aber minzfrische und innersonnige Vertreibung des Grau sei beschworen und so grüße ich feinverschwörerischlächelnd zurück.

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      2. Zum Glück sind es nur einige wenige Zeitspannen und im großen betrachtet, verlaufen sie sich wieder.
        Aber ich verstehe, unsere Texte passen wirklich grade ziemlich gut zusammen…. 🙂

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      3. Verblüffend gut. Aber ich mag eigentlich lieber mehr meine Luftigleichtlebensfrohnotate und Ihre ebenso. Nun, das Klickerdiklack wird wieder vergnüglicher werden, es gehört alles zum Lebenslaufe dazu. Nahferne Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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      4. Absolut, da bin ich voll dabei. Her mit mehr Frohnatur.
        Und grinsen durfte ich doch gestern dennoch allemal, da berichtet mir doch die Nachbarin meinerseits, welche sich doch um des Jägers Trophäen kümmert, von einer wahrlich lustigen Situation. Mehr davon bald.
        Es sind eben die kleinen Momente, die zum Lachen bringen, welche das Grau dann beiseite schiebt. 🙂

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      1. Große Augen, staunendes Herz, bereit um die Spannung mit einem Luftsprung abzubauen, zu jubeln, zu tanzen und zu feiern, weil das Kunststück gelungen ist und Magie in und um einen lebt.
        Ja, dafür bin ich immer klein genug 🙂

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      2. Kann ich so gut nachvollziehen. Ich auch 🙂 Gibt so wunderbare Jungend- und Erwachsenenliteratur. Und wenn ein Buch es schafft, dich in die Geschichte hineinzuziehen, wunderbar 🙂

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