Das verlassene Kind

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Wenige Erinnerungen sind geblieben. Mit großen Augen schaue ich diejenigen an, die sich an so vieles in ihrer Kindheit erinnern.  Die meisten meiner Erinnerungen sind verblasst oder einfach ausgeschnitten aus meinem Gedächtnis. Nun bin ich vierzig und der Tag fing so schön an.
Es ist Ende November und seit heute scheint die Kälte über das Land zuziehen um die dunkle und eisige Jahreszeit einzuläuten. Die vergangenen Tage waren eher düster und grau, doch heute, mit der Kälte, kam auch die Sonne wieder. Und mit dieser läßt sich die kalte Jahreszeit hier im Norden gut aushalten.
 
Schlimmer sind die kurz über Null Tage, Grau in Grau. Diese trüben Tage die nicht ganz hell werden und ein bleicher kahler Schleier über der Stadt liegt. Doch heute strahlte der Himmel trotz der Eiseskälte und das Eiskratzen wurde mit einem leichtem Lächeln begleitet. Voll Energie und Tatendrang begann der Tag. Wir fuhren, bekleidet mit alten Turnschuhen und ner alten Jeans, zu einer Freundin um ihr bei der Renovierung ihres wunderschönen neu angemieteten Haus zu helfen.
 
Raus aus der Stadt ab in das nächstgelegene Dorf im Süden unseres Landes. Es ist immer schön aus der Stadt zu fahren, vorbei an den weiten Feldern und nicht durch voll befahrene enge Straßen. Es ist traumhaft auf der Landstraße, einen Blick auf die Bussarde bei der Mäusejagd zu erhaschen und die Weite zu genießen.
Motiviert kommen wir an und eifrig wird gemalert. Zu dritt ist alles halb so wild und so vergehen die Stunden im Fluge. Der Kaffee nach getaner Arbeit schmeckt nochmal viel besser und stolz bewundern wir was wir alles geschafft haben. Ein riesiger Flur incl. Decke und eine schräge Wand des zukünftigen Schlafzimmers, erstrahlt in neuem Glanz… Mit leichten Rückenschmerzen jedoch ner Menge Energie nach all dem was so gut geklappt hat, incl. traumhaften Sonnenschein machen wir uns wieder auf dem Rückweg. Ach, das Leben ist schön.
 
Immer wieder muss ich das Tempo drosseln durch das Blenden der Sonne. Die Musik ist auf voller Lautstärke und ziemlich falsch singen wir mit. Ich freue mich auf die Kinder die gleich von der Schule nach Hause kommen, um mir mit ihnen nach diesem erfolgreichen Morgen uns ein leckeres Mittagessen außer Haus zu gönnen. Nichts könnte diesen Tag trüben. Hätte ich zumindest bis zu dem Augenblick noch gedacht, als ich den Briefkasten öffne und mir ein dicker Brief entgegen kommt.
Es ist ein kleiner Brief und er scheint mehrere Seiten zu haben. Ahnungslos renn ich schnell nach oben, bevor ich mir in die Hose mache. Ab die Post, verdammt, den falschen Schlüssel in die Tür gesteckt, aus meinen Beinen mach ich grade einen Knoten. Endlich. Tür ist auf, ab ins Bad. Den Brief in der Hand. Erleichtert über mein doch rechtzeitiges Gelingen öffne ich direkt vor Ort diesen Umschlag. Amtsgericht. Nachlassgericht. Testamentseröffnung… Das sind die Wörter die mir ins Auge springen. Ich wusste das dieser Brief kommen wird. Vor drei Monaten verstarb mein Vater.
 
Nicht das ich viel von ihm hatte, eher das Gegenteil war der Fall. Dennoch war ich auf der Beerdigung und gleichwohl war ich traurig. Ich wollte das nicht, schließlich hat er mich nicht gewollt. Zumindest ab dem Zeitpunkt nicht mehr, als meine Eltern sich trennten. Er ging nicht nur von meiner Mutter weg, sondern auch von mir. Hilflos stand ich daneben. So wie so viele andere Kinder auch. Jedes Kind mit einer eigenen Geschichte, eigenen Gefühlen und eigener Trauer.
Er ging und mir fehlte ein Teil.Es gibt nicht viele Bilder die uns zusammen zeigen. Doch eins auf dem er mich in einem Kinderwagen durch den Bürgerpark schiebt. Er mit Koteletten und Schlagcord, meine Mutter mit Minirock, enorm langen nordisch hellblonden Haaren und Kniestrümpfe, wie man sie damals trug. Sah schon schick aus dieser „Siebziger Look“. Ich war noch zu klein um mich genau dran zu erinnern. Ein kleines Baby im Kinderwagen. Das war ich…
 
Das nächste Bild zeigt wie er mich an den Händen lächelnd hält während ich von einem großen Stein auf einen Nächsten springe. Diese Aufnahme sieht unbeschwert aus, einfach ein Vater mit seinem Kind. Die Betonung liegt auf seinem Kind. Auch wenn ein Kind niemandem gehört, so ist es dennoch in Obhut der Eltern die es lieben sollten und an seiner Seite begleiten sollten, bis es seinen eigenen Weg alleine gehen kann. Das wäre zumindest der richtige Plan gewesen. Leider ändern sich Pläne, wie auch der Plan meines Vaters…
Viel habe ich von all dem vergessen. Doch es blieb etwas seit dem zurück. Man könnte es eine Dauerentzündung nennen. Etwas was immer mal wieder ausbricht, vor sich hin eitert und dann wieder oberflächlich bedeckt wird. Es ist ok, man lebt damit. Bis zu dem Moment, an dem der Cousin auch fünf wie ich zu der Zeit, an jenem Tage freudestrahlend erzählt er ist eingeladen zu einer Hochzeit. Zu der weiteren Hochzeit meines Vaters der mich verließ. Ein Schock. So ein Schock, das dieser Moment bis heute eingebrannt in den Erinnerungen, und zur ersten Ursache wird an die ich mich erinnere, in dem die unter der Haut brodelnde Entzündung ausbricht und bewußt weh tut. Sie schmerzt und eitert für eine Weile. Bis der Alltag diese wieder verschließt für eine Zeit. Kinder haben ja das große Glück das sie im Jetzt leben und somit auch vergängliches erst einmal recht gut verdrängen und ihre Zeit mit augenblicklichen Momenten füllen und nicht mit vergangenen. Aber eben nur für eine Zeit….
 
 
Diese Wunde begleitet nun das ganze Leben. Nun ist ein weiterer Ausbruch und das alles beim nichts ahnenden Öffnen dieses kleinen Briefes auf dem Klo. Mein Vater schrieb ein neues Testament vor einem Jahr. Vielleicht nach dem Bekanntwerden seiner unheilbaren Krankheit. Ich weiß es nicht genau , es ist auch nicht wichtig. Wichtig und unglaublich ist nur der Inhalt.
 
Ein paar Wochen zuvor begann das Thema Vater wieder eine große Rolle zu spielen. Ein Anruf meiner Tante holte ihn wieder an die Oberfläche. Sie teilte mir mit, das mein Vater tot krank in Berlin in der Charité liegt. Die Gedanken überschlugen sich zu dem Zeitpunkt. Will er mich sehen? Will ich ihn sehen? Bin ich willkommen? Mein Kopf war voll von Fragen, Überlegungen und auch Trauer. Selbst meine Tante bekam nur zufällig mit, wie krank er ist. Selbst sie wurde nicht über seinen Gesundheitszustand informiert und so standen auch ihr viele Fragen im Kopf. Wir wollten ihn besuchen fahren. Sie wollte mit ihm sprechen und auch meinen Besuch und sein Wille dazu eruieren. Ich wollte verzeihen, abschließen. Doch es kam nicht mehr dazu.
Zwei Tage nach Erfahren seines Befindens verstarb er und die Wunde brach auf. Mein Stolz riet mir immer ihn beiseite zu legen, ihn zu vergessen. So wie sicher jedes verlassene Kind wenigstens zum Eigenschutz dieses möchte. Tatsächlich aber bleibt er, egal wie alt man wird, ist, der Wunsch nach Klärung. Nach Wiederfinden. Nach Annahme. Ein Happy End.
Doch dazu kam es nicht.
 
 
Ich hätte gerne ein letztes Gespräch gehabt. Hätte ihm gern von seinen Enkelkindern erzählt. Hätte ihn gern zu seiner Geschichte befragt. Wäre gern meine doch tief vergrabene Wut losgeworden. Ein Unverständnis und eine Wut, die ich kurz fühlte, eines Tages, als meine Tochter ebenso alt war, wie ich zu dem Zeitpunkt des Verlassenwerdens. Eine strahlende, fröhliche Dreijährige die lachend an mir durch das Wohnzimmer rennt, neugierig auf das Leben, neugierig auf alles was ihr vor die Linse kommt. Ein ahnungslos glückliches Wesen, was keinen blassen Schimmer davon hat, wie es hätte ihr ergehen können. Ich hätte ihn gern nach seiner herzlosen und kalten späteren Frau befragt.
Ich hätte gern eine letzte Umarmung meines Vaters gespürt…
 

Sollte ein Mensch nicht, spätestens wenn er eine solch schlimme Diagnose bekommt kurz über sein Leben sinnieren und schauen was zu klären ist? Sollte er nicht im Reinen mit all dem sein, was Stück weit zu ihm gehört? Seine Familie, seine Geschwister, seine Kinder, Menschen die in seinem Leben nah waren. Sehr nah. Natürlich kann und wird es sogar vielleicht so sein, das wir , und speziell ich, nicht nah genug waren. Und so mit gibt es eventuell auch nicht das Bedürfnis ins Reine zu kommen. Einige letzte Worte zu teilen… Eine merkwürdige Erkenntnis die ich dann eines Tages mit ins Grab nehmen werde.

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7 Kommentare

  1. Tja, hier taucht der „Ernst“ dann doch wieder auf … Es gibt viele Parallelen zu meiner Geschichte. Ach Mia, in unseren Wunden gleichen wir uns. So, jetzt weiter schauen und wieder in die Pause 🙂

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  2. Liebe Frau Westend, Ihre Geschichte ist so ganz anders als meine und doch so gleich. Seit fast zwanzig Jahren riß meine ureigene Dauerwunde wieder und wieder auf. Ob ich jetzt endlich den Balsam gefunden, der endgültig heilt, ich weiß es nicht. Aber es gereicht zu der Erkenntnis, daß der Mensch mehr erträgt, als er sich selbst zutraut…
    Dies gelesen zu haben, reicht aus, um auch die Ihre Fährte aufzunehmen. Danke für’s Folgen und auf Wiederlesen, herzlichst, Frau Knobloch. Bitte mit o.

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    1. Liebe Frau Knobloch,
      Dann hat sie schon mal Gutes vollbracht 😉 Wie schön. Der Mensch hält unglaublich viel aus, er bearbeitet vieles, verarbeitet und ist ein Meister, Dinge zu verdrängen, bis eben hier und da zu gewissen Punkten. Dann ist es an der Zeit in den Keller zu gehen und gut verpackte staubige Kartons aufzureißen und einen Blick hinein zu werfen.
      Freue mich auf weiterern Austausch 🙂
      Herzlichst, Frau Ahnungslos

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      1. Ich bin immer wieder erstauntverblüffterfreut, wie einige wenige Worte manchmal ausreichen, um Vertrauen zu spüren und mit dem Gedanken zu flirten “ hey, den Menschen kenne ich!“. Faszinierend, jedwedes mal. Sehr angenehm, Frau Ahnungslos, sehrst sogar.

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