Traurigkeit

Es gibt so Tage, an denen du dir ahnungslos einen unbescholtenen cremefarbenen Kaffee holst. Ein Brötchen dazu und die Straße hinab gehst. Alles ist schön. Noch schnell in den Kiosk für ein Päckchen Kaugummi. Vor dir die Tagespresse mit einem Bild auf der Titelseite, welches dir nicht nur den Atem verschlägt, du kannst den Kopf nicht wenden und beginnst langsam die Zeilen ungewollt aufzunehmen. Ein lebloser Körper, hängend aus einem Fenster, verkrustetes Blut über dem nicht mehr zu erkennenden Gesicht hinab auf den Boden. Ein Gliedmaß fehlt.

Ein Bild was in meiner Kindheit verboten wäre gezeigt zu werden. Neben mir eine Gruppe von Schulkindern. Ein achtloser Blick von ihnen auf das Bild, zurück zu der den Dingen die für sie wichtig sind. Sie registrieren es gar nicht. Zum Glück. Für mich ist es zu spät. Der Kaffee schmeckt plötzlich fad, das Brötchen verschwindet in meiner Tasche, mir ist schlecht. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Es gibt so Tage, da gehen Meldungen mitten ins Herz. Das Herzschutzbataillon hat seinen Dienst wohl an diesem Morgen noch nicht aufgenommen. Hätte ich es gewußt wäre ich in die andere Richtung gegangen und auf die Kaugummis verzichtet.

Ich mache kehrt, das Bild weiterhin in meinem Kopf, der unter dem Bild befindliche Bericht hämmert mir immer mehr Kopfkino in meinen ungeschützten Schädel. Daheim angekommen fliegt die Jacke achtlos auf den Boden. Die Schuhe daneben. Ich registriere es nicht. Ich lasse meinem erschüttertem Hirn freien Lauf.

Dann legt sich die Traurigkeit wie eine warme Decke um dich. Sie bringt dich ins Bad, läßt dir eine heiße Wanne ein und führt dich sicher in das schützende Wasser. Du gleitest hinein lässt dich langsam fallen und mit der Zeit entspannst du von der Haarspitze bis hinab in die Zehen. Die Schwere löst sich langsam in deinem Hirn. Die Dämpfe murmeln leise sonorisch vor sich hin und die Umgebung schwindet langsam im Nebel deiner Gedanken, während du weiter in ihnen versinkst…

 

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8 Kommentare

  1. Gute Beschreibung der täglichen Entsetzlichkeit, die es immer wieder schafft, unseren Wohlstandskokon zu durchdringen. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erde keine Heilegänschenwelt ist. Danke auch Ihnen, der Text paßt hervorragend zu Frau Bukowskis heutiger Mahnung.

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    1. Ja, ich hab sie grad gelesen, passt sehr gut und es ist wirklich unabdingbar sich täglich ein wenig daran zu erinnern, wie häufig doch über so Sinnloses geschimpft wird und wie noch viel häufiger das Elementare einfach frech übersehen und ignoriert wird.

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      1. Stimmt. Jeder versucht eben eine unterschiedliche Botschaft zu vermitteln. Warum auch immer ist mein Fokus häufig bei den unschönen Dingen des Lebens, aber immer mit Option auf Ausweg. 🙂

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